Auslandsjahr Test

Nicht immer ist das Verhältnis zwischen Austauschschüler und Gastfamilie so herzlich wie in diesem Fall.

Ein Jahr im Ausland, das kann der Höhepunkt eines Teenagerlebens werden – oder eine Katastrophe. Die Nachfrage ist so groß, dass die Veran­stalter es bei der Auswahl der Gastfamilien mitunter nicht so genau nehmen.

Gasteltern, die in einer so üblen Gegend wohnen, dass die Lehrer davor warnen, zu Fuß nach Hause zu gehen? Oder ein aufgebockter Wellblech-Container als Zuhause, wo der Fußboden unter dem Gewicht der Gastmutter einbricht? Es sind Horrorgeschichten, die uns einige Austauschschüler schildern. Eltern, die so mittellos sind, dass sie vom Austauschschüler Geld leihen, um Lebensmittel zu kaufen, Familien ohne Telefon und Internet. Und wie mögen sich deutsche Eltern fühlen, die mitten in der Nacht vom Vater einer Mitschülerin ihrer Tochter aus den USA angerufen werden, die Zustände in der Gastfamilie seien so untragbar, dass das Kind dringend dort heraus müsse, am besten sofort?

Geschätzte 10 000 bis 13 000 deutsche Teenager gehen jedes Jahr ins Ausland, meist für ein knappes Jahr. Rund 50 Veranstalter teilen sich den Markt, vor allem vier große Anbieter (siehe Tabelle 1). Zehn gewerbliche Anbieter haben sich im Deutschen Fachverband High­school zusammengeschlossen ( www. highschool.de). Gegenstück ist der Arbeitskreis gemeinnütziger Jugendaustauschorganisationen ( www.aja-org.de). Diese Verbände haben eigene Richtlinien erarbeitet. Aber es fehlen einheitliche, für alle verbindliche Qualitätsstandards.

Im Regelfall ist das nicht weiter tragisch. Denn die allermeisten Schüler sind hellauf begeistert, wenn sie zurückkehren. Für sie war es tatsächlich das „beste Jahr ihres Lebens“, wie es in der Werbung oft lautstark heißt. Es sind nur etwa fünf Prozent, für die der lang gehegte Wunschtraum zur Katastrophe wird: Sie müssen vorzeitig die Heimreise antreten.

Doch jeder einzelne ist einer zu viel. Deshalb stehen Eltern vor der Gretchenfrage: Welcher Organisation können sie vertrauen? Wir haben die Daten von 37 Anbietern erhoben und 786 Austauschschüler via Internet befragt. Die 21 größten Anbieter stehen in Tabelle 1 weitere 16 Veranstalter in Tabelle 2.

Auf eine Bewertung mit Qualitätsurteilen mussten wir verzichten. Denn ob ein Auslandsjahr zum Erfolg wird, hängt von zu vielen subjektiven Eigenschaften der beteiligten Personen ab. Eine „schwarze Liste“ von Organisationen gibt es nicht. Die Stuttgarter Aktion Bildungsinformation (ABI), die seit Jahren den Markt beobachtet, spricht mitunter Warnungen aus.

Kosten zwischen 3 800 und 7 500 Euro

Auslandsjahr Test

Ole Reuter erlebte in Alaska ein Jahr voller Abenteuer mit Fischen und Jagen als Freizeitvergnügen.

Auffallend ist die Trennung zwischen kommerziellen und gemeinnützigen Anbietern. Beim Preis gibt es zwischen ihnen kaum Unterschiede. Ein Jahresaufenthalt – meist zehn bis elf Monate – kostet bei den befragten Veranstaltern zwischen etwa 3 800 und 7 500 Euro, ein Halbjahresaufenthalt allenfalls einige Hundert Euro weniger. Hinzu kommen Taschengeld und sonstige Ausgaben, beispielsweise in den USA Abendgarderobe für „Homecoming“ oder „Graduation“ – Höhepunkte im Leben eines amerikanischen Schülers –, mitunter auch noch der Flug.

Gute Anbieter weisen schon im Pros­pekt auf die Schwierigkeiten hin. Ein Jahr in einer fremden Familie zu leben, erfordert Mut und Charakterstärke. Denn Rückschläge und Tiefs kommen immer. Wer ins Ausland geht, muss mit Konflikten umgehen können. Je niedriger die Erwartungshaltung, desto besser die Aussichten für ein gutes Jahr. Die Motivation sollte unbedingt vom Schüler ausgehen, nicht von den Eltern.

