Strategie-ETF: Kaum berechen­bar

„Smart-Beta-ETF“ liegen voll im Trend. Mit unterschiedlichen Strategien wollen sie herkömm­liche ETF ausstechen. Doch für kluge Anleger sind sie selten das Richtige.

Auch die Finanz­branche hat ihre Mode­begriffe, Smart Beta gehört seit wenigen Jahren zu den Favoriten. Eine griffige deutsche Über­setzung gibt es dafür nicht. Gemeint ist so etwas wie der kluge Umgang mit Anlagerisiken. Hinter Smart-Beta-ETF stecken Indizes mit speziellen Anla­gestrategien. Die Anbieter versprechen in der Regel ein besseres Chance-Risiko-Verhältnis als bei den breiten Indexfonds.

Finanztest sieht Strategie-ETF dagegen eher problematisch: Anleger gehen mit ihnen neue Risiken ein, strategische Aktien­anlagen sind generell kaum berechen­bar.

Indexfonds für Zocker?

Der Indexfonds Deka Stoxx Europe Strong Value 20 (Isin DE 000 ETF L045) ist sogar eher etwas für Zocker als für ernst­hafte Anleger. Bei nur 20 Titeln kann von Risiko­streuung keine Rede sein. Der europaweit ausgerichtete Index enthält zwar finnische, tsche­chische und grie­chische Aktien, aber kein Unternehmen aus Deutsch­land.

Ähnlich spekulativ sehen wir den Schwester-ETF Deka Stoxx Europe Strong Growth 20 (DE 000 ETFL 037), in dem die kaum bekannten Biotech­unternehmen Genmab und Eurofins Scientific ein Gewicht von zusammen mehr als 12 Prozent haben.

Ausuferndes Angebot

Die Zeiten, als das ETF-Angebot über­schaubar und über­sicht­lich war, sind lange vorbei. An der Frank­furter Börse werden bereits mehr als 1 100 ETF gelistet, und jede Woche kommen neue hinzu. Anleger, die sich nicht gründlich informieren, können bei ETF inzwischen ähnlich schwerwiegende Fehl­griffe machen wie bei aktiv gemanagten Fonds. Gerade bei „Smart-Beta“ verschwimmen die Grenzen zu herkömm­lichen Investmentfonds.

Die Dividenden-, Value- und Growth-Strategien (siehe Grafik unten) sind von gemanagten Fonds bekannt und weit verbreitet. Dort pickt ein Fonds­manager Aktien heraus, die nach seiner Auffassung zu der Strategie passen. Bei Strategie-ETF folgt die Auswahl klar definierten Regeln.

Streuung ist oft zu gering

So oder so: Mit einer wegen der speziellen Strategie einge­schränkten Aktien­auswahl opfern Anleger oft den Haupt­vorteil breit aufgestellter Indexfonds: die enorme Streuung über viele Unternehmen, Branchen und Länder. Während der MSCI World mehr als 1 600 Titel enthält, sind es bei globalen Strategieindizes oft sehr viel weniger. Ein Beispiel ist der Dividenden­index Stoxx Global Select Dividend 100 mit nur 100 Aktien.

Dabei ist der Index durch­aus attraktiv. Zwei ETF von iShares und db x-trackers, die ihn abbilden, gehören sogar zu den Top-Fonds unter den Aktienfonds Welt (Produktfinder Fonds). Nur haben sie eine geringe Markt­nähe und eine völlig andere Länder- und Branchen­mischung als der MSCI World.

Die Aktienmärkte Hong­kongs und Singapurs sind im Welt­index mit weniger als 2 Prozent nur eine Rand­erscheinung, im Dividenden­index haben sie dagegen mit zusammen rund 20 Prozent ein beträcht­liches Gewicht.

Anleger können ETF auf den Stoxx Global Select Dividend 100 gut mit breit streuenden Indexfonds oder mit heraus­ragenden gemanagten Aktienfonds Welt kombinieren. Als Basis­anlage empfehlen wir sie aber nicht.

Einfach ist oft besser

Auch komplexe Auswahl­verfahren sind kein Wunder­mittel, wie das Beispiel des PowerShares FTSE Rafi Developed 1000 Ucits ETF (IE 00B 23D 8W7 4) zeigt. Der ETF folgt einer Strategie, die Aktien nach unterschiedlichen Unter­nehmens­kenn­zahlen und der Dividendenrendite auswählt, um den normalen Welt­index zu über­treffen.

Das bisherige Ergebnis über­zeugt nicht. Seit Dezember 2007 hat der Rafi-Fonds gegen­über einem ETF auf den MSCI World deutlich schlechter abge­schnitten. Sollten seine Aktien eine bessere Qualität haben als der globale Durch­schnitt, so zeigt sich dies nicht in der Wert­entwick­lung.

Nach unseren Beob­achtungen hängt es stark von der jeweiligen Markt­phase ab, welche Strategie gerade gut läuft. Mal schlagen sich Dividenden­aktien besonders gut, mal haben sogenannte Wachs­tums­aktien die Nase vorn. Manche Indexanbieter reagieren auf dieses Phänomen, indem sie verschiedene Strategien mischen.

Für Durch­schnitts­anleger, die sich mit Markt­phasen nicht auskennen und keine Lust auf Strategie­studien haben, bleibt als vernünftigste Alternative ein klassischer markt­breiter Indexfonds. Damit sind sie auf der sicheren Seite.

Riskanter, als es scheint

Selbst Strategien, die auf den ersten Blick einleuchten, bergen oft höhere Risiken als der Basis­index.

Das gilt zum Beispiel für den Stoxx Europe 600 Equal Weight, in dem alle Aktien bisher gleichgewichtet sind. Einen ETF gibt es von der wenig bekannten Gesell­schaft Ossiam (LU 059 961 314 7). Zu erwarten wäre eine stabilere Index­entwick­lung, weil das sogenannte Klumpenrisiko durch hoch­gewichtete Einzel­aktien entfällt.

Doch der im Mai 2011 aufgelegte Fonds hatte bisher mit rund 22 Prozent einen höheren maximalen Verlust als der herkömm­liche Stoxx Europe 600, mit dem Anleger 18,6 Prozent einbüßen konnten.

Trügerische Rück­rechnung

Von neu aufgelegten Fonds mit vorher nicht kauf­baren Strategien sollten Anleger generell die Finger lassen – selbst wenn Rück­rechnungen von Anbietern grandiose Erfolge ausweisen. Finanztest hat über­prüft, ob sich rück­gerechnete Index­daten als Indikator für die Entwick­lung später aufgelegter Fonds eignen. Klare Antwort: Nein.

Sehr oft sehen Vorher-nachher-Diagramme so ähnlich aus wie das Beispiel oben. Der Strategie­index erscheint im Direkt­vergleich zum breiten Markt so lange über­legen, wie er sich nicht in der Praxis beweisen muss. Nach Start der Berechnung ist damit Schluss. Manche Strategieindizes stürzten dann sogar regelrecht ab.

Anleger sollten wissen, dass Indexanbieter vom Verkauf ihrer Lizenzen leben. Je attraktiver ein Index wirkt, desto besser lässt er sich vermarkten. Die Versuchung, anhand historischer Daten einen Super­index zu basteln, ist groß. Die Berechnungen sind nicht fehler­haft, aber oft praxis­fremd. Schlimms­tenfalls wird ein mit Vergangen­heits­daten hoch­gezüchteter Strategie­index im Börsen­alltag zum Total­versager.

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