Antibiotika Meldung

Diagnose Bronchitis? Dagegen sind Antibiotika oft nicht notwendig.

Ärzte sollten bestimmte Antibiotika – die Fluorchinolone – nur noch in Ausnahme­fälle verschreiben. Denn ihr Einsatz kann schwere Neben­wirkungen haben – unter anderem Sehnenrisse, Nervenschäden und psychische Erkrankungen. Auf Veranlassung europäischer Zulassungs­behörden informieren Pharma­hersteller aktuell über die Neben­wirkungen und raten davon ab, diese Antibiotika allzu breit zu verschreiben. Betroffen sind bekannte Wirk­stoffe wie Cipro­floxacin, Levofloxacin oder Ofloxacin.

Möglichst keine Fluorchinolon-Antibiotika verschreiben

Die betroffenen Fluorchinolone gehören bislang zu den häufig verordneten Antibiotika. In einem Rote-Hand-Brief fordern Pharma­hersteller, die Europäische Arzneimittelagentur (Ema) und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) Ärzte auf, Fluorchinolon-Antibiotika nicht mehr bei leichten bis mittel­schweren Infektionen zu verordnen. Der Grund: Die Mittel könnten ernst­hafte Neben­wirkungen verursachen, die schlimms­tenfalls Monate oder Jahre anhalten und vor allem den Bewegungs­apparat und das Nerven­system beein­trächtigen. Zu den möglichen Neben­wirkungen zählen Sehnenrisse, Muskel­schmerzen und -schwäche, Gelenk­schmerzen und -schwel­lungen, Gangs­törungen, aber auch Depressionen, Schlafstörungen, Ermüdung, einge­schränktes Erinnerungs­vermögen, Seh-, Hör-, Geruchs- und Geschmacks­störungen. Fluorchinolone erhöhen offen­bar auch das Risiko für Aneurysmen der Aorta, der Haupt­schlag­ader des Herzens. Bislang wurden nur wenige Fälle für schwere Neben­wirkungen gemeldet, aber die Experten von Ema und BfArM gehen von einer höheren Dunkelziffer aus.

Am fünf­häufigsten verordnete Antibiotika-Gruppe

Fluorchinolone gehören in Deutsch­land zu den am häufigsten verordneten Antibiotika. Die enthaltenden Wirk­stoffe heißen: Cipro­floxacin, Levofloxacin, Moxifloxacin, Norfloxacin und Ofloxacin. Sie helfen effektiv gegen ein breites Spektrum von Bakterien, weshalb Ärzte sie in der Vergangenheit gern verschrieben haben. Wissenschaftler haben schon länger auf die Risiken aufmerk­sam gemacht. Auf deutsche Initiative hin leitete der zuständige Ausschuss 2017 ein Über­prüfungs­verfahren durch die Europäische Behörde für Arznei­mittel­sicherheit ein. Als Folge dieses Verfahren sind nun in anderen europäischen Ländern sogar einige Vertreter dieser Antibiotika-Klasse vom Markt genommen worden. In Deutsch­land waren sie aber nicht oder nicht mehr zugelassen. Die Anbieter der im Handel befindlichen fluorchinonolonhaltigen Arznei­mittel müssen die Produkt­informationen mit den neuen Erkennt­nissen und Risiken aktualisieren.

Tipp: Wer unerwünschte Neben­wirkungen nach Einnahme dieser Antibiotika bei sich oder nahe­stehenden Personen beob­achtet, sollte sich beim Arzt melden.

Wogegen die Mittel nicht mehr verordnet werden soll

Der Rote-Hand-Brief informiert Ärzte, in welchen Fällen sie Fluorchinolone nicht verordnen sollten. Hier einige Beispiele:

Nicht verordnen. Bei leichten und mittel­schweren Infektionen wie akuter Bronchitis, Rachen- und Mandel­entzündungen – es sei denn, andere Antibiotika können nicht verschrieben werden. Fluorchinolone sollen auch nicht verordnet werden zur Vorbeugung gegen wieder­kehrende Infektionen der Harnwege oder gegen Reise­durch­fall, ebenso wenig bei nicht-bakteriellen Infektionen, zum Beispiel eine chro­nische Entzündung der Prostata.

Neben­wirkungen. Patienten, die schon einmal ernste Neben­wirkungen aufgrund der Mittel hatten, dürfen sie gar nicht mehr bekommen.

Risiko­gruppen. Mit Vorsicht einge­setzt werden sollten die Arzneien speziell bei Senioren, bei Menschen mit einer Nieren­funk­tions­störung oder nach einer Organ­trans­plantation und bei Patienten, die innerlich mit Kortison-Präparaten (Glucocorticoiden) behandelt werden. Hier ist das Risiko für Neben­wirkungen erhöht.

Cipro­floxacin und verwandte Mittel nur bei ernsten Infekten

Die Medikamenten-Experten der Stiftung Warentest sehen die Mittel schon seit langem kritisch. Sie bewerten Fluorchinolone nur für den Einsatz bei speziellen ernsten Lungen- und Blasen­entzündungen als geeignet. Der Nutzen muss die Nachteile über­wiegen. Bei harmloseren Infekten wie Bronchitis, Nasen­neben­höhlen- oder unkomplizierter Blasen­entzündung können Erkrankte zunächst einfache Maßnahmen ergreifen – etwa Nasenspülungen, Inhalationen und viel trinken. Müssen Antibiotika sein, sind andere Mittel vorzuziehen. Wer Fluorchinolone einnimmt und Neben­wirkungen fest­stellt, sollte sie absetzen – um die Folgebe­hand­lung abzu­stimmen, in ärzt­licher Rück­sprache.

Tipp: Ihr Arzt verordnet ein Mittel, das auf „floxacin“ endet? Dann fragen Sie, ob es wirk­lich notwendig ist. Meist gibt es Alternativen. Welche das sind, zeigt unsere Daten­bank Medikamente im Test. In der Veröffent­lichung 7 Mythen über Antibiotika erfahren Sie, wann diese Mittel angebracht sind und welche Risiken sie bergen.

Diese Meldung ist erst­mals am 3. April 2017 auf test.de erschienen. Wir haben sie am 10. April 2019 aktualisiert.

Dieser Artikel ist hilfreich. 181 Nutzer finden das hilfreich.