Nicht jeder Teenager ist für solch ein Abenteuer reif genug. Deshalb sollten die Veranstalter die Bewerber auch prüfen. Infrage kommen Schüler zwischen 15 und 18 Jahren, also nach der 10. oder 11. Klasse. Die meisten Organisationen führen persönliche Interviews durch: Einzelgespräche, Unterredungen mit den Eltern sowie in Gruppen. Das kann Minuten dauern oder Stunden – je intensiver, desto ernster nimmt der Anbieter seine Aufgabe. Ausschließlich telefonische Interviews oder schriftliche Bewerbungen sind zu wenig.

Vorbereitung

Eine gute Vorbereitung ist der Schlüssel für ein erfolgreiches Jahr. Nur wer weiß, was ihn erwartet, kann Probleme früh erkennen oder von vornherein vermeiden. Ehemalige Programmteilnehmer, die „Returnees“, sollten in dieser Phase helfen. Sie können aus eigenem Erleben jede Menge Tipps für die Praxis geben.

Einige Organisationen laden wöchentlich zu Arbeitsgruppen und Treffs ein. Dabei finden die Jugendlichen Gleichgesinnte, mit denen sie sich bei Problemen im Gastland austauschen können. Andere Veranstalter belassen es bei nur einem Treff, an dem auch die Eltern teilnehmen. Übrigens: Auch die Nachbereitung ist wichtig. Viele Jugendliche fallen nach der Rückkehr in ein tiefes Loch. Drüben lassen sie Freundschaften zurück, hier aber haben sie im Freundeskreis vieles verpasst. Während sie ihre Eindrücke erzählen möchten, fragen die anderen nur kurz und kehren zur Tagesordnung zurück.

Anreise

Um die Anreise müssen sich die Schüler oft selbst kümmern, vor allem bei kleinen Organisationen. Besser sind die von vielen Veranstaltern organisierten Gruppenflüge, auf denen Reisebegleiter beim Umsteigen zum Inlandsflug helfen können.

Organisation vor Ort

Die deutschen Anbieter arbeiten mit Austauschorganisationen vor Ort zusammen. Ein Großteil des Geldes, das Eltern bezahlen, geht an sie. In den USA werden nur gemeinnützige Veranstalter zugelassen. Sie werden vom Außenministerium überwacht. Um die Qualität zu sichern, gibt es das Council on Standards for International Educational Travel (CSIET). Es veröffentlicht eine Empfehlungsliste.

Die Partnerorganisation stellt Betreuer, meist Betreuerinnen, die gegen Bezahlung für mehrere Austauschschüler zuständig sind. Sie sollen regelmäßig Kontakt zu ihnen und zur Gastfamilie halten. Die Bedeutung dieser „Area Reps“ wird oft unterschätzt. Dabei sind sie das Sicherheitsnetz schlechthin: Wenn in der Familie etwas schief geht, sind die Jugendlichen gehalten, nicht gleich zu Hause anzurufen. Denn dort würde ein in der ersten Aufregung geschilderter Zwischenfall die Eltern nur beunruhigen. Verlässliche Ansprechpartnerin soll die Area Rep sein. Sie kennt alle Beteiligten und kann am ehesten die Wogen glätten.

Umso wichtiger ist es, dass sie den Schüler persönlich kennt. Es sollte selbstverständlich sein, dass sie schon bei der Ankunft mit der Gastfamilie am Flughafen ist. Engagierte Reps schauen monatlich vorbei und unternehmen etwas mit dem Schüler. So können Probleme früh erkannt und ausgeräumt werden.

Platzierung

Mit der Gastfamilie steht und fällt der Erfolg des Austauschjahrs. Doch Familien zu finden, ist für die Veranstalter ein schwieriges Geschäft. Es ist nicht unbedingt üblich, dass Interessenten sich von sich aus melden. Stattdessen suchen die Area Reps nach Gasteltern, oft per Inserat oder in der Kirchengemeinde.

