Arznei­mittel Test

Kindgerecht. Saft lässt sich gut dosieren und leicht schlu­cken.

Viele Medikamente können kleinen Patienten schaden, darunter der Klassiker Azetylsalizylsäure, kurz ASS. Oft gibt es sichere Alternativen, hier finden Sie die 80 besten.

Sie sind so zart – und kommen in eine raue Welt. In den ersten Lebens­monaten sind Babys noch durch Abwehr­stoffe aus Mutterleib und Muttermilch gegen Krank­heits­erreger gewappnet. Dieser Nest­schutz hält jedoch nicht ewig und die eigene Immun­abwehr entwickelt sich nur lang­sam. Spätestens im Kinder­garten, einer Spielwiese für Viren und Bakterien, geht es meist los: Grippe, Durch­fall, Mittel­ohr­entzündung – bis zu zehn Infekte haben Kinder pro Jahr. Viel mehr als Erwachsene.

Die 80 besten Medikamente

Arznei­mittel Test

Heiz­kraft. Fieber kurbelt die Immun­abwehr an – erst ab etwa 39° senken.

Für Eltern eine Belastung. „Es ist schwer, sein Kind so leiden zu sehen“, sagt die Mutter von Leo, 6 Jahre. Hinzu komme oft Unsicherheit, was hilft, und manchmal große Sorge: „Als mein Sohn zum ersten Mal mit 41 Grad Fieber auf dem Wickeltisch lag, rutschte mein Herz ganz schön in die Hose.“ Hohes Fieber kommt bei Kindern recht häufig vor. Dennoch kann es durch­aus einen Arzt­besuch erfordern Warnzeichen erkennen.

Bei harmlosen Beschwerden müssen Eltern nicht ins Warte­zimmer – sie können mit allgemeinen Maßnahmen oder rezept­freien Mitteln helfen. Bei Letzteren sollten sie jedoch genau hinschauen. Der Markt ist riesig. Nicht jedes Präparat hält, was die Werbung verspricht. Wir zeigen die 80 besten und güns­tigsten rezept­freien Medikamente gegen häufige Leiden bei Kindern.

Die Mittel sind laut unserer Bewertung meist „geeignet“ oder sonst zumindest „mit Einschränkung geeignet“ und ab Geburt oder kurz danach verwend­bar.

Tipp: Im Handbuch Medikamente der Stiftung Warentest finden sich Bewertungen zu 7 000 häufig verschriebenen, rezept­pflichtigen Medikamenten. Das Hand­buch Medikamente ersetzt nicht den Arzt, gehört aber in jeden Haushalt zur persönlichen und unabhängigen Orientierung rund um Verschreibungen von Arznei­mitteln und Behand­lungs­strategien. Noch mehr Bewertungen zu über 9 000 Medikamenten für 185 Anwendungs­gebiete finden sich in der Daten­bank Medikamente im Test auf test.de

Gängige Mittel für Kinder oft tabu

Arznei­mittel Test

Bauchweh. Es begleitet oft Magen-Darm-Infekte.

Kinder reagieren empfindlicher auf Arznei­mittel als Erwachsene. „Eltern sollten Medikamente nicht unnötig und nur in der richtigen Dosis verwenden“, sagt Professor Dr. Joachim Freihorst, Chef­arzt der Kinder­klinik am Ostalb-Klinikum Aalen und einer unserer Arznei­mittel­experten. „Keinesfalls dürfen Eltern einfach in die eigene Haus­apotheke greifen.“ Etwa die Hälfte der Medikamente in Deutsch­land ist für Kinder gar nicht zugelassen. Manche können ihnen sogar schaden – selbst rezept­freie.

So ist ein Klassiker für Unter-12-Jährige tabu: Azetylsalizylsäure, kurz ASS, erst­mals vermarktet als Aspirin. Der Stoff kann bei Kindern, wenn auch sehr selten, das Reye-Syndrom verursachen – mit schweren bis tödlichen Leber- und Hirn­schäden. Viele gängige Kombiprä­parate wie Grip­postad C, Thomapyrin oder Wick Medinait und Daymed sind für kleine Patienten ebenfalls nicht zugelassen – und für Erwachsene laut unserer Bewertung „wenig geeignet“.

