Biologische Rhythmen

Schon vor mehr als 200 Jahren haben Ärzte und Naturwissenschaftler tages- und auch jahreszeitliche Veränderungen beim Menschen beobachtet. So sinken Blutdruck, Puls, Atemfrequenz und Körpertemperatur in der Nacht, während andere Körperfunktionen auf Aktivität schalten. In den Stunden vor Mitternacht nimmt beispielsweise die Produktion von Magensäure zu, Haut und Haare erneuern sich und der Körper bildet Wachstumshormon. Diese Prozesse haben Einfluss auf die Wirkung von Medikamenten. Der noch recht junge Forschungszweig Chronopharmakologie beschäftigt sich damit. Das Forschungsziel: Wann Medikamente besonders gut wirken und Nebenwirkungen möglichst gering ausfallen. test.de zeigt, was es bringen kann, auf die „innere Uhr“ zu hören.

Steuerung im Körper

Im Zwischenhirn des Menschen, nur wenige Zentimeter hinter der Nasenwurzel, befinden sich zwei reiskorngroße Nervenzellbündel. Dieses Zentrum steuert die „innere Uhr“ im Körper. Es wird auch der suprachiasmatische Kern genannt. Der wichtigste genetisch festgelegt Rhythmus entspricht ungefähr den 24 Stunden eines Tages. Die innere Uhr synchronisiert ihren Takt vor allem mit dem Wechsel von Hell und Dunkel. Der Körperrhythmus erlaubt auch Anpassungen an äußer Bedingungen - etwa die Jahreszeiten und veränderte Temperaturen. Im Alter verschieben sich die Rhythmen weiter nach vorn. So werden ältere Menschen früher müde, wachen aber auch früher auf.

Beispiel Kortisol

Schon relativ früh erkannten Wissenschaftler den regelmäßigen Wechsel der Kortisolkonzentration im Blut. Morgens schießen extrem hohe Mengen des Hormons in den Blutkreislauf. Kortisol trimmt den Körper auf Aktivität und hält Zucker-, Fett- und Eiweißstoffwechsel in Gang. Nachmittags sinkt der Kortisolspiegel allmählich ab. Um Mitternacht sind die Werte dann am geringsten. Dieses Wissen spielt für die Behandlung von Entzündungen und Hautkrankheiten mit Kortison eine große Rolle. Patienten sollten Kortisonpräparate entsprechend der natürlichen Kortisolkonzentration anwenden - also morgens. Die körpereigene Produktion des Hormons wird durch die Präparate nicht oder nur wenig unterdrückt. Patienten können also durch die Anwendung am Morgen die Dosis in vielen Fällen reduzieren und die Nebenwirkungen sind geringer.

Beispiel Asthma

Gerade nachts leiden viele Asthmakranke unter Atemnot. Ein Grund dafür: Die Weite der Bronchien verändert sich im Laufe des Tages. Am Nachmittag sind die Bronchien oft weit, nachts dagegen besonders eng. Zudem ist die Empfindlichkeit gegenüber Milben, Staub und Federn nachts höher. Dies kann ebenfalls einen Asthmaanfall auslösen. Wer vor allem nachts gefährdet ist, sollte Asthmamittel daher am Abend einnehmen oder Präparate mit Langzeitwirkung wählen, die ihren Wirkstoff nur langsam abgeben. Dadurch sind Asthmatiker zum Zeitpunkt der größten Gefährdung wirksam geschützt.

Körperrhythmen nutzen

Der Biorhythmus beeinflusst viele Vorgänge im Körper. Wer Bescheid weiß, kann dies nicht nur für die Einnahme von Medikamenten nutzen. Auch Krankheitsverläufe oder Schmerzen können durch die Chronopharmakologie besser erkannt und behandelt werden:

  • Symptome. Sie können eine Gesundheitsstörung besser beurteilen, wenn Sie die Krankheitssymptome genau beobachten und Messwerte mehrmals am Tag aufzeichnen
  • Blutdruck. Wenn Sie Probleme mit dem Blutdruck haben, sollten Sie mehrmals am Tag messen, um so Ihr individuelles Blutdruckprofil zu erstellen. Haben Sie nur einmal am Tag Zeit, sollten Sie immer um die gleiche Zeit messen, um Abweichungen besser einzuschätzen.
  • Fieber. Da die Körpertemperatur am Morgen niedriger als am Abend ist, sollten Sie besser in der Frühe Fieber messen. Dann ist die gemessene Temperatur aussagekräftiger.
  • Schmerzen. Wenn Sie Schmerzmittel abends einnehmen, sind die Nebenwirkungen bei vielen Präparaten geringer. Grund: Die Magenschleimhäute sind nachts weniger empfindlich.
  • Zahnarztbehandlungen. Der ideale Zeitpunkt für eine Zahnarztbehandlung ist der frühe Nachmittag. Die Zähne sind dann weniger schmerzempfindlich. Betäubungsspritzen wirken länger und intensiver.

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