Mehr Einkommen, ein besserer Job oder schlicht die Liebe – viele tausend Deutsche zieht es jedes Jahr in die Schweiz und nach Österreich. Unsere Beispiele zeigen, was dann für Rente, Krankenversicherung und Kindergeld gilt.

Ab in die Schweiz: Katja Forbriger wollte keine Fernbeziehung führen. Zum Glück fand sie eine Festanstellung in Zürich. „Ohne Job wollte ich nicht gehen.“

Warum sie in die Schweiz gegangen ist? „Hauptsächlich der Liebe wegen“, sagt Katja Forbriger. Die junge Frau aus Sachsen hatte sich in einen Schweizer verliebt und pendelte zunächst zwischen Leipzig und Zürich. Das war auf Dauer ganz schön anstrengend. Doch die Betriebswirtin fand bald eine Festanstellung bei der Tochter einer deutschen Bank am schweizerischen Finanzplatz. „Ohne Job wäre ich nicht gegangen“, sagt die 32-Jährige.

Die Behördengänge waren problemlos, berichtet Forbriger. Das Einzige, was ihr Sorgen machte, war ihre Altersvorsorge. Schließlich hatte sie schon einiges gespart: „Ich musste fast alles auf Eis legen und hab mich gefragt, wie machst du das jetzt?“

Weder ihre Betriebsrente noch die Riester-Rente kann sie von der Schweiz aus weiterführen. Beides ruht jetzt.

Lebt Forbriger als Rentnerin noch in der Schweiz, wird ihre Betriebsrente ausgezahlt, die Riester-Rente dagegen gekürzt: Die Zulagen und Steuervorteile vom Staat muss sie dann zurückzahlen. Denn die Riester-Förderung behalten Rentner nur in der Europäischen Union. Wer in die Schweiz zieht, muss sie zurückzahlen (mehr dazu im Artikel „Riester-Rente im Ausland“).

Forbriger ist eine von rund 22 000 Deutschen, die im vergangenen Jahr in die Schweiz umgezogen sind. Das kleine Nachbarland liegt bei den Deutschen auf Platz eins der Beliebtheitsskala, gefolgt von den USA, Polen, Österreich und Großbritannien.

Forbriger weiß noch nicht, ob sie irgendwann wieder nach Deutschland zurückkommt. Deshalb will sie flexibel bleiben. Zusätzlich zu einer Lebensversicherung nutzt sie nun die „Säule 3a“ des schweizerischen Systems der Altersvorsorge. Sie ist staatlich gefördert und die Kunden wählen, ähnlich wie bei der deutschen Riester-Rente, zwischen Sparplänen und Versicherungen.

Forbriger will nicht noch mehr Patchwork bei ihrer Altersvorsorge: „Hier habe ich vor allem den Vorteil, dass ich mein angespartes Kapital mitnehmen kann, wenn ich die Schweiz auf Dauer verlasse.“

Wechsel in der Europäischen Union

Christina Sichtmann lebt und arbeitet seit gut drei Jahren als Assistenzprofessorin an der Universität Wien. Die junge Deutsche schätzt das „immens große Kulturangebot“ und außerdem, dass sie „gleichzeitig unglaublich schnell in der Natur ist“, im Grünen rund um Wien und am Neusiedler See.

Hierher gelockt haben die Wirtschaftswissenschaftlerin aber vor allem die besseren Arbeitsbedingungen und Karrierechancen. „Ich bekomme mehr Gehalt, mehr Extras und habe auch mehr Freiheiten.“ Zuvor hatte Sichtmann eine Juniorprofessur an der Freien Universität Berlin. Ihr Chef holte sie nach Wien.

Anfangs ist Sichtmann noch fast jedes Wochenende nach Frankfurt am Main geflogen, wo ihr Mann lebt und arbeitet. An die Fernbeziehung war sie noch aus Berliner Zeiten gewöhnt, als sie oft am Wochenende mit dem Zug fuhr.

Jetzt fliegt ihr Mann jedes Wochenende nach Wien. „Von Tür zu Tür sind es 3,5 Stunden“, sagt Sichtmann, „und zur Not ist man mit dem Zug in sieben Stunden da.“

Mittlerweile hat das Paar einen zweijährigen Sohn, der unter der Woche bei der Mutter lebt. Trotz Vollzeitstelle klappe das gut – vor allem dank der guten Ganztagsbetreuung vor Ort. „Ich hatte wohl Glück und habe einen Krippenplatz gleich um die Ecke bekommen.“

Elterngeld über die Grenze berechnet

Arbeitnehmer aus der Europäischen Union genießen in der ganzen EU „Freizügigkeit“. Dadurch bekommen sie dieselben gesetzlichen Leistungen aus Renten-, Kranken-, Invaliditäts- und Arbeitslosenversicherung wie Inländer.

