Arbeitszeugnis Special

Um das Arbeitszeugnis führen Arbeitnehmer jedes Jahr rund 30 000 Prozesse.

Ein gutes Arbeitszeugnis macht die Jobsuche leichter. Doch was gut klingt, muss nicht gut sein.

Was bedeutet der Satz „Ihr Verhalten gegenüber Kollegen und Vorgesetzten war einwandfrei“?

Diese Beurteilung einer Mitarbeiterin klingt eigentlich ganz gut. In der Zeugnissprache steckt allerdings nur die Schulnote 3 dahinter. „Ihr Verhalten gegenüber Vorgesetzten und Kollegen war stets vorbildlich“ wäre die Note 1 gewesen.

Eine weitere Tücke steckt in der Reihenfolge im Satz. Zuerst werden die Kollegen erwähnt, dann erst die Vorgesetzten der Mitarbeiterin. Daraus liest ein Personalchef womöglich Zoff mit den Vorgesetzten heraus.

Arbeitnehmer müssen die Fallstricke der Zeugnissprache kennen, wenn sie ihr Zeugnis richtig einschätzen wollen. „Manchmal formulieren Arbeitgeber zum Beispiel Zeugnisse unabsichtlich schlecht, weil sie zu wenig Kenntnisse von der Zeugnissprache haben“, sagt die Zeugnisberaterin Verena Janßen aus Hamburg.

Finanztest hat die wichtigsten Fragen und Antworten zum Arbeitszeugnis zusammengestellt.

Kann ich jederzeit ein Zwischenzeugnis vom Arbeitgeber verlangen?

Nein, Sie brauchen dafür ein berechtigtes Interesse. Das liegt etwa vor, wenn der Arbeitgeber die Kündigung schon angekündigt oder ausgesprochen hat. Einen ausreichenden Grund haben Sie aber auch, wenn Sie in eine andere Abteilung des Unternehmens wechseln oder wenn Sie einen anderen Chef bekommen.

Natürlich liegt auch ein berechtigtes Interesse vor, wenn Sie dem Arbeitgeber sagen, dass Sie sich woanders bewerben wollen. Diese Offenheit führt aber oft zu einem Knacks in der Beziehung zum Arbeitgeber. Es ist schon deshalb ratsam, auch ohne konkrete Wechselpläne stets ein Zwischenzeugnis zu verlangen, wenn sich eine Gelegenheit dazu ergibt. In der Praxis gibt es aber auch Unternehmen, die einem Arbeitnehmer auf Wunsch ein Zeugnis auch ohne besonderen Anlass ausstellen.

Wer darf ein Arbeitszeugnis verlangen?

Voll- und Teilzeitkräfte, 400-Euro-Jobber, Praktikanten, Volontäre, nach Meinung vieler Juristen auch freie Mitarbeiter.

Darf die Beurteilung im Endzeugnis vom Zwischenzeugnis abweichen?

Nein. Der Arbeitgeber ist grundsätzlich an seine Beurteilung im Zwischenzeugnis für das Endzeugnis gebunden. Etwas anderes gilt dann, wenn es nach dem Zwischenzeugnis erhebliche Veränderungen in Leistung und Verhalten des Arbeitnehmers gegeben hat (Bundesarbeitsgericht [BAG], Az. 9 AZR 248/07).

Warum gibt es eine eigene Zeugnissprache?

Der Arbeitgeber ist nach der Rechtsprechung der Arbeitsgerichte verpflichtet, das Zeugnis wohlwollend zu formulieren. Deswegen klingt selbst eine schlechtere Note im Arbeitszeugnis auf den ersten Blick oft nett oder wenigstens neutral.

Dürfen im Zeugnis Ausfallzeiten wie Krankheiten stehen?

Nein, Urlaub und Krankheiten haben im Zeugnis nichts zu suchen.

Eine Elternzeit darf nur im Zeugnis stehen, wenn sie mehr als die Hälfte der Gesamtbeschäftigungsdauer ausgemacht hat (BAG, Az. 9 AZR 261/04). Im entschiedenen Fall war der Arbeitnehmer 50 Monate im Betrieb beschäftigt und war davon 33,5 Monate im Erziehungsurlaub.

