Arbeits­zeugnis Special

Weil Arbeit­geber ihren ehemaligen Angestellten keine Steine in den Weg legen dürfen, müssen Zeug­nisse gut klingen. Chefs sind aber auch zur Wahr­heit verpflichtet. So verstecken sie ihre Kritik oft zwischen den Zeilen. Viele wohl­klingende Floskeln bedeuten nichts Gutes. Unzu­lässige Formulierungen können vor Gericht angefochten werden. Rund 30 000 Zeug­nisklagen gibt es im Jahr. Wir sagen, was hinter den Floskeln steckt und was Arbeitnehmer gegen ein schlechtes Zeugnis tun können.

Arbeits­zeugnis – das Wichtigste in Kürze

Formalien. Prüfen Sie in Ihrem Arbeits­zeugnis, ob Personalien, Daten wie Beschäftigungs­dauer, Ausstellungs­ort und Tätig­keits­beschreibungen voll­ständig und richtig sind. Ein qualifiziertes, ausführ­liches Zeugnis sollte mindestens eine Seite lang sein, aber zwei Seiten nicht über­schreiten.

Floskeln. Ihr Zeugnis sollte indivi­duell sein und nicht nur allgemeine Phrasen enthalten. Achten Sie auf inhalt­liche Wider­sprüche und Floskeln, die negativ ausgelegt werden könnten. Doppelte Verneinungen, einschränkende Aussagen, doppeldeutige Sätze – so gut sie auch klingen – können abwertend sein und sollten nicht in Ihrem Zeugnis stehen. „Stets“, „immer“ und „äußerst“ wirken dagegen in der Regel positiv.

Profi. Wollen Sie ein Zeugnis zusätzlich fachlich prüfen lassen, wenden Sie sich an einen Fach­anwalt für ­Arbeits­recht oder einen Zeugnis­berater. Für Mitglieder bieten Gewerk­schaften wie Verdi kostenlose Zeug­nisberatung an.

Klage. Sind Sie mit Ihrem Arbeits­zeugnis unzufrieden, sprechen Sie schnell mit Ihrem ehemaligen Arbeit­geber. Verweigert er Änderungen, bleibt nur der Klageweg. Zwischen­zeug­nisse können dabei helfen. Klagen können Sie auch, wenn Sie trotz mehr­facher Aufforderung kein Zeugnis erhalten.

Hilfe. Für eine Zeug­nisklage sollten Sie einen Rechts­anwalt zurate ziehen. Suchen Sie auf der Internetseite Anwaltauskunft.de nach einem Fach­anwalt für Arbeits­recht in Ihrer Nähe.

Die Formulierungen im Zeugnis verstehen

Um sein Arbeit­zeugnis richtig zu interpretieren, sollte jeder Arbeitnehmer den verwendeten Zeug­niscode entschlüsseln können. Nur dann kann er einschätzen, ob das Zeugnis seinen Vorstel­lungen entspricht oder nur vermeintlich gut ist. Arbeits­zeug­nisse können angefochten werden. Hilfe bieten Fach­anwälte, Gewerk­schaften und professionelle Zeug­nisberater. In unserem Online-Shop finden Sie zudem einen umfassenden Ratgeber Arbeitsrecht von Finanztest zum Preis von 19,90 Euro.

Meist gute Noten im Arbeits­zeugnis

Mehr als 80 Prozent aller Arbeits­zeug­nisse haben die Noten „sehr gut“ oder „gut“. Umso wichtiger ist es für diejenigen mit schlechteren Beur­teilungen, diese als solche zu erkennen. Das ist gar nicht so leicht. Denn die Zeug­nissprache steckt voller Geheimcodes. Der Grund: Ein Chef darf nicht schonungs­los offen über seinen Mitarbeiter urteilen. Laut Bundes­arbeits­gericht muss ein Arbeits­zeug­nis „wahr“, „wohl­wollend“ und „voll­ständig“ sein. Vorgesetzte nutzen bestimmte Formulierungen, um nicht offensicht­lich negativ zu schreiben und dennoch bei der Wahr­heit zu bleiben. Hinter vermeintlich positiven Wendungen stecken oft abwertende Bedeutungen.