Sie haben auch Anspruch auf Familienleistungen wie Eltern- oder Kindergeld in ihrer neuen Heimat. Arbeiten Mutter und Vater in verschiedenen Ländern, gelten besondere Regeln: Die Eltern müssen die Leistung dort beantragen, wo einer von ihnen mit dem Kind wohnt. Wenn die Leistung in dem anderen Beschäftigungsland höher ist, können sie dort manchmal zusätzlich einen Anspruch geltend machen.

In Österreich gibt es seit dem Jahr 2010 das „Kinderbetreuungsgeld“. Es ersetzt den Eltern 80 Prozent des letzten Gehalts für maximal 14 Monate, sofern beide Elternteile für das Baby im Beruf pausieren.

Eine Voraussetzung für die Zahlung ist aber, dass die Eltern ihren Lebensmittelpunkt in Österreich haben und dort auch Kindergeldleistungen beziehen. Das war bei Christina Sichtmann nicht der Fall.

Sichtmann lebte während der Zeit des Mutterschutzes wieder bei ihrem Mann in Frankfurt am Main und bekam ihr Kind in Deutschland. Sie erhielt Elterngeld nach dem deutschen Bundeselterngeldgesetz. Beim Berechnen der Leistung berücksichtigte die Elterngeldstelle aber Sichtmanns Einkommen aus Österreich.

Kindergeld aus zwei Staaten

Was in Deutschland „Kindergeld“ heißt, ist in Österreich die „Familienbeihilfe“. Bisher bekommt Sichtmann dieses Geld für ihren Sohn noch nicht. Vor Monaten hat sie den Antrag gestellt, doch die Formalitäten ziehen sich hin: „Man braucht eine Daueraufenthaltsbescheinigung, dafür sind zig Papiere nötig.“

Weil das Kindergeld in Deutschland etwas höher liegt als die österreichische Familienbeihilfe, hat Sichtmann zusätzlich Anspruch auf Teilkindergeld aus Deutschland. Wenigstens das bekommt sie schon. Ihr Mann musste dafür extra einen Antrag in Deutschland stellen.

EU-weit krankenversichert

So viel Papierkram hatte Katja Forbriger bei ihrem Wechsel in die Schweiz nicht zu erledigen. Beim Bürgeramt musste sie allerdings nachweisen, dass sie jetzt in der Schweiz krankenversichert ist.

Forbriger, die in Deutschland gesetzlich versichert war, wechselte in die schweizerische Pflichtversicherung. Das System ähnelt eher der privaten Krankenversicherung in Deutschland, die Grundleistungen erhält aber jeder ohne eine vorherige Gesundheitsprüfung.

Forbriger hat nun eine Versicherung mit einem hohen Selbstbehalt von 2 000 Franken im Jahr. „Die Versicherung ist wirklich nur für schlimme Fälle da, wie eine Operation.“ Dafür ist ihr monatlicher Beitrag mit 330 Franken recht niedrig.

Die Zahnversorgung ist in der Schweiz komplett Privatsache und kann nur über Zusatzpolicen versichert werden.

Anwartschaft für Privatversicherte

Die Professorin Christina Sichtmann war in Deutschland privat krankenversichert. In Österreich ist sie nun über die staatliche Sozialversicherung geschützt.

Sichtmann hat deshalb ihre Police in Deutschland gekündigt und gleichzeitig eine „große Anwartschaft“ abgeschlossen, um in ihren alten Vertrag einsteigen zu können, wenn sie nach Deutschland zurückkehrt. Sie kann so eine neue Gesundheitsprüfung und allzu starke Beitragssteigerungen vermeiden. „Ich würde mich in Deutschland auf jeden Fall wieder privat versichern wollen“, sagt die junge Forscherin.

Privatversicherte können ihre Police innerhalb der EU oder in die Schweiz auch mitnehmen. Das hat aber nur Sinn, wenn sie sich dort von der Versicherungspflicht befreien lassen können. Ob das geht, entscheiden die Behörden vor Ort.

Die Befreiung ist außerdem nicht ohne Risiko, weil Krankenleistungen im Ausland anders vergütet werden. Es kann passieren, dass die private Police von zuhause nicht alles abdeckt und der Versicherte im Ausland für teure Behandlungskosten zuzahlen muss.

Lebenshaltungskosten vergleichen

Ingenieur Michael Marré hat sich nach der Suche im Ausland doch für Deutschland entschieden. „Das Angebot war einfach besser.“

Michael Marré, 35, Ingenieur aus Dortmund, hat sich im Ausland beworben, weil es in Deutschland zunächst nicht klappte: „2010 waren die Firmen im Maschinenbau vorsichtig mit Neueinstellungen. Ich habe sechs Monate lang Absagen bekommen.“

Dann erhielt Marré ein Angebot aus Liechtenstein, gewohnt hätte er jedoch in der Schweiz oder in Österreich. Marré hatte Zweifel, ob sich das rechnen würde. „Die Lebenshaltungskosten sind höher als hier.“

Er musste nicht lange grübeln. Noch während er Sozialversicherungs- und Steuerregeln beider Staaten studierte, bot ihm ein Mittelständler bei Gütersloh eine Stelle an: „Ich habe dort einen Traumjob.“

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