In der Praxis kommt es vor, dass Area Reps zu viele Vermittlungen zusagen. Wenn dann der Veranstalter Druck macht und die Zeit eng wird, sinkt die Hemmschwelle, auch Familien mit geringer Eignung zu akzeptieren. Kritisch wird es auch, wenn Organisationen auch im Spätsommer noch Bewerber annehmen. Üblicherweise liegt der Bewerbungsschluss im Frühjahr.

Nach Beobachtungen der Aktion Bildungsinformation (ABI) passiert es zunehmend, dass Jugendliche mangels Gasteltern zunächst in einer „Welcome family“ untergebracht werden. Oft suchen sie sich dann auf eigene Faust eine Gastfamilie – häufig Lehrer ihrer Schule oder Eltern von Mitschülern.

Gastfamilie

Bei der Gastfamilie müssen die Jugendlichen sehr flexibel sein. Seriöse Organisationen weisen darauf hin, dass sie eventuell in winzigen Dörfern oder auf abgelegenen Farmen ohne öffentlichen Nahverkehr festsitzen. Die Gastfamilie kann finanziell und auch intellektuell auf einem ganz anderen Level stehen als von zu Hause gewohnt. Sie kann auch einen ganz anderen ethnischen Hintergrund haben. Speziell in den USA ist ein starker kirchlicher Bezug üblich. Denn Religion und Gemeinde spielen dort eine große Rolle.

Nur wenige Organisationen erlauben es, religiös geprägte Familien abzulehnen. Auch eine Gebietsgarantie, etwa für Kalifornien oder Florida, gibt es – wenn überhaupt – nur gegen Aufpreis. In anderen Ländern, etwa Neuseeland, sind solche Garantien eher möglich. Die Erfahrungsberichte in unserer Schülerumfrage zeigen, dass bei der Auswahl der Gastfamilien mitunter fahrlässig vorgegangen wird (siehe „Erfahrungsberichte“). Da gibt es Sektenmitglieder, Alleinstehende im Rentenalter oder typische „Couch-Potatoes“ als Gasteltern. „Mein Gastvater war Mexikaner ohne langfristige Aufenthaltsgenehmigung, er konnte kaum Englisch“, schreibt eine Schülerin.

Wichtig: Auch die Gasteltern erwarten etwas vom Schüler. Denn sie erhalten meist kein Geld, sondern lassen sich den Gast etwas kosten. Für zehn Monate ein fremdes Kind wie ein eigenes aufzunehmen, ist auch für sie ein Experiment, von dem sie sich etwas versprechen.

Familienwechsel

Dass Familienwechsel keine Seltenheit sind, mögen die meisten Austauschorganisationen nicht zugeben. Einige nennen Quoten zwischen null und sechs Prozent. „Ist noch nie passiert“, schrieb uns „Advised Studies“. Nur wenige geben 20 bis 30 Prozent an – und das dürfte wohl näher an der Wahrheit liegen. 28 Prozent der Schüler in unserer Umfrage haben die Familie gewechselt, davon 6 Prozent sogar mehrmals. Die Aktion Bildungsinformation schätzt, dass in den USA etwa 20 Prozent die Gasteltern wechseln und bis zu fünf Prozent vorzeitig zurückkehren.

Die Gründe sind vielfältig. 13 Prozent der Schüler nannten zu viele Regeln und Verbote, weitere 9 Prozent schlechtes Essen und mangelnde Hygiene, 7 Prozent Geldprobleme der Gasteltern, 6 Prozent unzureichende Wohnverhältnisse.

Die uns vorliegenden Erfahrungsbe­richte zeigen, dass die Organisationen gern versuchen, den Jugendlichen die Schuld zu geben. Auch die Aktion Bildungsinformation berichtet, dass zunehmend Schüler schon wegen geringfügiger Verstöße abrupt nach Hause geschickt werden. Wir meinen, das sollte erst möglich sein, wenn das Fehlverhalten trotz einer Ermahnung fortgesetzt wird.

An sich wäre ein Wechsel keine Katastrophe. Dass Menschen selbst bei sorgfältiger Auswahl und Vorbereitung nicht immer zueinander passen, ist im Leben einfach so. Zum Desaster wird ein Wechsel erst durch falschen Umgang mit der Situation. Da gibt es mitunter keine Hilfe von der Organisation. „Du bist nur noch vier Monate hier“, bekam eine Schülerin zu hören: „Wir wollen keine Familie für dich verschwenden, die sonst einen Schüler für ein Jahr nehmen würde.“

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