Anlegen mit Aktien: Im Fieber

Wenn die Aktienmärkte boomen, blüht das Geschäft der Banken mit ­Übernahmen und Börsengängen. Immer wieder haben die privaten Anleger dabei das Nachsehen.

Es ist ein klarer Hinweis für eine bessere Stimmung an der Börse: Noch für dieses Jahr sind verschiedene Börsengänge angekündigt. Von Autoteile-Unger bis zur Postbank buhlen sowohl kleine als auch große Unternehmen um das Geld der Anleger.

Aber nicht nur Neuemissionen halten die Börsianer auf Trab: Auch wenn die Citigroup auf die Deutsche Bank schielt oder die französische Sanofi ihren Konkurrenten Aventis schlucken will, geraten die Aktienkurse in Bewegung.

Teure Zusammenschlüsse

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Unternehmen kaufen andere Unternehmen oft ausgerechnet dann, wenn deren Aktien teuer und die Übernahmen kostspielig sind.

Das feindliche Übernahmeangebot des Pharmariesen Sanofi-Synthélabo an die Aktionäre von Aventis ruft Erinnerungen an die Übernahmeschlacht von Vodafone um Mannesmann wach. Ihr Kampf hatte die ganze Nation berührt.

Jetzt ist es wieder so weit. Die Wellen schlagen hoch bis in die Politik. Der französische Ministerpräsident Jean-Pierre Raffarin hat sich gegen den Schweizer Pharmakonzern Novartis ausgesprochen, der seinerseits ein Übernahmeangebot für Aventis abgeben könnte. Kanzler Schröders Sorge gilt dem Erhalt der Arbeitsplätze. Derweil hoffen die Aktionäre von Aventis auf einen ähnlichen Reibach wie ihn seinerzeit die Anteilseigner von Mannesmann machten. Ihre Aktien stiegen in kurzer Zeit um mehr als das Doppelte.

Das sollte jetzt allerdings niemanden zu dem Schluss verleiten, mit Übernahmespekulationen sei das große Geld zu machen. „Ich halte nichts davon“, sagt Thomas Meier von der Fondsgesellschaft Union Investment und verweist auf die Gerüchte, die sich um einen Zusammenschluss der Deutschen mit der Citibank rankten: „Der Kurs der Deutsche-Bank-Aktie ist in kurzer Zeit um 10 Prozent gestiegen – und wieder gefallen.“ Ähnlich verhielt es sich mit den Fusionsgerüchten um die Commerzbank und die Hypovereinsbank. Zuerst trieben sie die Kurse, dann verpufften sie wieder.

Kurzfristige Gewinne sollten auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die meisten Übernahmen langfristig nicht zum Erfolg führen. Weniger als ein Viertel der zwischen 1994 und 1998 fusionierten Gesellschaften mit deutscher Beteiligung hat im Vergleich zur Branche an Börsenwert gewonnen. Das haben das Institute for Mergers & Acquisitions (IMA) an der Universität Witten/Herdecke und die Unternehmensberatung Mercuri International festgestellt.

Besonders gering ist der Mehrwert bei feindlichen Übernahmen. „Freundliche funktionieren häufiger“, sagt Thomas Meier. Trotzdem: „Oft genug enden Zusammenschlüsse in einem Desaster sowohl für die Aktionäre als auch für die Mitarbeiter.“

Der Dax listet einige Beispiele: Daimler hat den Brocken Chrysler heute noch nicht verdaut. Der Kurs der Aktie liegt ungefähr 50 Prozent unter dem des Fusionsjahres 1998 (Stand 31. März 2003). Die Allianz und mit ihr die Anteilseigner leiden unter ihrer verlustbringenden Tochter Dresdner Bank.

Die Telekom hat sich ihren Eintritt in den US-amerikanischen Markt teuer erkauft. Sie übernahm Voicestream ausgerechnet, als die Telekombranche immens überbewertet war. „BMW hat wenigstens rechtzeitig die Reißleine gezogen und den Misserfolg Rover wieder verkauft“, sagt Meier.