Zu den Infos, die nicht ins Zeugnis gehören, zählen auch frühere Abmahnungen. Wurde ein Arbeitnehmer für seine Betriebsratstätigkeit von seiner normalen Arbeit voll freigestellt, darf das nur dann im Zeugnis erwähnt werden, wenn er solange aus dem Job war, dass der Arbeitgeber deswegen seine Leistung überhaupt nicht mehr beurteilen kann.

Wie gehe ich vor, wenn mein Arbeitszeugnis falsch ist?

Sie können eine Berichtigung verlangen. Darauf sollten Sie zum Beispiel dringen, wenn Ihr Chef Sie als schlechten Arbeitnehmer darstellt, obwohl Sie gut sind. Eine Berichtigung ist auch wichtig, wenn das Zeugnis Rechtschreibfehler hat oder andere Fehler, weil es zum Beispiel von einem gleichrangigen Kollegen und nicht von Ihrem Vorgesetzten unterzeichnet ist.

Mit der Checkliste prüfen Sie Ihr Zeugnis. Suchen Sie das Gespräch mit Ihrem Chef, wenn Sie Fehler gefunden haben. Je fundierter Ihre Kritik, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass er ohne großen Streit eine Berichtigung vornimmt.

Was passiert, wenn der Arbeitgeber eine Berichtigung verweigert?

Dann sollten Sie Ihre Berichtigungswünsche mit einer fundierten Begründung noch einmal schriftlich per Post als Einschreiben mit Rückschein an die Personalstelle schicken. Setzen Sie dem Arbeitgeber darin eine letzte Frist zur Berichtigung.

Verstreicht diese Frist erfolglos, ist es an der Zeit zu klagen. Wollen Sie eine bessere Note als „befriedigend“, müssen Sie vor Gericht beweisen, dass Ihre Leistungen eine bessere Note verdienen. Das ist für einen Laien schwierig. Lassen Sie sich von einem Fachanwalt für Arbeitsrecht beraten.

Hat der Betriebsrat ein Mitspracherecht, wenn ein Zeugnis erstellt wird?

Nein. Dennoch kann er Ihnen Tipps geben, wie Sie die Berichtigung angehen sollten. Mitunter kann er zwischen Ihnen und dem Arbeitgeber als Vermittler tätig werden.

Darf der Chef das Zeugnis wegen meiner Reklamation verschlechtern?

Nein, es sei denn ihm kommen nachträglich Dinge zu Ohren, die eine schlechtere Note rechtfertigen (BAG, Az. 9 AZR 352/04). Beispiel: Der Arbeitgeber bescheinigt einer Kassiererin Zuverlässigkeit, anschließend erfährt er von Unterschlagungen.

Ich habe gekündigt. Wann muss der Arbeitgeber das Zeugnis ausstellen?

Ein Endzeugnis bekommen Sie in der Regel erst, wenn Ihr Arbeitsverhältnis zu Ende ist. Bei einer fristgemäßen Kündigung dauert es manchmal noch einige Monate, bis es so weit ist. Dann können Sie ein vorläufiges Zeugnis verlangen und sich damit bewerben. Später erhalten Sie ein Endzeugnis.

Auch wenn Sie sich mit Ihrem Arbeitgeber noch vor dem Arbeitsgericht um die Kündigung streiten, darf er Ihnen zum Arbeitsende nicht nur ein Zwischenzeugnis geben, sondern muss Ihnen ein Endzeugnis ausstellen (BAG, Az. 5 AZR 710/85).

Ihr Arbeitgeber darf die Übergabe des Zeugnisses nicht davon abhängig machen, dass Sie erst einmal Dinge wie Dienstwagen oder Büroschlüssel abgeben.

Was mache ich, wenn ich die Firma verlasse und kein Zeugnis erhalte?

Da die Firma nicht verpflichtet ist, Ihnen ohne Aufforderung ein Zeugnis zu übergeben, müssen Sie es explizit verlangen.

Am besten verlangen Sie deshalb noch während des Arbeitsverhältnisses – etwa kurz nach der Kündigung – Ihr Zeugnis. Und zwar sollten Sie ein „qualifiziertes Zeugnis“ verlangen, also ein Zeugnis mit Beurteilungen zu Ihrer Leistung und Führung.

