Die Entscheidung wurde mit Spannung erwartet: Heute hat die Europäische Zentral­bank (EZB) verkündet, Staats­anleihen der Euroländer aufzukaufen, 60 Milliarden Euro pro Monat – und zwar solange, bis die Inflation wieder steigt. Das Programm ist zunächst bis September 2016 begrenzt. Der Leitzins bleibt unver­ändert bei 0,05 Prozent pro Jahr. test.de erläutert die Folgen für private Anleger in Deutsch­land.

Inflation statt Deflation

Von einem Tabubruch reden die einen, von ganz normaler Noten­bank­politik die anderen. Mit den Anleihekäufen will die EZB in erster Linie dafür sorgen, dass die Inflation im Euroraum wieder in die Nähe der Zielmarke von 2 Prozent pro Jahr steigt, sagte EZB-Präsident Mario Draghi auf der Presse­konferenz der EZB in Frank­furt. Im November lag die Inflation im Euroraum bei 0,3 Prozent pro Jahr, im Dezember sogar bei minus 0,2 Prozent. Eine Deflation, anhaltend sinkende Preise, solle verhindert werden. „Das Risiko einer Deflation ist sicherlich hoch, aber wir erwarten, dass die Eurozone insgesamt eine lang­fristige Deflation knapp vermeiden wird“, kommentiert Azad Zangana von der Fonds­gesell­schaft Schroders die Situation.

Ausfall­risiken auf EZB und nationale Noten­banken verteilt

Außerdem soll sich die lockere Geld­politik der EZB stärkend auf das Wirt­schafts­wachs­tum in Euro­land auswirken. Im dritten Quartal 2014 ist das Brutto­inlands­produkt im Euroraum um 0,2 Prozent gestiegen. Insgesamt umfasst das Anleihekauf­programm ein Volumen von rund 1,1 Billionen Euro. Die Ausfall­risiken – falls ein Staat pleite geht und die Anleihen nicht mehr tilgen kann – über­nimmt die EZB nicht allein, auch die nationalen Noten­banken sollen sich daran beteiligen.

Dax springt auf über 10 400 Punkte

Private Anleger mit Aktien oder Aktienfonds sind die Gewinner der Entscheidung. Schon im Vorfeld der Entscheidung ging es an den Aktienmärkten turbulent zu. Die Aussicht auf eine Geld­schwemme führte dazu, dass der Deutsche Aktien­index (Dax) täglich auf ein neues Allzeit­hoch kletterte. Auch die Aktienmärkte anderer Länder wie Frank­reich oder Italien sind im Vorfeld der Entscheidung gestiegen. Die portugiesische Börse legte sogar um rund 10 Prozent zu. Dagegen liegt Spanien seit Jahres­beginn mit 0,3 Prozent im Minus, grie­chische Aktien verloren sogar 6 Prozent. Nach der Entscheidung schnellte der Dax bis über die 10 400-Punkte-Marke hinaus.

Tipp: Was die Aktien­kurse treibt, erläutern die Experten von Finanztest im Artikel Geldanlage im Zinstief: So gibt es trotzdem Rendite.

Zinsen nied­rig, Euro auch

Der Leitzins der EZB bleibt unver­ändert bei 0,05 Prozent. Für Anleger heißt das: Für Tages­geld und Fest­zins­anlagen müssen sie mit weiter nied­riger Verzinsung rechnen. Uwe Fröhlich, Präsident des Bundes­verbandes der Deutschen Volks­banken und Raiff­eisen­banken (BVR), fordert: „Die EZB sollte jetzt die negativen Zinsen auf Bank­einlagen bei der Noten­bank aufheben. Ein Ende des geld­politischen Experiments mit negativen Zins­sätzen wäre für die Sparer in Europa ein positives Signal, das deren Verunsicherung entgegen­wirken würde.“

Tipp: Aktuelle Konditionen finden Sie im Produktfinder Tagesgeld und im Produktfinder Festgeld und Sparbrief.

Urlaub außer­halb der Euro-Zone wird teurer

Für Anleihekäufer wird es noch schlimmer: Die Renditen der Bundes­anleihen sind dieser Tage unter 0,4 Prozent pro Jahr gesunken. Anleger mit Rentenfonds Staatsanleihen Euroland können sich allerdings weiterhin über Kurs­gewinne freuen. Ihre Anlage steigt, wenn am Markt die Renditen sinken. Der Euro kostete am Donners­tag Nach­mittag 1,14 Dollar. Für private Anleger, die ihren Lebens­unterhalt in Euro bestreiten, spielt der Außen­wert der Währung in dieser Hinsicht keine Rolle. Allerdings wird Urlaub außer­halb der Eurozone teurer. Außer dem Dollar sind auch das britische Pfund und der Schweizer Franken gestiegen.

Tipp: Was Sie beachten müssen, wenn Sie Geld in Rentenfonds anlegen, lesen Sie im Beitrag Rentenfonds Euro: Diese Fonds gehören ins Depot. Was der Anstieg des Schweizer Franken bedeutet, erläutert test.de in der Meldung Schweizer Franken frei: Anleger reut’s, Grenzgänger freut’s, Urlaubern graut’s.

Was die Geld­schwemme bewirkt

Analysten und Markt­beob­achter stellen sich dieser Tage die Frage, ob das groß angelegte Anleihenkauf­programm so viel nützt, wie die EZB erwartet. Sie ist ja nicht die erste, die ein Anleihenkauf­programm auflegt. Das haben vor ihr schon die Noten­banken von Japan, Groß­britannien und den USA getan – mit unterschiedlichen Ergeb­nissen: Japan leidet immer noch unter Deflation, und auch die Konjunktur stagniert. Dagegen wächst sowohl in Groß­britannien als auch in den USA die Wirt­schaft wieder kräftig.

Abwertung des Euro könnte Konjunktur beleben

Ob die Geld­flut sich wirk­lich auf den Gütermarkt auswirkt, wie die EZB das beabsichtigt, ist offen. Ebenso kann passieren, dass sich Aktien- oder Immobilien­preise aufblähen. Die Deutsche AWM, Vermögens­verwalter der Deutschen Bank, kommentiert: „Aus wirt­schaftlicher Perspektive vertreten wir die Ansicht, dass die Staats­anleihenkäufe weder ein Allheil­mittel gegen die Wirt­schafts­flaute sein werden, noch dass dadurch ein großer Schaden entstehen wird. Die positivste Wirkung auf die Konjunktur dürfte die Abwertung des Euros haben. Diese kommt einem kleinen Konjunktur­programm gleich. Darüber hinaus dürften sich die Auswirkungen in Grenzen halten.“ Ein schwacher Euro stärkt die Export­industrie, was insbesondere der deutschen Wirt­schaft zugute kommt. Im vergangenen Jahr haben die Aktienmärkte im Euroraum um 4,4 Prozent zugelegt. Im Vergleich zum Welt­aktienmarkt war das wenig.

Tipp: Zum Stand der Eurokrise im Sommer 2014 lesen Sie den Beitrag Eurokrise: Hoffnung für Euroland.

Wahl in Griechen­land

Der nächste spannende Termin steht schon bevor: Am Sonn­tag wählen die Griechen ein neues Parlament. Den Umfragen zufolge hat die Oppositions­partei Syriza mit Alexis Tsipras an der Spitze gute Aussichten zu gewinnen. Tsipras strebt einen Schulden­schnitt an und will außerdem das Spar­programm lockern. Den Euro wollen die meisten Griechen allerdings behalten.

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