Am 18. November findet zum fünften Mal der Europäische Antibiotikaresistenztag statt. Das Ziel: für einen umsichtigen Umgang mit Antibiotika zu werben. Denn oft kommen die leicht­fertig zum Einsatz – bei Menschen und Tieren. Mit hohem Risiko: Bakterien können unempfindlich (resistent) gegen die Mittel werden und dann bei Menschen schwere bis tödliche Infektionen hervorrufen – weil Antibiotika kaum noch wirken. test.de informiert über die Probleme und nennt Auswege.

Antibiotika oft unnötig verordnet

Der Termin für den Antibiotikaresistenztag am 18. November liegt passend – mitten in der Erkältungs- und Grippe­saison. Nun strömen in ganz Europa wieder Leid­geprüfte in die Arzt­praxen. Viele bitten um Abhilfe durch Antibiotika – und bekommen sie oft auch verordnet, weil Ärzte sich von dieser Erwartungs­haltung unter Druck gesetzt fühlen. Was viele Patienten nicht wissen: Atemwegs­infekte wie Erkältung, Grippe, Hals­schmerzen, Schnupfen und Husten und Bronchitis werden meist durch Viren verursacht. Und dagegen wirken Antibiotika nicht, sondern nur gegen Bakterien. Antibiotika sollen nicht leicht­fertig zum Einsatz kommen. Sonst werden Bakterien dagegen unempfindlich, fach­sprach­lich resistent. Studien belegen den Zusammen­hang. So gibt es in europäischen Ländern mit hohem Antibiotika-Verbrauch oft auch hohe Resistenzraten

Hoher Verbrauch bei Tieren

Antibiotika Meldung

Über­tragungs­wege resistenter Keime.

Deutsch­land liegt beim Antibiotika­verbrauch für die Behand­lung von Menschen im Mittel­feld. Tiere bekommen mehr. So erhielten einem Behördenbe­richt von 2011 zufolge 92 Prozent der Hühn­chen in den untersuchten Betrieben Nord­rhein-West­falens Antibiotika. Das liegt an der Massentierhaltung. Bei vielen Tieren auf engem Raum breiten sich leicht Infektionen aus. Tier­ärzte behandeln deswegen oft nicht nur kranke Tiere, sondern vorbeugend den ganzen Bestand. Lange dienten Antibiotika zudem als „Mast­beschleuniger“, damit Tiere schneller schlacht­reif sind. Bei Masttieren für die Fleisch­industrie gibt es auch besonders viele resistente Bakterien. Auch bei Land­wirten, Tier­ärzten und in Lebens­mitteln wurden sie schon nachgewiesen. Wie resistente Keime durch den massenhaften Einsatz bei Tieren und Menschen entstehen und über­tragen werden, zeigt die Grafik.

Brenn­punkt Kranken­haus

Die bekann­testen resistenten Keime heißen MRSA: Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus. Bei 1 bis 2 Prozent der Bundes­bürger sitzt MRSA auf der Haut oder im Nasen-Rachen-Raum. Etwa 3 bis 5 Prozent der Deutschen tragen „ESBL-Bildner“ im Darm. Diese machen durch spezielle Enzyme zwei Antibiotika-Gruppen – Penicilline und Cephalosporine – unwirk­sam. Erst einmal schaden MRSA, ESBL und Co. nicht. Sie bleiben außen auf der Haut oder Schleimhaut, etwa im Darm. Doch wehe, die Barriere bröckelt. Das passiert bei Verletzungen oder Immun­schwäche. Vor allem im Kranken­haus steht Erregern der Weg in den Körper oft offen, etwa durch Operationen, Wunden oder Gefäß- und Blasen­katheter. Mögliche Folgen: Harnwegs­infekte, Lungen­entzündungen, Blut­vergiftungen. Jähr­lich gibt es in Deutsch­land etwa 500 000 Kranken­haus­infektionen. Ein großer Teil dürfte auf das Konto resistenter Keime gehen.

Jeder einzelne kann mithelfen

Im Kampf dagegen zählt gute Klinikhygiene – und ein umsichtiger Umgang mit Antibiotika. Um den Verbrauch bei Tieren zu senken, will Bundes­land­wirt­schafts­ministerin Ilse Aigner das Arznei­mittel­gesetz verschärfen. Doch auch jeder einzelne ist gefragt. Regel Nummer 1: Drängen Sie Ärzte nicht, Ihnen ein Antibiotikum zu verordnen. Dass die Mittel bei Erkältung, Grippe und Bronchitis meist gar nicht wirken, erfuhren die Franzosen 2002 bis 2007 per Medien­kampagne. Der Antibiotika­verbrauch sank um 27 Prozent. Und: Daten zeigen Rück­gänge bei den Resistenzen. Vielleicht lässt sich nicht nur Schlimmeres verhindern. Sondern sogar einiges verbessern.

Ausführ­liche Infos zum Thema bietet das Special Antibiotika: Warum zu viel krank macht.

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