Anlegen mit Aktien: Wellenreiten

Wollen Anleger an der Börse erfolgreich sein, müssen sie die Konjunktur beobachten. Finanztest schärft den Blick.

„Gehn Sie mit der Konjunktur, gehn Sie mit auf dieser Spur“, swingte Hazy Osterwald in den 60ern. Damals war der Ratschlag halbwegs brauchbar.

Die wenigen Aktionäre wussten, dass die Abfolge von Aufschwung, Boom, Abschwung und Rezession je nach Betrachtungsweise vier bis acht Jahre dauern würde. Dann begann der Kreislauf der Konjunktur, Fachleute sprechen gerne auch vom Zyklus, von neuem.

Außergewöhnlicher Zyklus

Anlegen mit Aktien Special

Die zyklischen Branchen entwickeln sich nacheinander im Konjunkturzyklus. Verzeichnet zum Beispiel die Halbleiterindustrie Kursgewinne, ist zu erwarten, dass auch die Aktien der anderen Branchen bald anziehen. Im Abschwung gewinnen meist die nicht zyklischen Branchen, weil sie konjunkturunabhängig sind. Die hier gezeigte Abfolge ist aber nicht zwingend.

Heute ist die Situation nicht mehr so eindeutig. Die Ökonomen rätseln, ob nun eher der Aufschwung oder schon wieder der Abschwung begonnen hat. „Es ist nach dem Platzen der Blase so, als ob jemand Steine ins Wasser geworfen hat, und die Oberfläche hat sich noch nicht beruhigt. Deshalb sind klare Konjunktur- und Börsenzyklen noch nicht auszumachen“, sagt Franz-Josef Leven vom Deutschen Aktieninstitut.

Georg Thilenius von der gleichnamigen Vermögensverwaltung in Stuttgart dagegen sieht den Ablauf nach wie vor intakt. Der aktuelle Zyklus werde aber länger dauern als üblich.

Private Aktienkäufer müssen Augen und Ohren offen halten, um auf dem Laufenden zu sein. An der Börse werden Erwartungen gehandelt. Die Börsianer interessiert weniger, wie Unternehmen momentan dastehen, sondern wie sie sich entwickeln werden. Deshalb eilt der Zyklus der Börse dem der Konjunktur um einige Monate voraus. „Sechs bis neun Monate Vorlauf hat die Börse“, sagt Georg Thilenius.

China zieht kräftig

Kraftzentrum der Weltkonjunktur ist derzeit der Handel zwischen den USA und China. Die konsumfreudigen Amerikaner kaufen chinesische Waren. Die Chinesen legen ihrerseits die verdienten Dollar in amerikanischen Staatsanleihen an. Nach Japan ist China heute schon der zweitgrößte Investor in amerikanische Staatspapiere.

Das Wechselspiel hält die Zinsen in den USA niedrig. Die Konsumfreude der Amerikaner bleibt erhalten. Sie können weiter chinesische Waren kaufen. Von dieser Verbindung profitiert derzeit die ganze Weltwirtschaft.

Manche Analysten sehen darin ein Strohfeuer, das bald verlöschen könnte. Für Gerhard Schwarz, Leiter der Abteilung Aktienstrategie der Hypovereinsbank, ist der Importsog in die USA eher ein Segen. „Man muss sich wünschen, dass es so bleibt“, sagt er.

Die weltweite Verflechtung der Märkte sorgt für einen Gleichlauf der früher sehr unterschiedlichen regionalen Konjunkturen. Solange das Kraftzentrum USA–China brummt, profitieren die Börsen Europas. Umgekehrt würde eine Störung des Systems die exportintensive europäische Wirtschaft treffen.

Länder oder Branchen suchen

Für Privatanleger steckt in solchen Aussagen eine wichtige Information: Wenn die Globalisierung die Weltwirtschaft zunehmend in Gleichlauf bringt, wenn zudem immer mehr Unternehmen zu so genannten Global Players werden, lohnt es sich eher, nach boomenden Branchen als nach boomenden Regionen Ausschau zu halten. Auf diese Weise suchen derzeit auch viele Profis nach lukrativen Aktien.

Der Länderansatz ist deshalb nicht tot: Ausgerechnet in Europa feiert er ein Comeback. Das unterschiedliche Tempo bei der Reform der Arbeitsmärkte und der sozialen Sicherungssysteme lässt manche Länder attraktiver erscheinen als andere. Der Zwang zur Konvergenz in den Beitrittsstaaten sorgt ebenfalls für regionale Unterschiede, von denen der Privatanleger profitieren kann.