Rückt der Arbeitgeber dennoch kein Zeugnis raus, können Sie das Zeugnis notfalls im Schnellverfahren – per einstweiliger Verfügung – vor Gericht erzwingen.

Wie bekomme ich das Arbeitszeugnis, wenn es fertig ist?

Sie müssen sich das Zeugnis in den Geschäftsräumen Ihres Arbeitgebers abholen. Nur wenn der Aufwand für Sie zu groß wäre, etwa weil Sie weit weg wohnen, muss der Arbeitgeber es Ihnen zuschicken.

Zusenden muss Ihnen Ihr Arbeitgeber das Zeugnis auch, wenn Sie es vor dem Jobende verlangt haben, er es aber bis zu diesem Zeitpunkt nicht geschafft hat, das Dokument auszustellen.

Ich habe ein Arbeitszeugnis verloren, bekomme ich ein neues?

Ja. Der Arbeitgeber darf Ihnen die Neuausstellung des Zeugnisses nur verweigern, wenn sie mit unzumutbarem Aufwand verbunden wäre. Das wäre der Fall, wenn die Personalunterlagen für das Zeugnis nicht mehr existieren und auch kein Vorgesetzter mehr im Unternehmen ist, der Sie beurteilen könnte.

In meinem Zeugnis steht keine Schlussformel wie: „Wir bedauern sein Ausscheiden, danken für die geleisteten Dienste und wünschen ihm für seinen weiteren Lebensweg alles Gute!“ Ist der Arbeitgeber dazu nicht verpflichtet?

Nein. Zwar bewerten viele Personalchefs es als negativ, wenn eine solche Formel fehlt. Sie können den Arbeitgeber dazu aber nicht zwingen (BAG, Az. 9 AZR 44/00).

Mein Arbeitgeber lehnt die Formel „zur vollsten Zufriedenheit“ ab, weil das falsches Deutsch sei? Darf er das?

Ja, dann muss er die Note 1 aber mit anderen Worten bescheinigen (BAG, Az. 5 AZR 573/91). Will er Sie mit der Note 1 bewerten, kann er sich nicht entgegen der etablierten Zeugnissprache einfach behaupten „stets zu unseren vollen Zufriedenheit“ verstehe er als Note 1. Im Zeugnisjargon entspricht das nämlich nur der Note 2.

Er hat vielmehr zwei Möglichkeiten: Entweder schreibt er doch „stets zur vollsten Zufriedenheit“ oder er wählt eine ähnliche Formulierung wie zum Beispiel „stellte uns mit seinen Leistungen immer in bester Weise zufrieden“.

Was muss ich beachten, wenn ich das Zeugnis selbst schreiben darf?

Weil viele die Zeugnissprache nicht gut genug kennen und Hemmungen haben, sich selbst positiv darzustellen, laufen Sie Gefahr, sich ein mittelmäßiges Zeugnis auszustellen.

Eine Broschüre mit Formulierungstipps finden Sie zum Beispiel kostenfrei im Internet unter www.arbeitnehmerkammer.de (Suchwort: Arbeitszeugnis). Hilfreich ist auch die Seite www.arbeitszeugnis.de.

Wer ganz sichergehen will, zieht einen Fachanwalt für Arbeitsrecht oder eine Zeugnisberatung zurate (siehe „Unser Rat“). Das kostet etwa um die 100 Euro, Anwälte können teurer sein.

Was verbirgt sich hinter dem sogenannten Geheimkode?

Damit sind verschiedene Techniken der Arbeitgeber gemeint, ein Zeugnis so zu verfassen, dass „durch die Blume“ Botschaften übermittelt werden, die für ungeübte Zeugnisleser positiv klingen.

Sehr oft verwenden Arbeitgeber die „Leerstellen- oder Auslassungstechnik“. Sie übermitteln Botschaften, indem sie zu bestimmten Dingen im Arbeitszeugnis nichts sagen. So wäre es etwa in einem Zeugnis über eine Kassiererin schon vielsagend, wenn darin nichts zu ihrer Ehrlichkeit stünde.

Kritik bedeutet es auch, wenn der Arbeitgeber am Ende des Zeugnisses keinen Dank, kein Bedauern und keine Zukunftswünsche äußert.

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