Arbeits­zeugnis Special

„Er wusste sich gut zu verkaufen.“

Hinter wohl­klingenden Sätzen stecken oft vernichtende Urteile. Finanztest entschlüsselt Sprach­codes und sagt, was zu tun ist.

Das macht Freude: „Wir bedauern ihr Ausscheiden sehr, danken ihr für ihre stets exzellenten Leistungen und wünschen ihr für den weiteren Werdegang alles Gute.“ Wer in seinem Arbeits­zeugnis vom Chef so verabschiedet wird, kann zufrieden sein. Ist es durchweg über­schwäng­lich, hat es die Note „1“ . „Wir bedanken uns für ihre Mitarbeit“, klingt weit­aus reser­vierter und heißt über­setzt: „Endlich sind wir sie los!“

Das steckt hinter den Zufrieden­heits­floskeln

Der Arbeitnehmer hat die ihm über­tragenen Aufgaben … erledigt

Note

 Stets zu unserer vollsten Zufriedenheit

1 (Sehr gut)

Stets zu unserer vollen Zufriedenheit

2 (Gut)

Zu unserer vollen Zufriedenheit

2–3 (Voll­befriedigend)

Stets zu unserer Zufriedenheit

3 (Befriedigend)

Zu unserer Zufriedenheit

4 (Ausreichend)

Insgesamt / im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit

5 (Mangelhaft)

Hat sich bemüht / hat zu unserer Zufriedenheit zu erledigen versucht / führte die über­tragenden Aufgaben mit großem Fleiß und Interesse durch

6 (Ungenügend)

      Meistens gute Noten

      Arbeits­zeugnis Special

      „Sie war sehr tüchtig.“

      Arbeits­zeugnis Special

      „Zu unserer Zufriedenheit“

      Mehr als 80 Prozent aller Arbeits­zeug­nisse haben die Noten „sehr gut“ oder „gut“, berichtet Alexander Bredereck, Fach­anwalt für Arbeits­recht in Berlin. Umso wichtiger ist es für diejenigen mit schlechteren Beur­teilungen, diese als solche zu erkennen.

      Das ist gar nicht so leicht. Denn die Zeug­nissprache steckt voller Geheimcodes. Der Grund: Ein Chef darf nicht schonungs­los offen über seinen Mitarbeiter urteilen. Laut Bundes­arbeits­gericht muss ein Arbeits­zeugnis „wahr“, „wohl­wollend“ und „voll­ständig“ sein. Vorgesetzte nutzen bestimmte Formulierungen, um nicht offensicht­lich negativ zu schreiben und dennoch bei der Wahr­heit zu bleiben. Hinter vermeintlich positiven Wendungen stecken oft abwertende Bedeutungen.

      Aber: Unzu­lässige Zeug­nisformulierungen können vor Gericht angefochten werden. Dafür muss der Empfänger sie jedoch erst einmal entschlüsseln. Hilf­reich sind zahlreiche Beratungs­seiten im Internet (zum Beispiel Arbeitnehmerkammer.de, Such­wort: Arbeits­zeugnis).

      Auch einige professionelle Codekna­cker nehmen Beur­teilungen unter die Lupe, meist kosten­pflichtig. Zeug­nisberater finden sich im Internet (beispiels­weise unter Arbeits­zeugnis.de). Weitere geeignete Ansprech­partner sind etwa ein Anwalt für Arbeits­recht oder, falls im Unternehmen vorhanden, ein Betriebsrat. Dieser darf wegen eines Zeug­nisses aber nur beraten, ein Mitspracherecht hat er nicht.

      Finanztest entschlüsselt häufige Zeug­niscodes und beant­wortet die wichtigsten Fragen rund ums Arbeits­zeugnis.

      Wann erhalte ich ein Arbeits­zeugnis?

      Ein Arbeits­zeugnis verlangen können Sie als Arbeitnehmer, freier Mitarbeiter und Auszubildender. In der Regel wird das Zeugnis am letzten Arbeits­tag ausgestellt. Wird Ihnen gekündigt, können Sie bereits ein Zeugnis verlangen, wenn Sie die Kündigung erhalten. So können Sie sich schon während der Kündigungs­frist um eine neue Stelle bewerben. Das geht allerdings auch mit Ihrem aktuellsten Zwischen­zeugnis. Dieses können Sie beispiels­weise fordern, wenn Sie mehrere Jahre ohne zwischen­zeitliche Beur­teilung in einer Firma gearbeitet haben oder bevor Sie in die Eltern­zeit oder in eine andere berufliche Auszeit gehen. Auch ohne konkreten Anlass können Sie etwa einmal im Jahr um eine solche Beur­teilung bitten.