Zudem gilt: Pflanzlich heißt nicht auto­matisch harmlos. So können ätherische Öle wie Kampfer, Menthol, Cineol, Pfefferminz- oder Eukalyptusöl bei Babys sowie größeren Kindern mit Asthma lebens­bedrohliche Atemnot auslösen. Die Stoffe finden sich etwa in Wick VapoRub, Bronchoforton Salbe, Pinimenthol Erkältungs­balsam, -bad und -inhalat.

Tipp: Verwenden Sie solche Präparate frühestens im dritten Lebens­jahr zum Einreiben und ab dem sechsten Geburts­tag zum Inhalieren. Letzteres geht auch nur mit heißem Wasser, verflüssigt den Schleim in den Atemwegen und hilft bei Husten, Schnupfen oder entzündeten Nasen­neben­höhlen. Ohne Verbrühungs­gefahr klappt es mit Plastikinhalatoren oder teureren Inhalations­geräten, etwa von Pari oder Inqua. Der Arzt kann sie verordnen. Oft bieten Apotheken zudem einen Leih­service an.

Auf die Dosierung achten

Arznei­mittel Test

Durch­checken. Kranke Säuglinge gehören meist zum Arzt.

Ob Kinder Medikamente nehmen dürfen, sehen Ärzte und Apotheker in Daten­banken und Fachbüchern. Auch der Beipack­zettel gibt Auskunft. „Eltern sollten ihn lesen und die Dosier­vorgabe beachten“, sagt Freihorst. „Ab einer gewissen Menge können auch zugelassene Mittel schaden.“ So liegen bei Parazetamol erwünschte Effekte und gefürchtete Neben­wirkungen wie Leberschäden nah beieinander. Auch Mittel zum Schlafen oder gegen Übel­keit wie Sedaplus oder Vomex A sind nicht ohne.

Das bekam kürzlich Jan zu spüren. Weil dem Zweijäh­rigen schlecht war, gab ihm seine Mutter ein Vomex-A-Zäpf­chen – aus Versehen in der Dosis für größere Kinder. Der Junge war darauf­hin kaum wieder­zuerkennen, er war müde und benommen. Ab und zu zuckte sein Körper unkontrolliert. Nach zwei Tagen unter ärzt­licher Betreuung endete der Spuk.

Der Wirk­stoff des Zäpf­chens, Dimenhydrinat, sowie die verwandten Substanzen Diphenhydramin und Doxylamin können solche Neben­wirkungen verursachen – und schlimmere wie Krämpfe und Halluzinationen. Gefährdet sind vor allem Kinder unter drei Jahren, warnte 2013 das Bundes­institut für Arznei­mittel und Medizin­produkte. Es empfiehlt, die Mittel in diesem Alter spar­sam einzusetzen, den Beipack­zettel strikt zu beachten und Über­dosierungen „unter allen Umständen“ zu vermeiden.

Tipp: Geben Sie Kindern Schlaf­mittel nur nach Rück­sprache mit dem Arzt. Am sichersten bei Übel­keit: Emesan mit dem Wirk­stoff Diphenhydramin Tabelle: Durchfall, Übelkeit. Saft und Zäpf­chen eignen sich für Kinder grund­sätzlich besser als Tabletten, die sie oft erst ab dem Schul­alter schlu­cken können. Forscher arbeiten an noch kindgerechteren Arzneiformen wie Mini­tabletten. Manche Flüssig­keiten enthalten Alkohol, der in Pflanzen­extrakten häufig als Löse­mittel dient. Er schadet Kindern bei kurzer Anwendung wohl nicht. Trotzdem sind Alternativen ohne Alkohol vorzuziehen.

Die Dosis macht das Gift

Arznei­mittel Test

Rotznase. Sie macht bei Babys ein Nasens­auger frei.

Rotznase. Sie macht bei Babys ein Nasens­auger frei.

