Von der Schraube im Baumarkt bis zum Kampfjet – die ­Aktionäre des Industriesektors sind daran beteiligt.

Die Zunft der Börsianer kennt keinen Pardon. „Der Krieg ist längst eingepreist“, sagen sie, wenn jemand heute noch auf die Aktien der Rüstungsfabrikanten setzen will.

Die Waffenschmieden gehören zum Sektor Industrie. Der fertigt zum weitaus größeren Teil zwar zivile Güter. Aber Siemens ist auch am Leo-Panzer beteiligt, Boeing baut F18-Kampfflugzeuge und BAE Systems rüstet Heer, Luftwaffe und Marine gleich komplett aus.

Krieg als Geschäft

Krieg lässt die Kurse solcher Unternehmen nicht allzu heftig nach oben ausschlagen. Wenn die Bush-Regierung allerdings ankündigt, den Verteidigungshaushalt von derzeit 325 Milliarden Dollar (304 Milliarden Euro) bis 2007 auf bis zu 450 Milliarden Dollar (421 Milliarden Euro) im Jahr aufzustocken, reagieren sie schon eher.

Viel mehr Einfluss auf die Entwicklung der Unternehmenswerte haben die zivilen Leistungen dieser Industrie.

Das hat einen einfachen Grund. Wenn Siemens den Transrapid, Boeing Jumbos und BAE Airbusse baut, schaffen sie Werte, die wiederum neue Werte hervorbringen können.

Verkehrsunternehmer und Luftfahrtgesellschaften können mit diesen Produktionsmitteln ihre Dienstleistung anbieten und zum Beispiel Personen befördern. Das wiederum schafft möglicherweise Arbeitsplätze im Tourismus.

Die Aufzählung ließe sich fortsetzen. Der Nutzen friedlich einzusetzender Güter ist für die Börsianer letztendlich größer als der von Waffen. Nach der Herstellung ist ein Kampfjet einfach unproduktiv.

Kollege Automat

In den Nachrichten und der Wirtschaftspresse taucht der Sektor Industrie manchmal auch als Investitionsgüterindustrie auf. Gemeint ist dasselbe.

Zu diesem Sektor gehört eine ganze Reihe von Branchen. Die Palette reicht von der Rüstung über die Luftfahrt bis zur Bauindustrie und zum Maschinenbau. Eine weitere wichtige Branche in dem Sektor bilden die Industrie-Konglomerate. Manche von ihnen bestehen aus über 1 000 Einzelfirmen und haben sprichwörtlich alles im Angebot.

Eines haben die Unternehmen des Industriesektors gemeinsam. Sie automatisieren Herstellungsprozesse. Sie ersetzen menschliche Arbeitskraft und Maschinen übernehmen Aufgaben, die Menschen nicht wahrnehmen können.

An Fließbändern lassen sich mit immer weniger Menschen immer höhere Stückzahlen herstellen. Und kein Mensch kann Post binnen Sekunden von Deutschland nach Neuseeland bringen. Computer und die weltweiten Kabel- und Funknetze schaffen das ­mühelos.

Totes Kapital

Bürogebäude sind im übertragenen Sinne auch Maschinen. In ihnen konzentriert und beschleunigt sich Arbeit. Deshalb zählen auch die Hersteller von Baukomponenten, Bauingenieure und große Baufirmen zum Sektor.

Straßen, Häfen, Schienennetze und weltumspannende Kommunikationsnetze rationalisieren den Personen- und Warenverkehr sowie den Informationsaustausch. Strom-, Gas-, Wär­me-, Wasserver- und Abwasserentsorgungsnetze sind Investitionsgüter, die den Menschen einige Mühe ersparen. Firmen, die sie herstellen, gehören zur Industrie.

Luft- und Raumfahrt

Eine der wichtigsten Branchen des Sektors Industrie ist die Luft- und Raumfahrt. Doch weniger Menschen als vor zwei Jahren noch wollen fliegen. Weil sie sich von Terroristen und Kriegen bedroht fühlen, sinkt die Zahl der Kunden der Luftfahrtgesellschaften.

Deshalb ordern diese weniger Flugzeuge. Die vorhandenen sind schon nicht ausgelastet. Neun Milliarden Dollar (8,4 Milliarden Euro) Verlust flogen im vergangenen Jahr allein die großen US-Fluglinien ein.

Auch aus der Raumfahrt kommen schlechte Nachrichten. Der Columbia-Absturz stellt die bemannte Raumfahrt infrage. Die halten viele Experten selbst im amerikanischen Verteidigungsministerium aus technologischer Sicht inzwischen für überflüssig.

Als wichtiger gelten die unbemannten Flüge. Doch da hapert es auch. Das europäische Ariane-Programm hängt in der Luft, weil eine neue Rakete nicht so fliegt, wie sie soll. Das Programm mit dem Satellitentransport ins All könnte sowieso nicht ausgelastet werden. Denn die Telekomunternehmen ächzen unter Schulden und kaufen keine neuen Satelliten. Frühestens 2004 gehe diese Krise zu Ende, sagt der Präsident des Branchenverbands, Rainer Hertrich.

Groß, größer, Konglomerate

Die Unternehmenskonglomerate sind eine Branche für sich im Sektor. Es sind Unternehmen aus der Frühzeit der Industrialisierung. General Electric, Siemens, Schneider, Saint Gobain, 3M und andere blicken auf über hundert Jahre Industriegeschichte zurück. Ihre Geschäftsfelder spiegeln die Entwicklung wider – von der Dampfmaschine bis zur Software, von der Massenproduktion bis zur globalen Informations- und Dienstleistungsgesellschaft.

Zu einem Konglomerat wird ein Unternehmen, wenn es in mindestens drei der Branchen Energie, Industrie, Hilfs- und Betriebsstoffe, Nicht-Basis-Konsumgüter, Gesundheitswesen und Informations- und Telekommunikationstechnologie tätig ist, ohne dass eine dieser Sparten den Hauptteil der Erträge hervorbringt.

Solche Firmen bauen die elektroni­schen Bauteile, die ein Handy klingeln lassen, und die, welche die Internationale Raumstation in der Umlaufbahn halten. Sie bauen Verkehrssysteme wie den Transrapid, legen Glasfaserkabel unter Wasser rund um die Welt, statten Staudämme mit riesigen Turbinen aus, errichten Müllverbrennungsanlagen und Atomkraftwerke.

Maschinen

In Deutschland viel beachtet ist eine weitere Branche des Sektors: der Maschinenbau. Nicht nur die Konglomerate beschäftigen sich damit. Sein Herz sind die spezialisierten mittelständi­schen Unternehmen.

Zum Maschinenbau zählen die Hersteller von Bau- und Landwirtschaftsmaschinen sowie Schwerlastfahrzeugen. Dazu gehören auch Hersteller von Pressen, Werkzeugmaschinen, Kompressoren, Aufzügen und Rolltreppen, Pumpen und Umweltschutzgeräten.

Der Maschinenbau ist nicht so abhängig von der Binnenkonjunktur und verdient vor allem im Export Geld. Im Augenblick gehe die Nachfrage aus dem Ausland aber zurück, meldet der Branchenverband VDMA. Marktbeobachter der Hypovereinsbank und von HSBC Trinkaus & Partner rechnen aber mit besseren Geschäften noch in diesem Jahr. Wenn das Säbelrasseln der Krieger verklungen ist.

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