Das steckt hinter den Zufrieden­heits­floskeln

Der Arbeitnehmer hat die ihm über­tragenen Aufgaben … erledigt

Note

 Stets zu unserer vollsten Zufriedenheit

1 (Sehr gut)

Stets zu unserer vollen Zufriedenheit

2 (Gut)

Zu unserer vollen Zufriedenheit

2–3 (Voll­befriedigend)

Stets zu unserer Zufriedenheit

3 (Befriedigend)

Zu unserer Zufriedenheit

4 (Ausreichend)

Insgesamt / im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit

5 (Mangelhaft)

Hat sich bemüht / hat zu unserer Zufriedenheit zu erledigen versucht / führte die über­tragenden Aufgaben mit großem Fleiß und Interesse durch

6 (Ungenügend)

      Anfechtung eines Arbeits­zeug­nisses vor Gericht

      Unzu­lässige Zeugnis­formu­lierun­gen können vor Gericht angefochten werden. Dafür muss der Empfänger sie jedoch erst einmal entschlüsseln. Hilf­reich sind zahlreiche Beratungs­seiten im Internet wie etwa Arbeitnehmerkammer.de. Auch einige professionelle Codekna­cker nehmen Beur­teilungen unter die Lupe, meist kosten­pflichtig.

      Professionelle Zeug­nisberater helfen

      Zeug­nisberater finden sich im Internet, etwa unter arbeitszeugnis.de. Weitere geeignete Ansprech­partner sind etwa ein Anwalt für Arbeits­recht oder, falls im Unternehmen vorhanden, ein Betriebsrat. Dieser darf wegen eines Zeug­nisses aber nur beraten. Ein Mitspracherecht hat er nicht.

      Wann erhalte ich ein ­Arbeits­zeugnis?

      Ein Arbeits­zeugnis verlangen können Arbeitnehmer, freie Mitarbeiter und Auszubildende. In der Regel wird das Zeugnis am letzten Arbeits­tag ausgestellt. Wird jemandem gekündigt, kann er bereits ein Zeugnis verlangen, wenn die Kündigung eintrifft. So können sich Entlassene schon während der Kündigungs­frist um eine neue Stelle bewerben.

      Bewerbung mit Zwischen­zeugnis

      Auch mit dem aktuellsten Zwischen­zeugnis ist die Bewerbung um einen Arbeits­platz möglich. Arbeitnehmer können beispiels­weise ein Zwischen­zeugnis fordern, wenn sie mehrere Jahre ohne zwischen­zeitliche Beur­teilung in einer Firma gearbeitet haben oder bevor sie in die Eltern­zeit oder in eine andere berufliche Auszeit gehen. Auch ohne konkreten Anlass können Arbeitnehmer etwa einmal im Jahr um eine solche Beur­teilung bitten.

      So lange haben Sie Anspruch auf ein Arbeits­zeugnis

      Arbeitnehmen sollten nicht zu viel Zeit verstreichen lassen, bis sie ihr Arbeits­zeugnis einfordern. Wer den Wunsch nach einem Zeugnis rasch äußerst, vermeidet Ärger und Erinnerungs­lücken auf beiden Seiten. Für den gesetzlichen Anspruch gilt die gesetzliche Verjährung von drei Jahren. In der Praxis sieht es jedoch anders aus: Die ­Arbeits­gerichte halten nur einen Zeitraum von vier bis zehn Monaten für angemessen. Danach kann der Arbeit­geber sagen, er stellt kein Zeugnis mehr aus. Dann haben ehemalige Arbeitnehmer oder Praktikanten ihren Anspruch „verwirkt“.

      Wie muss ein Arbeits­zeugnis aussehen?

      Ein Arbeits­zeugnis sollte schriftlich und idealer­weise auf Firmen­papier in einheitlicher Schrift gedruckt werden. Nicht möglich ist ein nur als E-Mail über­mitteltes Arbeits­zeugnis. Das Papier sollte keine Flecken, Esels­ohren, Recht­schreib­fehler, Korrekturen, Einfügungen oder Radierungen haben. Erhält jemand kein ordentliches Zeugnis, kann er ein neues ver­­langen. Das gilt übrigens auch dann, wenn das Zeugnis verloren geht – egal, wer es ver­bummelt hat. Das Dokument endet mit Ausstellungs­ort und Ausstellungs­datum und der Unterschrift des Arbeit­gebers oder eines weisungs­befugten Vorgesetzten.

      Was sollte ein Arbeits­zeugnis enthalten?

      Was in einem Arbeits­zeugnis erwähnt werden sollte, hängt vom Typ des Zeug­nisses ab. Es gibt einfache und qualifizierte, also ausführ­liche Zeug­nisse. Welche Variante jemandem zusteht, hängt in der Regel von der Dauer seiner Tätig­keit im Unternehmen ab. Bei Arbeits­verhält­nissen oder Praktika von einigen Tagen oder Wochen schreiben Arbeit­geber nur ungern längere Zeug­nisse. In solchen Fällen erstellen sie das einfache Zeugnis. Es enthält die Personalien, eine Tätig­keits­beschreibung und eine Schluss­­­formel.