Mehr als ein Fünftel der Kinder in Deutsch­land erhält falsch dosierte Arzneien. Das ergab eine 2013 veröffent­liche Zusatz­auswertung zur Kiggs-Studie mit knapp 17 500 Kindern und Jugend­lichen. Etwa die Hälfte von ihnen hatte in der Woche vor der Befragung Medikamente einge­nommen. Rund 5 Prozent bekamen dabei zu hoch dosierte Mittel – und 17 Prozent zu nied­rig dosierte.

Vor allem das zweite Ergebnis war für die Forscher über­raschend, sagt eine der Auto­rinnen, Privatdozentin Dr. Antje Neubert von der Kinder­klinik der Uni Erlangen. „Wir vermuten, dass Eltern Neben­wirkungen fürchten, ihrem Kind ein Mittel aber nicht vorenthalten möchten – und eigenmächtig etwas weniger geben, als vom Arzt verordnet oder in der Packungs­beilage empfohlen.“ Neubert warnt vor dieser Halb­herzig­keit: „Neben­wirkungen können auch unabhängig von der Dosis auftreten, gewünschte Effekte hingegen ausbleiben.“

Eines findet die Forscherin besonders bedenk­lich: „Oft werden Antibiotika zu nied­rig dosiert. Das begüns­tigt die Bildung von Resistenzen.“ Bakterien, auch gefähr­liche, werden dann unempfindlich gegen vormals wirk­same Arznei­mittel.

Kinder schlu­cken zu oft Antibiotika

Resistenzen entstehen zudem, wenn Antibiotika leicht­fertig und ungezielt zum Einsatz kommen. Kinder schlu­cken die Mittel weit häufiger als Erwachsene, zeigte 2012 eine Studie der Bertels­mann Stiftung – vor allem bei Atemwegs­infekten wie Erkältung, Grippe, Schnupfen, Husten, Bronchitis.

Das Fatale: Diese Erkrankungen sind meist von Viren verursacht. Antibiotika wirken aber nur bei bakteriellen Infektionen – und das vielleicht auch nicht mehr ewig. Die Zahl der Resistenzen steigt. „Die Ärzte wissen um die Problematik“, sagt Freihorst. „Trotzdem verordnen sie oft unnötige Antibiotika.“ Vielfach diene das der Beruhigung besorgter Eltern, die sich erst mit Rezept in der Hand gut betreut fühlen.

Bei Ben und Lina, 11 und 9, läuft das anders, sagt ihre Mutter: „Meine Kinder­ärztin hält sich mit Antibiotika zurück, und ich finde das gut.“ Die Geschwister nahmen sie nur bei drohender oder bestehender Lungen­entzündung. Alle anderen Atemwegs­infekte vergingen von allein, selbst Mittel­ohr­entzündungen. Bei Ohren­schmerzen gibt die Mutter Schmerz­mittel und Nasen­tropfen. Und sie geht bei beunruhigenden Symptomen stets zur Ärztin, um ernste Erkrankungen auszuschließen.

Tipp: Kinder­ärzte kennen gute Allgemeinmaß­nahmen gegen Krankheiten – fragen Sie nach. Geht es nicht ohne Medikament, gilt: Anders als bei Erwachsenen erstatten die Krankenkassen bei Unter-12-Jährigen auch die Kosten für rezept­freie Mittel, wenn der Arzt diese verordnet. Einige Versicherer, wie zum Beispiel die AOK Plus, zahlen zudem für 12- bis 17-Jährige.

Was Homöo­pathie bewirkt

Viele Ärzte und Eltern setzen auf homöo­pathische Präparate. Ihre Inhalts­stoffe sind stark verdünnt, teils gar nicht mehr nach­weisbar. Zwar fehlen über­zeugende Belege für einen Nutzen – dennoch bietet die Methode laut Freihorst zwei wichtige Vorzüge: „Sie verursacht kaum Neben­wirkungen, und sie gibt Eltern und Kindern das beruhigende Gefühl, dass etwas gegen die Krankheit passiert.“ Der Experte warnt allerdings davor, schwere Leiden allein mit Homöo­pathie zu behandeln.

