Antibiotika Special

Vielfältig. Die Auswahl an Antibiotika ist groß, ihr Wirk­spektrum unterschiedlich.

Manche sehen sie als Wunderwaffe bei allen Infekten – andere halten sie für riskante Chemiekeulen. Sind Antibiotika gefähr­liche Arzneien, die Patienten besser gar nicht nehmen sollten – oder gehören sie in jede Haus­apotheke? Wann helfen die Mittel – und was passiert, wenn Bakterien dagegen resistent werden? Die Arznei­mittel­experten der Stiftung Warentest klären auf.

Mythos 1 – Antibiotika helfen gegen Erkältung

Das ist ein Irrglaube. Atemwegs­infekte wie Hals­entzündung, Schnupfen, Husten und Bronchitis sind meist durch Viren bedingt. Dagegen helfen Antibiotika nicht, sondern nur gegen Bakterien. Selbst die echte Grippe, bei der Erkältungs­symptome und hohes Fieber zumeist geballt und massiv auftreten, ist eine Viren-Erkrankung. Die Patienten genesen in aller Regel von allein, auch wenn das leider ein bis zwei Wochen, teils auch länger dauern kann. Oft helfen Ruhe, viel trinken und rezept­freie Medikamente – etwa Parazetamol gegen Schmerzen und Fieber und Mittel mit Xylometazolin bei Schnupfen.

Wenn Bakterien dazu­kommen. Mitunter siedeln sich Bakterien im vorbelasteten Gewebe an. Anzeichen können etwa eitrige Mandeln oder grünlicher Auswurf sein. Das ist mit dem Arzt zu klären. Er kann auch Labor­methoden einsetzen – etwa Schnell­tests auf Streptokokken bei Infekten mit Hals­schmerzen – oder ein Antibiogramm. Dazu nimmt er eine Probe vom Patienten. Mit einem Nähr­medium versetzt, zeigt sie im Labor, ob und welche Antibiotika gegen die Erreger wirken.

Mythos 2 – Antibiotika machen mich resistent

Antibiotika Special

Erfasst. Rund um wirk­same Antibiotika wachsen keine Keime.

Das ist nicht korrekt ausgedrückt, aber wichtig. Der menschliche Körper gewöhnt sich nicht an Antibiotika – Bakterien schon. Manche werden widerstands­fähig (resistent) gegen die Arzneien. Das passiert oft durch zufäl­lige Mutationen im Erbgut der Erreger, die sie an ihre Nach­kommen weitergeben. Resistente Keime können schwere Infektionen verursachen, weil ursprüng­lich hilf­reiche Medikamente nichts mehr gegen sie ausrichten. Antibiotika sollten daher nicht unnötig genommen werden, damit sie wirk­sam bleiben.

Fleisch ist belastet. Auch Nutztiere erhalten teil­weise Antibiotika. Entsprechend wurden in vielen Fleisch­proben resistente Keime entdeckt, so bei unserem Test von Hähn­chenschenkeln. Von dort können die Erreger auf Menschen übergehen. Küchenhygiene schützt, dazu zählt: Hände vor und nach der Zubereitung von Speisen waschen und Fleisch gut kochen oder durch­braten. Das tötet Keime ab – auch resistente.

Mythos 3 – Antibiotika gehören in jede Haus­apotheke

Falsch. Antibiotika sind nicht ohne Grund rezept­pflichtig. Der Arzt muss im konkreten Krank­heits­fall entscheiden, ob ein Antibiotikum erforderlich ist – und gegen welche Bakterien. Patienten sollten übrig gebliebene Antibiotika daher auch nicht aufheben und schon gar nicht an Dritte weitergeben. Selbst wenn jemand an ganz ähnlichen Symptomen leidet, könnten andere Erreger die Ursache sein.

Sicher entsorgen. Alte oder über­zählige Arzneien gehören nicht in den Abfluss oder die Toilette. Klär­anlagen entfernen sie nicht komplett. Dann können sie Gewässer, Tiere und Pflanzen belasten. Antibiotika zum Beispiel begüns­tigen womöglich draußen in der Natur die Bildung resistenter Bakterien. Sicherer entsorgen lassen sich Medikamente mit dem Hausmüll, der meist verbrannt wird. Der Königsweg: Altarznei­mittel bei Schad­stoff­sammelstellen oder Apotheken abgeben – allerdings ist das nicht über­all möglich.

Mythos 4 – Antibiotika sind gefähr­liche Arzneien

Antibiotika Special

Kindgerecht. Manche Antibiotika gibt es als Saft – gut dosier­bar für Kinder.

Das ist stark über­trieben. Antibiotika sind nicht riskanter als andere Medikamente, können aber durch­aus Neben­wirkungen verursachen: etwa Allergien, Haut­ausschläge oder Magen-Darm-Beschwerden wie Durchfall.

Darm ist gestresst. Im menschlichen Darm leben Hunderte verschiedener Bakterien­arten. Sie leisten dem Körper wert­volle Dienste, etwa bei der Verdauung. Oft unterscheidet ein Antibiotikum nicht zwischen den nützlichen und schädlichen Keimen, es zieht also auch gesunde Darmbe­wohner in Mitleidenschaft. Nach der Behand­lung erholt sich die Besiedelung in aller Regel wieder. Mittel zum „Aufbau der Darm­flora“, etwa mit Milchsäurebakterien oder Hefepilzen, können laut Studien möglicher­weise dabei helfen. Manche Experten empfehlen, wegen der enthaltenen Bakterien viel Joghurt zu essen – beispiels­weise Natur­joghurt.

