Faltenspritzen in der Mittagspause, Sommeraktion in der Schönheitsklinik, Live-Operationen im Fernsehen – immer unbedenklicher werden Behandlungen angeboten.

„Neu! Botox to go – 15 bis 18 Uhr“ in orange-schwarzen Lettern prangt der Slogan auf dem Schaufens­ter eines Ladenlokals, zwischen Hutge­schäft und Frisiersalon durchaus prominent gelegen an der Flaniermeile einer Großstadt. Hier wird, quasi in der Mittagspause, für 290 bis 330 Euro Nervengift gegen Zornesfalten und Krähenfüße injiziert.

Sommeraktion einer Klinikkette für ästhetisch-plastische Chirugie: Zwischen Juni und September gewährt sie einen Preisnachlass von 10 bis 15 Prozent auf alle Operationen. „Wir machen Schönheit bezahlbar mit der neuen 'Beauty Direct'-Finanzierung“, heißt es im Internet.

Billiger noch wird es beim Googeln: „Fettabsaugen““ in die Suchmaschine eingegeben und Angebote wie „Fettabsaugen schon ab 750 Euro“ oder „Sparen Sie bis zu 70 Prozent. Bruststraffung, Brustverkleinerung“ erscheinen zuhauf.

„Seriöse Ärzte werben nicht mit Neonreklame!“, warnt Dr. Ralf Frönicke, Vorsitzender des Münchener Arbeitskreises für Ästhetische Chirurgie, der sich für Qualitätsstandards stark macht. Hinter grellen Werbeslogans und Dumpingpreisen verberge sich ein harter Konkurrenzkampf, weil ästhetische Operationen seit etwa zwei Jahren zurückgingen.

Doch immerhin: 135 000 Operationen und 41 000 Faltenbehandlungen führten 2003 allein die Fachärzte der Gesellschaft für „Ästhetische Chirurgie Deutschland“ (GÄCD) durch. Am häufigsten: Faltenbehandlungen, Fettabsaugen, Lidstraffung. Danach setzte Mann auf Haartransplantation, Frau auf Brustvergrößerung. Offizielle Daten über die Zahl misslungener ästhetischer Operationen existieren nicht. Aber Pfusch und Kunstfehler beschäftigen zunehmend die Gerichte. Und die Dunkelziffer ist hoch.

Geiz ist gefährlich

Einen Grund dafür nennt Frönicke: „Der Trend geht zu gefährlichen Billigoperationen. Aber OPs zum Supermarktpreis sind nie ohne Risiko zu haben.“ Immer billigere Angebote, Offerten für OPs, die scheinbar nebenbei und auf die Schnelle durchgeführt werden können, suggerieren, dass es sich um harmlose Eingriffe handelt: „Patienten schätzen die Operationsrisiken immer häufiger zu gering ein“, beobachtet Frönicke.

Oft würden Sonderangebote nicht hinterfragt: Ist ein Narkosearzt im Haus? Handelt es sich um zertifizierte Implantate und Originalwirkstoffe? Sind Mehrwertsteuer und Nachbehandlung im Preis enthalten? Das alles müsse geklärt werden. Oft seien „Sonderangebote“ dann gar nicht mehr so billig.

Zeit für die Aufklärung

Bei Operationen besonders wichtig ist die so genannte Zwei-Stufen-Aufklärung: Zwischen Beratung und Operation sollten immer mehrere Wochen liegen. Dann haben Patienten Zeit, ihr Vorhaben gründlich abzuwägen. Die Realität: „Manche Kliniken rufen potenzielle Patienten am Abend an, um einen OP-Termin für den nächsten Tag zu vereinbaren, weil noch kurzfristig ein Bett freigeworden ist. Das ist unseriös!“, warnt auch Professor Heinz Bull, Präsident der GÄCD, des größten interdisziplinären Fachverbands. Seriös seien eine individuelle Risikoanalyse und ein detaillierter Nachbehandlungsplan.

Für den Patienten wiederum gilt: Fragen, fragen, fragen! Wie oft hat der Arzt diese Operation schon durchgeführt? Worauf genau ist er spezialisiert? Gibt es Referenzen, also Patienten, die ihn weiter empfehlen würden? Auch eine zweite Meinung sollte als Gegencheck immer eingeholt werden.

Selbst ernannte Spezialisten

Die Geiz-ist-geil-Mentalität mancher Verbraucher trägt jedenfalls entschieden zum Sicherheitsrisiko bei – nicht nur beim operativen Anti-Aging. Auch falsch angewandte Faltenbehandlungen, unkritisch verabreichte Hormontherapien, überdosierte Nahrungsergänzungsmittel oder unprofessionelle chiropraktische Massagetechniken sind oft unterschätzte Eingriffe in die Gesundheit, die nicht nur nicht verjüngen, sondern ausgesprochen gefährlich sein können.

Das gilt vor allem, weil das Geschäft mit der Jugend bisweilen Scharlatane auf den Plan ruft. Und auch unzureichend qualifizierte Quereinsteiger. So bieten beispielsweise Friseure und Kosmetiker Faltenunterspritzungen oder Botox-Injektionen an. Unsere Untersuchung ergab: Selbst manche Weiterbildung zum Anti-Aging-Berater, der eigentlich nur aufklären darf, hat Faltenunterspritzen auf dem Stundenplan – und zwar für Teilnehmer ohne ärztliches Fachwissen.

„Das alles ist verboten oder zumindest in einer rechtlichen Grauzone angesiedelt. Aber wo kein Kläger, da kein Richter – und es wird munter weiterpraktiziert“, kritisiert auch der Jurist Dr. Hardo Henkel (siehe Interview)

Krankhafter Perfektionswahn

Fachleute sind sich einig, dass es bei der möglichen Vielfalt auf dem Anti-Aging-Markt sehr darauf ankommt, sich grundsätzlich nur von entsprechend qualifizierten Personen behandeln zu lassen. Schauen Sie also genau hin, wem Sie sich anvertrauen und wer sie fundiert beraten kann.

Unverantwortlich sind Auswüchse wie Versteigerungen von Fettabsaugen, die zeitweise bei ebay liefen, oder Shows wie „I want a famous face“ auf MTV, in denen sich junge Menschen unters Messer legen, um wie ihr Star auszusehen. Der Gesetzgeber sieht das ähnlich: Die Sendezeit für die MTV-Show wurde beschränkt. Und auch irreführende, suggestive Werbung für Schönheitsoperationen soll künftig verboten werden.

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