Egal, ob Alternativ- oder Schulmedizin – bereits die Gabe von Medikamenten lindert bei Kindern oft schon das Leid. Diesen Placebo-Effekt, wonach sogar Pillen ohne Wirk­stoff helfen, kennen Forscher bei Erwachsenen schon lange: Patienten geht es durch die Hoff­nung auf Heilung besser, etwa weil das Gehirn erwartungs­froh schmerz­stillende Boten­stoffe freisetzt. „Die Mecha­nismen greifen bereits bei Kindern“, sagt Freihorst. „Selbst bei ganz jungen über­trägt sich zudem wohl schon die Zuver­sicht der Eltern und Ärzte.“

Tipp: Die Erkennt­nis lässt sich nutzen. Zuwendung, Ruhe und Geborgenheit helfen Kindern enorm beim Gesundwerden.

Zu wenig geprüfte Arzneien

Arznei­mittel Test

Kehr­aus. Ein Läusekamm hilft, die Schmarotzer und ihre Eier loszuwerden.

Manchmal kostet es Eltern viel Kraft, Optimismus auszustrahlen – vor allem, wenn Kinder schwer erkranken. Hinzu kommt: Gerade bei ernsten oder chro­nischen Leiden mangelt es an Medikamenten, die an Kindern klinisch erprobt sind. Müssen solche ungeprüften Mittel zum Einsatz kommen, tappen Ärzte quasi im Dunkeln. „Es fehlen verläss­liche Informationen zu den Neben­wirkungen und zur richtigen Dosierung“, sagt Forscherin Neubert. Daten von Erwachsenen ließen sich nur begrenzt über­tragen, weil der kindliche Organismus Medikamente anders verstoff­wechselt.

„Klarheit schaffen können klinische Studien mit Kindern“, sagt Neubert. Die aber seien aufwendig und für die Firmen wenig lukrativ, da Kinder nur einen kleinen Teil des Arznei­mittel­marktes ausmachen.

Die EU will den Miss­stand beheben. Seit 2007 verpflichtet sie Hersteller, viele neue Medikamente auch an Minderjäh­rigen zu testen. Bis Ende 2012 wurden rund 600 Prüfpläne genehmigt. Abge­schlossen ist ein Bruch­teil – wohl wegen der langen Vorlauf­zeiten bis zur Markt­reife neuer Arzneien und der bewusst strengen Auflagen zum Schutz von Kindern bei klinischen Studien.

In Brüssel gibt man sich dennoch opti­mistisch, dass die Situation sich künftig bessert. Bis dahin müssen Ärzte laut Professor Freihorst vorgehen wie bisher: „Sorgfältig abwägen, ob Arzneien ohne Kinder­zulassung wirk­lich nötig sind, Erfahrungs­werte nutzen, Eltern gründlich aufklären, Kinder gut über­wachen.“ Das gelte vor allem bei schweren und seltenen Krankheiten; gegen die üblichen Beschwerden gebe es glück­licher­weise erprobte Mittel.

Der Körper wächst an Infekten

Außerdem bestehen gute Chancen, dass Kinder vielen Leiden einfach entwachsen. Der Grund: Jeder einzelne Infekt rüstet das Immun­system für eine bessere Abwehr in der Zukunft.

Selbst Emil, 10, ist wohl über den Berg – trotz eines denk­bar schweren Starts. „Von seinen ersten 365 Tagen war er gefühlte 180 krank“, sagt die Mutter. „Im zweiten Jahr ging es ihm nur unwesentlich besser.“ Ihn musste nur jemand auf der Straße anhusten, und er fing sich etwas ein, litt zudem an Neuroder­mitis und Allergien. Wegen Heuschnupfen geht er immer noch regel­mäßig zum Arzt. Alles andere bekam sein Körper inzwischen ziemlich gut in den Griff, sagt seine Mutter: „Auch wenn man es anfangs nicht glauben mochte – heute ist mein Sohn ein gesundes, sport­liches und starkes Kind.“

Dieser Artikel ist hilfreich. 63 Nutzer finden das hilfreich.