Das Wohl und Wehe der Telekommunikationsbranche hängt davon ab, ob die Übertragungstechnik UMTS ein Erfolg wird.

„Wann wirds mal wieder richtig Sommer?“ fragen sich die leidgeplagten Anleger in Telekommunikationswerten. Statt eitel Sonnenschein herrscht in ­ihren Portfolios Eiseskälte. Das Kursbarometer der Branche ist tief gefallen. Die erste echte Volksaktie der Deutschen, die T-Aktie, fiel im Frühjahr sogar unter ihren Ausgabekurs.

Nicht nur bei der Deutschen Telekom wartet man auf das Sommerhoch. Von den Branchengrößen hat lediglich das Papier des US-Unternehmens Bellsouth in den ersten drei Monaten dieses Jahres die Kleinigkeit von 1,6 Prozent zugelegt. Die zehn größten Telekomunternehmen der Welt haben in diesem Zeitraum durchschnittlich 10,9 Prozent eingebüßt. Und das Sturmtief hat sich noch nicht verzogen.

Weltweit starren Anleger und Analysten ebenso gebannt auf die Kurstafeln der Börsen wie sie auf die Nachrichten aus den Entwicklungslaboren der Handy­hersteller warten. Denn über eines sind sich die Fachleute einig. Wie sich die Aktien der Branche mittelfristig weiter entwickeln, hängt von der Beantwortung zweier Fragen ab: „Wann stehen die UMTS-Netze, -Geräte und -Dienste zur Verfügung?“ und „Wie nehmen die Kunden die nächste Generation mobiler Datenübertragung an?“ Das Festnetz ist out. Die Zukunft gehört der Mobiltelefonie. Bis zum Jahr 2003, schätzt die Hypovereinsbank, hat Mobilfunk das Festnetz überholt.

Milliardenspiele

Telefon, Handy, Datenübertragung, UMTS? Was genau umfasst die Telekommunikationsbranche? „Im Fondsbereich fassen wir die Branche weit. Sie erfasst Netzanbieter wie Zulieferer“, sagt Matthias Reinhardt, Geschäftsführer eines Freiburger Fondsshops. Fonds streuen auf diese Weise das Risiko.

Um aber genauere Hinweise auf den Zustand des Sektors zu erhalten, schauen sich die meisten Analysten Zubehörhersteller wie Nokia, Siemens oder Ericsson getrennt von den Netzbetreibern an. Sie wiederum lassen sich unterscheiden in Unternehmen, die sowohl mobile als auch Festnetzkommunikation betreiben – wie beispielsweise britische und deutsche Telekom, die amerikanische Verizon oder die spanische Telefónica – und in reine Mobilfunkanbieter. Dazu gehören Vodafone, NTT Docomo oder Telecom Italia Mobile.

Schuldenberge

Um die Branche steht es weltweit nicht zum Besten, und das liegt zunächst nicht an den Zukunftsaussichten von UMTS. Bereits die Lizenzen für die neue, schnelle Übertragungstechnik haben die Kassen der Unternehmen stark belastet. Allein für den heiß umkämpften deutschen Markt haben sie rund 50 Milliarden Euro hingeblättert.

Zum Vergleich: Der Umsatz der Deutschen Telekom im Jahr 2001 betrug 48,9 Milliarden Euro. Die France Telecom hat im selben Zeitraum 42,6 Milliarden Euro umgesetzt, die spanische Telefónica 31,9 Milliarden.

Zum schlechten Branchenklima beigetragen hat zudem der Konzentrationsprozess. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung rechnet vor, dass der Kampf der vergangenen Jahre um Marktanteile – Vodafone schluckt D2-Mannesmann, Deutsche Telekom kauft das US-Unternehmen Voicestream – noch mehr Geld gekostet hat als die Lizenzen.

Und kaum haben die Anleger die hohen Investitionen verdaut, die die Gewinne der Unternehmen für die nächsten Jahre belasten, da hören sie von neuen Horrorsummen. 250 Milliarden Euro sollen der Aufbau der UMTS-Netze in Europa und die Entwicklung der entsprechenden Geräte verschlingen.

In diesem Jahr hätte es mit der Raserei auf der Datenautobahn losgehen sollen, hatte man den Verbrauchern versprochen. Aber die Zukunft ist um mindestens ein Jahr verschoben. Mit der Deutschen Telekom und der Swisscom haben zwei Unternehmen den Start ihrer UMTS-Aktivitäten auf 2003 vertagt. Das bedeutet aber auch, dass die mit dem Kauf der Lizenzen und dem Bau der Infrastruktur zusammenhängenden Schulden ein Jahr länger auf die Ertragslage der Unternehmen drücken.

Fehlstart

Damit nicht genug: Gegen den Aufbau eines solchen, aus bis zu 10 000 Antennen bestehenden Netzes wächst der Widerstand. Die Kritiker befürchten, dass die neuen Anlagen gesundheitsschädlich sein könnten. Gleichzeitig taucht mit der alternativen Übertragungstechnik der Local Area Networks (LAN) schon ernsthafte Konkurrenz auf, die ausgerechnet dort, wo UMTS eigentlich seine Stärken ausspielen wollte, Geld abschöpft: an Punkten wie Flughäfen und Hotels nämlich.

Und die Verbraucher haben die Versprechungen über das mobile Internet und neue Übertragungstechniken satt: Erst kam das nutzlose WAP, nun sollen sie Geld für GPRS-fähige Geräte und die hiermit zu empfangenden Inhalte ausgeben, und ab Weihnachten stehen die UMTS-Handys in den Regalen.

Doch selbst wenn die neue Technik tatsächlich funktionieren sollte, bleibt die Frage: Lassen sich wirklich Massen dafür begeistern, Kinofilme auf dem Handydisplay anzuschauen oder Bilder damit aufzunehmen und zu versenden? „Die Branche braucht eine Killer-Application“, sind sich die Fachleute einig, einen Abräumer. Ein Produkt, von dem jeder Mensch glaubt, er müsse es unbedingt besitzen, und wofür er sich dann gerne in die Welt des mobilen Internets begibt und Geld ausgibt. Was allerdings solche Abräumer-Qualitäten haben könnte, darüber rätselt die Fachwelt.

Warten auf den warmen Regen

Lohnt es sich am Ende also gar nicht, in die Telekombranche Geld zu investieren? Erst mit einer „signifikanten Rückführung der Verschuldung“ seien „neue, positive Impulse zu erwarten“, sagen die Analysten der Hypovereinsbank. „Zukunftsfantasien“ entwickelt dagegen die DZ-Bank. Dort erwartet man höhere Erträge aus den Festnetzen, wenn mehr Nutzer auf die Breitbandtechnologie für das schnelle Internet umsteigen.

„Telefoniert wird immer“, sehen die Optimisten für die Branche keine allzu großen Risiken. Sowohl was das Festnetz als auch was die Mobiltelefonie angeht, bieten sich jenseits von Europa große Wachstumschancen. Nicht überall sind die Märkte so gesättigt wie hierzulande. Die spanische Telefónica zum Beispiel könnte von einem Aufschwung in Südamerika profitieren. Und die Deutsche Telekom hat bereits ein Bein im Zukunftsmarkt USA – wo sich der Mobilfunkmarkt noch im Winterschlaf befindet.

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