Zyklisch und nicht zyklisch

Boom und Flaute sind nicht für alle Branchen gleich wichtig. Dem Leser der Tageszeitung begegnen die Begriffe ­regelmäßig: zyklische Aktien und nicht zyklische Aktien, manchmal auch ­„defensive Werte“ genannt. Die Begriffe beschreiben, wie die Aktien eines ­Sektors auf die Konjunktur reagieren. ­Zyklische Aktien heißen deshalb so, weil sie einer eigenen Branchenkonjunktur folgen. Flaut die des einen Sektors ab, folgt der nächste. In einem Sektor sind verwandte Branchen versammelt. Eine Regel, wie schnell die Sektoren aufeinander folgen, gibt es nicht.

„Dass die Konjunktur aufbrechen will, merkt die Börse daran, dass die Aktien der Hersteller von Spezialchemikalien und Nutzfahrzeugen anziehen“, sagt Georg Thilenius. Wie die Halbleiterindustrie seien sie Frühzykliker.

Im vergangenen Jahr sind die Aktien von Intel und Infineon gut gelaufen. Das könnte also ein Hinweis darauf sein, wo der Börsenzyklus im Augenblick steht. „Wir sind noch nicht halb durch“, sagt Thile­nius, der den vierjährigen Zyklusansatz schätzt. Für Thilenius steht daher der Boom des privaten Konsums noch bevor.

Den ­Höhepunkt des Booms bereits überschritten sehen dagegen zahlreiche andere Analysten. Sie halten bereits die Stunde der defensiven Werte für gekommen.

Das sind Gesundheits-, Nahrungsmittel- und Versorgeraktien. Sie gelten als nicht zyklisch, weil die Menschen unabhängig von der Konjunktur Medikamente benötigen, essen, trinken, Gas, Wasser und Strom verbrauchen.

Frühindikatoren

Um dem Auf und Ab der Märkte ein wenig besser nachspüren zu können, sollten sich Anleger auch mit den Frühindikatoren beschäftigen. Zum einen gibt es die Zinserwartungen. Sind höhere Zinsen in Sicht, bedeutet das Gefahr für die Aktienkurse. Sinken die Zinsen, reagieren die Aktienmärkte freundlich.

In den Jahren zwischen 2000 und 2003 hat dieses Schema allerdings versagt. Trotz niedriger Zinssätze versanken die Kurse im Bodenlosen. Danach schossen sie ins Kraut, obwohl gleichzeitig kräftig über Zinserhöhungen spekuliert wurde.

Weitere Indikatoren sind die Auftragseingänge, die Preisentwicklung, der Ifo-Geschäftsklima-Index und der Konsumklima-Index der Gesellschaft für Konsumforschung.

Aus solchen Daten destillieren Analysten üblicherweise ihre Einschätzungen einer Volkswirtschaft oder der globalen Ökonomie: Je höher die Zahl der Auftragseingänge zum Beispiel, desto stärker werden die vorhandenen Produktionsanlagen ausgelastet. Investitionen in neue Fabriken werden wahrscheinlicher – und ein neuer Konjunkturzyklus nimmt seinen Lauf.

Megatrends

Mit ruhiger Hand und etwas Geduld lassen sich an der Börse aber auch Entscheidungen treffen, die weiter in die Zukunft reichen.

Der Schlüssel dazu sind die Megatrends: Wer als Privatanleger im tiefsten Mittelalter der Schreib­maschinengeschichte begann, auf elek­tronische Datenverarbeitung und damit Computer zu setzen, der war später fein raus. Vielleicht hatte er sogar die Garagenfirma Microsoft im Depot, weil die Aktien nicht viel kosteten, oder er hat ein paar SAP-Papiere für einen Appel und ein Ei erstanden.

Heute könnte die Gesundheitsindustrie im Megatrend liegen. Bald gehen in den Industriestaaten die Baby-Boomer in Rente. Die Bedürfnisse der reichsten älteren Generation, die es je gab, wollen befriedigt sein.

Aber auch Megatrends haben Tücken. Eine geniale Erfindung kann einen vorhandenen Megatrend alt aussehen lassen. Und sie kann einen neuen hervorbringen.

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