Kinder sind empfindlich. Bei kleinen Kindern entwickelt sich die Darm­flora noch. Wenn sie oft Antibiotika bekommen, könnte sich das negativ auswirken, auch lang­fristig. Zu den möglichen Folgen zählen Überge­wicht und Asthma, lässt eine Studie im Fachjournal Nature Communications aus dem Jahr 2016 vermuten. Besonders hoch war das Risiko bei Makrolid-Antibiotika wie Erythromyzin. Das ist natürlich kein Grund, im Ernst­fall kein Antibiotikum zu geben. Doch sollten Eltern und Ärzte gut abwägen, ob es wirk­lich notwendig ist. Bei Atemwegs­infekten, die bei Kindern besonders oft auftreten, nützt es ohnehin meist nichts (siehe Mythos 1).

Mythos 5 – Antibiotika sind die reinsten Chemiekeulen

Das stimmt nicht. Die meisten Antibiotika sind natürlichen Ursprungs. Das erste breit genutzte Antibiotikum, Penizillin, stammt aus Schimmelpilzen der Gattung Penicillium. Als Entdecker gilt der Mikrobiologe Alexander Fleming. Er experimentierte 1928 mit Bakterien und bemerkte zufäl­lig, dass eine seiner Kulturen mit dem Pilz verunreinigt war – genau in diesem Bereich wuchsen keine Keime. Auch viele andere Antibiotika sind Naturstoffe aus Pilzen oder anderen Mikro­organismen. Manche werden heut­zutage chemisch abge­wandelt oder komplett synthetisch produziert.

Effekte unterscheiden sich. Es gibt inzwischen eine Vielzahl von Antibiotika. Sie lassen sich je nach Struktur und Wirk­weise in Gruppen einteilen und haben unterschiedliche Angriffs­punkte in Bakterien­zellen. Manche bekämpfen nur bestimmte Erreger – andere, sogenannte Breitbandantibiotika, viele verschiedene. Daher ist es wichtig, dass der Arzt ein passendes Mittel auswählt.

Mythos 6 – Wer sich besser fühlt, kann sein Antibiotikum absetzen

Das ist nicht richtig. Viele Antibiotika wirken schnell und drücken die Zahl der krankmachenden Keime zügig so stark herunter, dass Patienten kaum noch Symptome spüren. Das heißt aber nicht auto­matisch, dass die Bakterien bereits komplett beseitigt sind. Über­lebende können sich beim Absetzen der Arznei wieder ungestört vermehren, also mit voller Wucht zurück­kommen.

Ausreichend Zeit geben. Auch resistente Keime (siehe Mythos 2) scheint es zu fördern, wenn Antibiotika zu kurz oder zu nied­rig dosiert einge­setzt werden. Patienten sollten die Mittel daher so lange nehmen, wie mit dem Arzt besprochen. Oft heißt das: bis zum Ende der Packung. Ebenfalls wichtig sind die zeitlichen Abstände. „1 x täglich“ heißt ungefähr alle 24 Stunden einnehmen, „2 x täglich“ oder „3 x täglich“ entsprechend etwa alle zwölf beziehungs­weise acht Stunden. So bleiben die Konzentrationen des Antibiotikums im Blut konstant – das ist gut für die Wirkung.

Mythos 7 – Antibiotika vertragen sich nicht mit Milch

So pauschal stimmt das nicht. Das gilt nur für manche Antibiotika, zum Beispiel für die Wirk­stoffe Tetra­zyklin, Doxy­zyklin, Mino­zyklin oder Cipro­floxazin und Norfloxazin. Solche Substanzen können mit Kalzium aus Milch im Magen und Darm schwer lösliche Verbindungen eingehen. Das behindert die Aufnahme der Mittel ins Blut und lässt sie schwächer wirken. Daher: Vor und nach der Einnahme mindestens zwei Stunden auf Milch verzichten – auch auf kalziumreiches Mineral­wasser und Milch­produkte wie Käse, Quark oder Joghurt. Grund­sätzlich schluckt man Antibiotika – egal welche – am besten mit einem großen Glas Leitungs­wasser.

Den Beipack­zettel lesen. Viele weitere Wechsel­wirkungen sind möglich, daher: Beipack­zettel beachten. Teils sind Antibiotika zum Beispiel zur Mahl­zeit zu nehmen, teils mit etwas Abstand vorher oder nachher. Wichtig für Frauen: Die Mittel können die verhütende Wirkung der Pille mindern, etwa weil sie die Darm­flora (siehe Mythos 4) und damit die Aufnahme der Hormone beein­trächtigen. Während der Therapie daher gegebenenfalls zusätzlich mit Kondomen schützen. Ebenfalls nicht zu unterschätzen: Manche Antibiotika vertragen sich nicht mit Alkohol. Er wirkt zum Beispiel zusammen mit Metronidazol oft weit­aus stärker als gewöhnlich. Weil Alkohol Organe und Gewebe zusätzlich strapazieren und daher die Genesung behindern kann, raten manche Mediziner grund­sätzlich davon ab, solange Patienten ein Antibiotikum einnehmen – egal um welchen Wirk­stoff es sich handelt.

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