      Das qualifizierte Arbeits­zeugnis

      Besser ist stets ein qualifiziertes Zeugnis. Im Ideal­fall umfasst es folgende Teile:

      • Über­schrift, Anschrift des Arbeit­gebers und genaue Beschreibung des Arbeit­neh­mers.
      • Werdegang des Mitarbeiters in der Firma. Abmahnungen, Urlaub und Krankheiten haben im Zeugnis nichts zu suchen. Eine Eltern­zeit darf nur erwähnt werden, wenn sie mehr als die Hälfte der Gesamt­beschäftigungs­dauer ausgemacht hat.
      • Konkrete Beschreibung aller Tätig­keiten. Diese Liste muss voll­ständig sein. Lässt der Arbeit­geber wichtige Tätig­keiten aus, hinterlässt das meist einen schlechten Eindruck.
      • Beur­teilung von Leistung und Verhalten. Ausschlag­gebend sind Arbeits­weise, Fachwissen, Motivation und Erfolge. Auch der Umgang mit Kunden, Kollegen und Vorgesetzten wird bewertet. Aus einer zusam­menfassenden Beur­teilung lässt sich auf eine Note schließen.
      • Das Arbeits­zeugnis endet mit Dank­sagung und Wunsch­formel. Aber: Einen Anspruch darauf hat ein Arbeitnehmer nicht.
      • Der Schluss­teil geht auch auf den Grund ein, aus dem ein Mitarbeiter das Unternehmen verlässt.

      Arbeits­zeugnis selbst schreiben oder mit Muster und Vorlage?

      Arbeitnehmer können ihr Arbeits­zeugnis selbst vorformulieren, aber das ist nicht sinn­voll. Als Selbst­schreiber kennen sie nur selten die Zeugnissprache und stellen sich möglicher­weise nur ein mittel­mäßiges Zeugnis aus. Bescheidenheit ist fehl am Platz. Anderer­seits kann ein zu gutes Zeugnis über­trieben wirken. Außerdem kennen Arbeitnehmer womöglich nicht die in ihrer Branche üblichen Formulierungen. Ein neuer Arbeit­geber könnte das negativ werten. Arbeitnehmer können sich aber die Arbeit mit ihrem Arbeit­geber teilen. Dann über­lassen sie ihrem Chef die Beur­teilung von Leistung und Verhalten, die Angaben zur Person – und das Beschrei­ben ihrer Tätig­keit über­nehmen sie.

      Was mache ich, wenn ich kein Zeugnis erhalte?

      Hat ein Beschäftigter ausdrück­lich um ein Arbeitszeugnis gebeten, aber der Arbeit­geber rückt es nicht heraus, kann er das Zeugnis beim Arbeits­gericht einklagen. Braucht er es sehr dringend, kann er auch im Eil­verfahren bei Gericht eine einst­weilige Verfügung erwirken.

      Kann ich ein schlechtes ­Zeugnis berichtigen lassen?

      Da die allermeisten Arbeits­zeug­nisse mindestens gut sind, sollten Zeug­nisse mit einer nur befriedigenden Bewertung lieber nicht den Bewerbungs­unterlagen beigelegt werden. Anderer­seits sieht eine mehr­jährige Lücke im Lebens­lauf ungünstig aus. Arbeitnehmer sollten in einem solchen Fall zunächst im einem Gespräch mit dem ehemaligen Vorgesetzten versuchen, Miss­verständ­nisse auszuräumen und Probleme zu klären. Möglicher­weise gelingt es dabei, das Zeugnis „nach oben“ zu ändern. Anderenfalls bleibt nur der Gang vor das zuständige Arbeits­gericht.

      Das bedeuten Formulierungen im Zeugnis wirk­lich

      Oft verstecken Chefs ihre Kritik zwischen den Zeilen. Viele wohl­klingende Floskeln bedeuten nichts Gutes. Einschränkende Aussagen, doppelte Verneinungen und zweideutige Sätze sollten nicht im Arbeits­zeugnis stehen.

      Aussage im Zeugnis

      Tatsäch­liche Bedeutung

      Sie zeigte stets Verständnis für ihre Arbeit.

      Sie war faul und hat nichts geleistet.

      Er war stets bemüht, die Arbeiten zu unserer vollen Zufriedenheit zu erledigen.

      Seine Mühe blieb aber erfolg­los.

      Er hat alle Aufgaben zu seinem und im Interesse der Firma gelöst.

      Er beging Diebstahl und/oder andere schwere Fehler.

      Sie erledigte alle Aufgaben pflicht­bewusst und ordnungs­gemäß.

      Es mangelte ihr jedoch an Eigen­initiative.