      Wie lange nach Ausscheiden habe ich Anspruch auf ein Zeugnis?

      Warten Sie nicht zu lange. Das vermeidet Ärger und Erinnerungs­lücken auf beiden Seiten. Für den gesetzlichen Anspruch gilt die gesetzliche Verjährung von drei Jahren. In der Praxis sieht es jedoch anders aus. Die Arbeits­gerichte halten nur einen Zeitraum von vier bis zehn Monaten für angemessen. Danach kann der Arbeit­geber sagen, er stellt Ihnen kein Zeugnis mehr aus. Dann haben Sie Ihren Anspruch „verwirkt“.

      Wie muss ein Arbeits­zeugnis aussehen?

      Das Arbeits­zeugnis sollte schriftlich und, falls vorhanden, auf Firmen­papier in einheitlicher Schrift gedruckt werden. Nicht möglich ist ein nur als E-Mail an Sie über­mitteltes Arbeits­zeugnis. Das Papier sollte keine Flecken, Esels­ohren, Recht­schreib­fehler, Korrekturen, Einfügungen oder Radierungen haben. Erhalten Sie kein ordentliches Zeugnis, können Sie ein neues verlangen. Das gilt übrigens auch dann, wenn es verloren­geht. Egal, wer es verbummelt hat. Das Dokument endet mit Ausstellungs­ort und -datum und der Unter­schrift des Arbeit­gebers oder eines weisungs­befugten Vorgesetzten.

      Was sollte ein Arbeits­zeugnis enthalten?

      Das kommt auf den Typ des Zeug­nisses an. Es gibt einfache und qualifizierte, also ausführ­liche Zeug­nisse.

      Welche Variante Sie bekommen, hängt in der Regel von der Dauer Ihrer Tätig­keit im Unternehmen ab. Bei Arbeits­verhält­nissen oder Praktika von einigen Tagen oder Wochen schreiben Arbeit­geber nur ungern längere Zeug­nisse. In solchen Fällen erstellen sie das einfache Zeugnis. Es enthält die Personalien, eine Tätig­keits­beschreibung und eine Schluss­formel.

      Besser ist stets ein qualifiziertes Zeugnis. Im Ideal­fall umfasst es folgende Teile:

      • Über­schrift, Anschrift des Arbeit­gebers und genaue Beschreibung des Arbeitnehmers.
      • Werdegang des Mitarbeiters in der Firma. Abmahnungen, Urlaub und Krankheiten haben im Zeugnis nichts zu suchen. Eine Eltern­zeit darf nur erwähnt werden, wenn sie mehr als die Hälfte der Gesamt­beschätigungs­dauer ausgemacht hat.
      • Konkrete Beschreibung aller Tätig­keiten. Diese Liste muss voll­ständig sein. Lässt der Arbeit­geber wichtige Tätig­keiten aus, hinterlässt das meist einen schlechten Eindruck.
      • Beur­teilung von Leistung und Verhalten. Ausschlag­gebend sind Arbeits­weise, Fachwissen, Motivation und Erfolge. Auch der Umgang mit Kunden, Kollegen und Vorgesetzten wird bewertet. Aus einer zusammenfassenden Beur­teilung lässt sich auf eine Note schließen.
      • Das Arbeits­zeugnis endet mit Dank­sagung und Wunsch­formel. Aber: Einen Anspruch darauf hat ein Arbeitnehmer nicht.
      • Der Schluss­teil geht auch auf den Grund ein, aus dem ein Mitarbeiter das Unternehmen verlässt.

      Kann ich mein Arbeits­zeugnis selbst schreiben?

      Ja, aber davon raten wir ab. Als Selbst­schreiber kennen Sie wohl nur selten die Zeug­nissprache und stellen sich möglicher­weise nur ein mittel­mäßiges Zeugnis aus. Bescheidenheit ist fehl am Platz. Anderer­seits kann ein zu gutes Zeugnis über­trieben wirken. Außerdem kennen Sie womöglich nicht die in Ihrer Branche üblichen Formulierungen. Ein neuer Arbeit­geber könnte das negativ werten. Falls gewünscht, teilen Sie sich die Arbeit: Über­lassen Sie Ihrem Chef die Beur­teilung von Leistung und Verhalten, die Angaben zur Person und das Beschreiben Ihrer Tätig­keit über­nehmen Sie.

