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Dass die Menschen immer älter werden, freut auch die Pharmaindustrie: So wächst die Nachfrage nach Medikamenten.

Die Menschen brauchen ­Medikamente. Daran ­verdient die Pharma­branche. Doch Forschung ist teuer, und wenn die Patente ­auslaufen, brechen die ­Umsätze ein.

Obs zwickt im Bauch, zieht im Rücken oder brummt im Kopf, die Pharmaindustrie hat für fast alle Lei­den die passende Salbe oder Pille. In den vergangenen Jahren stieg der globale Umsatz an Pharmazeutika um jährlich etwa 9 Prozent an. Medikamente im Wert von 364 Milliarden Dollar wurden 2001 weltweit verkauft. 50 Prozent davon entfielen auf Nordamerika, 24 Prozent des Umsatzes wurden in Europa gemacht.

Doch die einst profitabelste Branche der Welt, scheinbar resistent gegen alle Wirtschaftskrisen und Konjunkturflauten, steckt in einer Krise. Vor allem auslaufende Patente bereiten vielen Konzernen Kopfschmerzen. Billigere Ersatzprodukte mit Preisabschlägen bis zu 80 Prozent drängen auf den Markt. Die generischen Kopien sind chemisch mit den Originalmitteln identisch, dürfen aber erst vertrieben werden, wenn der Patentschutz abgelaufen ist. Der beträgt in der Regel 20 Jahre.

Laut einer Studie des englischen Marktforschungsinstituts Datamonitor werden von 52 Medikamenten, die in den USA im Jahr 2001 über eine Milliarde Dollar Umsatz erzielten, 42 ihren Patentschutz in den nächsten fünf Jahren verlieren. Bereits in Erwartung der Patentausläufe haben Unternehmen wie Merck, Eli Lilly und Bristol-Myers Squibb ihre Gewinnschätzungen für das Jahr 2002 zurückgeschraubt.

Die Guten ins Töpfchen

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Markus Manns von Union Investment warnt allerdings vor Verallgemeinerungen. „Es wird einen Split zwischen guten und schlechten Firmen geben“, so der Analyst. Und zu den guten werden jene gehören, die wenige oder gar keine Patentausläufe haben.

Wie stark die Umsätze einbrechen können, wird an einem Blockbuster – einem Medikament, das mehr als eine Milliarde Umsatz im Jahr erzielt – des Konzerns Eli Lilly deutlich. Innerhalb von drei Wochen nach Ablauf des Patentschutzes für Prozac im August 2001 ging der Verkauf des Antidepressivums um rund 70 Prozent zurück. Jetzt brauchte der Vorstand des Pharmakonzerns die Pille gegen düstere Stimmung selbst, denn das Medikament hatte zuletzt rund ein Viertel des Gesamtumsatzes ausgemacht.

Um solche Verluste auszugleichen, arbeiten viele Pillenriesen mit Hochdruck an neuen, gewinnträchtigen Produkten. Krankheiten wie Rheuma, Krebs oder Alzheimer sind noch nicht heilbar und wirksame Medikamente versprechen Milliardenumsätze.

Doch die Risiken sind hoch. Die Entwicklung eines neuen Medikaments dauert ungefähr 12 bis 14 Jahre und die Kosten sind in den vergangenen Jahren von 350 Millionen Dollar auf 800 Millionen Dollar gestiegen. Durchschnittlich 50 Milliarden Dollar jährlich investiert die Branche in die Entwicklung neuer Produkte.

Selbst aussichtsreichste Produkte kön­nen im letzten Moment scheitern. Die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA gilt als äußerst streng. Nur eine von 10 000 erprobten Substanzen schafft es auf den US-Markt. Nach dem Skandal um Lipobay erhöhte die FDA ihre Anforderungsprofile erneut.

Die Margen sinken

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Auch um die Marktpreise für Arzneimittel steht es nicht zum Besten. In Europa versuchen die Regierungen, die Gesundheitskosten zu senken, in den USA fordern Verbraucherschützer billigere Medikamente für die Armen. Vor allem in Europa ist der Druck auf die Preisbildung groß: Kommt ein neues Medikament auf den Markt, wird ein Preis festgesetzt, der sich nicht mehr ändert, solange es das Produkt gibt. Um die Kosten weiter zu senken, fordern die Regierungen, verstärkt billigere Ersatzprodukte einzusetzen. „Das wird einen negativen Einfluss auf die Wachstumsraten des Europäischen Mark­ts haben“, sagt Jan Peterhans, Analyst bei UBS. Bisher werden im Vergleich zu den USA in Europa noch relativ wenig Generika verkauft.

In den USA, wo – anders als in Europa – der staatliche Einfluss auf die Preisbildung gering ist, sind Arzneimittel generell teurer als hierzulande. Die Konzerne verhandeln direkt mit den Krankenkassen über die Kosten. Der Preis für ein Medikament ist in der Regel auch nur für ein Jahr festgesetzt und kann dann entsprechend angepasst werden.

Nicht zuletzt wegen der größeren Freiheit bei der Preisgestaltung sieht die BHF-Bank den amerikanischen Markt im Vorteil: „Die im Wesentlichen durch den Staat initiierten Eingriffe sind der Grund dafür, dass das Wachstum in Europa niedriger als in den USA ausfällt und auch weiterhin auf einem niedrigen Niveau im Vergleich zu den USA bleiben wird“, heißt es in einer Analyse.

Die DZ-Bank sieht es etwas anders: Von der Konkurrenz durch Generika seien die amerikanischen Konzerne aufgrund ihrer größeren Abhängigkeit von Blockbustern stärker betroffen als die europäischen, heißt es in einer Studie.

Fusionitis

Weil sie glauben, dem Preisdruck und Wettbewerb auf diese Weise besser standhalten zu können, fusionieren Pharmakonzerne im großen Stil. Beispiele sind die Fusionen zwischen Glaxo Wellcome und Smithkline Beecham im Wert von 46 Milliarden Pfund (73 Milliarden Euro) und die Übernahme von Pharmacia durch den Pfizer-Konzern für ein 60 Milliarden Dollar (61 Milliarden Euro) schweres Aktienpaket. Die Konzerne versprechen sich mehr Kapazitäten für Forschung und Entwicklung und eine Stärkung des Vertriebsnetzes. Analysten halten neue Zusammenschlüsse in nächster Zeit für möglich.

Des einen Leid ...

Doch es gibt auch gute Neuigkeiten. Beim Stichwort „demographische Verschiebung“, was den sozialen Sicherungssystemen große Probleme bereitet, schöpft die Pharmabranche wieder Hoffnung. Die geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegszeit werden immer älter, die gesundheitlichen Risiken nehmen zu und der Bedarf an Medikamenten steigt. Über 65-Jährige brauchen etwa die dreifache Menge an Medikamenten als jüngere Menschen. Besonders Pillen gegen altersbedingte Krankheiten wie Alzheimer und Osteoporose werden nachgefragt.

Doch auch an den Jüngeren lässt sich in den nachfragestarken Industrienationen immer besser verdienen. Sie leiden zunehmend an den typischen Zivilisationskrankheiten. Die Zahl der Menschen, die hohen Blutdruck oder Übergewicht haben, ist deutlich angestiegen. Sowohl BHF-Bank als auch DZ-Bank sehen zuversichtlich in die Zukunft und sagen der Branche insgesamt runde 8 Prozent Wachstum in den kommenden Jahren voraus. Für die Unternehmen wird entscheidend sein, ob sie rechtzeitig neue verkaufsträchtige Produkte auf den Markt bringen können.

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