      Sein Verhalten gegen­über Kollegen und Vorgesetzten war stets vorbild­lich.

      Er hatte Probleme mit seinen Vorgesetzten. Sie werden deshalb erst nach den Kollegen erwähnt.

      Er hatte Gelegenheit, sich das notwendige Fachwissen anzu­eignen.

      Er nutzte die Gelegenheit jedoch nicht.

      Er war seinen Mitarbeitern jeder­zeit ein verständ­nisvoller Vorgesetzter.

      Er war nicht durch­setzungs­fähig und besaß keine Auto­rität.

      Sie gab klare Ansagen und verstand es, alle Aufgaben stets mit Erfolg zu delegieren.

      Sie drückte sich vor der Arbeit, wo sie nur konnte.

      Er arbeitete mit größter Genauigkeit.

      Er war ein lang­samer und unflexibler Erbsenzähler.

      Er erzielte nicht unerhebliche Verkaufs­erfolge.

      Er hat keine tollen Erfolge erzielt.

      Er ist mit Fleiß, Ehrlich­keit und Pünkt­lich­keit an seine Aufgaben heran­gegangen.

      Ihm fehlte die fachliche Qualifikation.

      Sie war sehr tüchtig und wusste sich gut zu verkaufen.

      Sie war eine impertinente Wichtigtuerin.

      Durch ihre Gesel­ligkeit trug sie zur Verbesserung des Betriebs­klimas bei.

      Sie neigt zu über­triebenem Alkoholgenuss.

      Er war stets ein geschätzter Gesprächs­partner.

      Er war geschwätzig und führte lange Privatgespräche im Dienst.

      Sie trat sowohl inner­halb als auch außer­halb unseres Unter­nehmens engagiert für die Interessen der Kolleginnen und Kollegen ein.

      Sie war im Betriebsrat oder in der Gewerk­schaft tätig.

          Welche Chancen hat eine Klage vor Gericht?

          Eine Korrekt­urklage birgt erhebliche Risiken. Denn nach ständiger Recht­sprechung des Bundesar­beits­gerichts muss der Arbeitnehmer Leistungen, die besser als die Note drei sind, beweisen. Dies gilt auch dann, wenn in der eigenen Branche gute oder sehr gute Noten üblich sind. Den Beweis, dass er besser waren, können Sie meist nur schwer führen. Dann werden oft Zeugen, also ehemalige Kollegen oder Vorgesetzte, befragt. Das kann zu Gewissens­konflikten führen.

          Zwischen­zeugnis hilft im ­Klagefall

          Ein Arbeit­geber ist an seine Beur­teilung in einem Zwischen­zeugnis auch für das Endzeugnis gebunden. Etwas anderes gilt nur dann, wenn sich nach dem Zwischen­zeugnis die Leistung und das Verhalten des Arbeitnehmers stark verändert haben. War das letzte Zwischen­zeugnis sehr gut, kann es als Nach­weis für eine bessere Bewertung verwendet werden. Selbst bei einem verlorenen Prozess hat ein Arbeitnehmer für weitere Bewerbungen ein letztes, sehr gutes Zwischen­zeugnis und lässt das schlechtere Beendigungs­zeugnis unter den Tisch fallen.

          Kosten einer Klage um das Arbeits­zeugnis

          Solange der Rechts­streit in der ersten Instanz ist, also vor dem Arbeits­gericht statt­findet, trägt jede Partei ihre Anwalts­kosten selbst. Für eine Zeug­nisklage ist die Unterstüt­zung durch einen Anwalt zu empfehlen. Seine Kosten richten sich nach dem Streit­wert. Bei einer Zeug­nisklage beträgt dieser einen Brutto­monats­lohn.

          Anwalts­kosten für Klage­vertretung (Euro)

          Bei einem Brutto­lohn von 3 500 Euro

          1,30 Verfahrens­gebühr 327,60

          1,20 Termin­gebühr 302,40

          Auslagenpauschale 20,00

          19 Prozent Umsatz­steuer 123,50

          Summe Anwalts­kosten Klage­verfahren 773,50

          Diese Kosten entstehen Arbeitnehmern unabhängig davon, ob sie gewinnen oder verlieren. Anders ist es bei Gerichts­kosten. Auch sie richten sich nach dem Streit­wert. Verlieren der Arbeitnehmer, kommen diese oben drauf. Eine Rechts­schutz­versicherung ist deshalb für arbeits­recht­liche Fälle sinn­voll (Vergleich Rechtsschutzversicherung). Wer wenig Einkommen hat, kann beim zuständigen Gericht Beratungs- oder Prozess­kosten­hilfe beantragen.

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