      Was mache ich, wenn ich kein Zeugnis erhalte?

      Haben Sie ausdrück­lich um ein Arbeits­zeugnis gebeten, aber Ihr Arbeit­geber rückt es nicht heraus, können Sie das Zeugnis beim Arbeits­gericht einklagen. Brauchen Sie es sehr dringend, können Sie auch im Eilverfahren bei Gericht eine einst­weilige Verfügung erwirken.

      Wie kann ich ein schlechtes Zeugnis berichtigen lassen?

      Da die allermeisten Arbeits­zeug­nisse mindestens gut sind, empfiehlt Arbeits­rechtler Bredereck: „Legen Sie Zeug­nisse mit einer nur befriedigenden Bewertung lieber nicht den Bewerbungs­unterlagen bei.“ Anderer­seits sieht er eine mehr­jährige Lücke im Lebens­lauf auch als ungünstig an.

      Suchen Sie in so einem Fall zunächst das Gespräch mit Ihrem ehemaligen Vorgesetzten, versuchen Sie auf diesem Weg, Miss­verständ­nisse auszuräumen und Probleme zu klären. Möglicher­weise können Sie ihn davon über­zeugen, das Zeugnis „nach oben“ zu ändern. Gelingt Ihnen das nicht, bleibt nur der Gang vor das zuständige Arbeits­gericht.

      Welche Chancen hat eine Klage vor Gericht?

      Eine sogenannte Korrekt­urklage birgt erhebliche Risiken. Bredereck erklärt: „Nach ständiger Recht­sprechung des Bundes­arbeits­gerichts muss der Arbeitnehmer Leistungen, die besser als die Note drei sind, beweisen.“ Dies gilt auch dann, wenn in der eigenen Branche gute oder sehr gute Noten üblich sind. Den Beweis, dass Sie besser waren, können Sie meist nur schwer führen. Dann werden oft Zeugen, also ehemalige Kollegen oder Vorgesetzte, befragt. Das kann zu Gewissens­konflikten führen.

      Hilft ein Zwischen­zeugnis im Klagefall weiter?

      Ja, auf jeden Fall. Fach­anwalt Bredereck empfiehlt deshalb: „Verlangen Sie regel­mäßig ein Zwischen­zeugnis.“ Der Arbeit­geber ist grund­sätzlich an seine Beur­teilung darin für das Endzeugnis gebunden. Etwas anderes gilt nur dann, wenn sich nach dem Zwischen­zeugnis Ihre Leistung und Ihr Verhalten stark verändert haben.

      „War das letzte Zwischen­zeugnis sehr gut, kann es als Nach­weis für eine bessere Bewertung verwendet werden.“ Selbst bei einem verlorenen Prozess hat ein „Arbeitnehmer dann für weitere Bewerbungen ein letztes, sehr gutes Zwischen­zeugnis und lässt das schlechtere Beendigungs­zeugnis unter den Tisch fallen.“, sagt der Fach­anwalt.

      Mit welchen Kosten muss ich bei einer Klage rechnen?

      Solange der Rechts­streit in der ersten Instanz ist, also vor dem Arbeits­gericht statt­findet, trägt jede Partei ihre Anwalts­kosten selbst. Für eine Zeug­nisklage ist die Unterstüt­zung durch einen Anwalt zu empfehlen. Seine Kosten richten sich nach dem Streit­wert. Bei einer Zeug­nisklage beträgt dieser einen Brutto­monats­lohn.

      Anwalts­kosten für Klage­vertretung (Euro)

      Bei einem Brutto­lohn von 3 500 Euro

      1,30 Verfahrens­gebühr

      327,60

      1,20 Termin­gebühr

      + 302,40

      Auslagenpauschale

      + 20,00

      19 % Umsatz­steuer

      + 123,50

      Summe Klage­verfahren

      773,50

          Diese Kosten entstehen Ihnen unabhängig davon, ob Sie gewinnen oder verlieren. Anders ist es bei Gerichts­kosten. Auch sie richten sich nach dem Streit­wert. Verlieren Sie, kommen diese oben drauf. Eine Rechts­schutz­versicherung ist deshalb für arbeits­recht­liche Fälle sinn­voll. Haben Sie wenig Einkommen, können Sie beim zuständigen Gericht Beratungs- oder Prozess­kosten­hilfe beantragen.

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