Gute Noten gibt Meier dagegen den Zukäufen der Deutschen Post und der Fusion zwischen Rhone-Poulenc und Hoechst zur heutigen Aventis.

Neu an der Börse

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Unternehmen bringen ihre Aktien am liebsten im Boom an die Börse.

Auch Neuemissionen kommen nun wieder in Mode, obwohl zumindest in Deutschland die ersten Versuche gescheitert sind.

Der Halbleiterhersteller X-Fab­ aus dem thüringischen Erfurt zum Beispiel galt bei Analysten als überteuert. Der Börsengang scheiterte. Offizielle Begründung war das schlechte Börsenumfeld, das sich nach den Anschlägen von ­Madrid eingetrübt hatte. Unter der Hand war allerdings mehr von mangelndem Anlegerinteresse die Rede. Auch der Münchner Siliziumscheibenhersteller Siltronic sagte seinen Börsengang kurz vor der Erstnotiz ab.

Dass es auch anders geht, haben die IPOs, kurz für Initital Public Offering, des belgischen Telekomkonzerns Belgacom und des schwedischen Kosmetikproduzenten Oriflame gezeigt, deren Aktien erfolgreich am Markt platziert werden konnten.

Jetzt gehts los

In Deutschland liegen die Hoffnungen jetzt auf der Postbank, die sich noch im Frühsommer an die Börse wagen will. Sie gilt als Erfolgsstory: Wenig faule Kredite, viele Kunden, genauer gesagt 11,5 Millionen. So viele Privatkunden hat hierzulande sonst keine Bank.

Allerdings: „Ein erfolgreiches Unternehmen muss nicht unbedingt eine erfolgreiche Aktie sein“, bringt es Baki Irmak, ein Sprecher der Fondsgesellschaft DWS, auf den Punkt. Ob sich die Neuemission für Privatanleger lohnt, hängt davon ab, wie viel die Aktien kosten.

„Die Altaktionäre der Deutschen Post sind an einem möglichst hohen Preis interessiert, während die neuen Aktionäre der Postbank ihre Anteile möglichst billig bekommen wollen“, benennt Jürgen Kurz, Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), das Dilemma.

Privatanleger, die dabei sein wollen, können sich an den Einschätzungen von Analysten oder Fondsmanagern orientieren, die sie im Vorfeld des IPOs in den Medienberichten finden.

So viel Euphorie wie zur Blütezeit des Neuen Marktes werden sie nicht mehr entdecken. Baki Irmak bestätigt: „Der Blick ist kritischer geworden.“

Aufs Parkett drängen in diesem Jahr voraussichtlich auch die Firma Auto-Teile-Unger, das Schifffahrtsunternehmen Hapag-Lloyd, eine Tochter von Tui, und der EDV-Dienstleister Wincor Nixdorf. Außerdem in Wartestellung sind Presseberichten zufolge unter anderem der Energieversorger EWE, die Helios-Kliniken, der Fahrradbauer Mifa und die Dresdner Allfinanzholding OFL Anlagenleasing.

„Wer eine Aktie zeichnen will, sollte sich dieselben Informationen beschaffen wie bei einem normalen Aktienkauf“, sagt Jürgen Kurz. Wichtig sind die Aussagen über die künftige Entwicklung von Umsatz und Gewinn. „Die sollte man auf jeden Fall mit den Prognosen der Konkurrenten abgleichen“, sagt Jürgen Kurz. „Skeptisch sollte man werden, wenn man die Infos gar nicht bekommt.“

Wie transparent ein Unternehmen seinen Börsengang gestaltet, können Anleger auf der Seite www.ipo-norm.de nachlesen. Dort führt die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) geplante Neuemissionen auf und bewertet sie unter anderem danach, ob der Verkaufsprospekt rechtzeitig vorliegt.

Die SdK hat übrigens einmal nachgerechnet, wie erfolgreich Börsengänge in der Vergangenheit waren. Von den 439 seit 1997 neu gelisteten Unternehmen notieren nur 37 noch über ihrem Ausgabepreis (Stand: 23. März 2004). Das sind 8,4 Prozent.

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