Wie hältst du es mit der Konjunktur? Das ist die ­Gretchenfrage der Rohstoffbranche.

Wenn Goethes Faust heute immer noch nach dem suchen würde, was die Welt im Innersten zusammenhält, wäre er wohl nicht mehr Alchemist, sondern Aktienanalyst. Ganz besonders würde er sich dann für die Branche der Rohstoffe interessieren. Daran könnte er nämlich ablesen, was die Welt gerade so braucht und was nicht.

Schließlich wächst die Weltbevölkerung. Mehr Menschen wollen am Wohlstand teilhaben. Und mit den Bedürfnissen steigt auch der Rohstoffverbrauch.

Die Märkte für Aluminium, Kupfer, Nickel, Stahl und Basischemikalien gelten – so die Sprache der Börsianer – als so genannte Frühzykliker. Das heißt, dass sich an ihnen früh ein Aufschwung oder auch ein Abschwung der Konjunkturen ablesen lässt.

Vielleicht. Heißes Bemüh'n müsste der kluge Tor dennoch an den Tag legen, um zu verstehen, welche Metalle, welche Chemikalien, welche Baustoffe und was sonst noch zu den Rohstoffen zählt, den Wirtschaftskreislauf wann und unter welchen Umständen antreiben.

Krieg und Krisen

Als Faustregel gilt, dass die Konjunkturwelt sich zu drehen beginnt, wenn die Wirtschaft Rohstoffe ordert. Derzeit sieht es danach nicht aus. „Viele Rohstoffproduzenten haben hohe Lagerbestände, sehen aber keine entsprechende Nachfrage“, sagt Pierre Martin, bei der Fondsgesellschaft DWS zuständig für dieses Thema.

Zu unsicher sei die Lage auf den Märkten, beklagen die Analysten unisono. Die USA rüsten gegen den Irak. Die gewaltigen Armeen Indiens und Pakistans liegen sich in Alarmbereitschaft gegenüber. Afghanistan ist nicht befriedet, das saudische Herrscherhaus wirkt instabil, der große Rohstoffproduzent Südafrika bekommt seine sozialen Probleme nicht in den Griff und auch die Furcht vor neuen terroristischen Anschlägen lähmt die Lust zu investieren. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen.

Aluminium im Sinkflug

Der Aluminiumsektor gibt nach Ansicht der Experten der DZ-Bank ein gutes Abbild für den gesamten Markt der industriellen Rohstoffe. Schon vor den Anschlägen in New York und Washington lief es für die Flugzeugbauer nicht gut, danach praktisch gar nicht mehr. Der Rückgang der Passagierzahlen und der spürbare Vertrauensverlust in die Sicherheit des Fliegens sorgte für viele weiße Blätter in den Auftragsbüchern von Boeing und Airbus. Die Haut der Düsenjets besteht zum Großteil aus dem leichten Metall. Die Luftlinien stornierten oder streckten ihre Aufträge.

Für die Rohstoffproduzenten wie Alcoa hieß dies, dass sie ihr Aluminium nicht mehr im erwarteten Umfang loswurden. 2001 brach die Nachfrage nach Aluminium weltweit um rund 6 Prozent ein. Auch auf dem Boden ist der Bedarf an Aluminium derzeit geringer als sonst. Rund zwei Millionen Autos weniger als im Vorjahr werden die Autohändler 2002 weltweit verkaufen können. Trotz der Stilllegungen von Produktionskapazitäten scheint der Markt noch nicht wieder im Gleichgewicht.

Abgestürzte Papierflieger

Wenn die Konjunktur lahmt, dann überlegen sich die Geschäftsleute zwei- mal, ob sie in der Zeitung oder im Hochglanzmagazin ein Inserat aufgeben. Kommt noch dazu, dass neue Medien wie das Internet Marktanteile in der Werbung gewinnen, dann schrumpfen die Umfänge der Blätter.

Papierhersteller wie International Paper bleiben auf ihren Vorräten sitzen, die Preise fallen und damit auch die Gewinnaussichten. Weltweit ging 2001 der Papierverbrauch um 2,5 Prozent zurück. Seit Gutenberg im 15. Jahrhundert habe es das nicht mehr gegeben, flüchten sich Fachleute in Sarkasmus.

Bau paradox

Sand, Kies und Zement sind die Rohstoffe der Bauindustrie. Als die Fluten von Donau und Elbe im August zu steigen begannen, da hoben sich auch die Kurse der Baustoffindustrie um erkleckliche Prozentzahlen. In den kommenden Jahren gibt es Milliarden Euro mit der Reparatur der entstandenen Schäden zu verdienen.

Während gegen Ende des Katastrophenmonats die Mehrzahl der Analysten Werte wie Lafarge noch als Kauf empfahlen, war Pierre Martin skeptisch: „Der Markt reagiert sofort. Die Kursgewinne sind längst eingepreist.“

Wenn gebaut wird, freuen sich auch die Stahlproduzenten, die dann bessere Aussichten haben, ihre Produkte abzusetzen. Um Stahl kochen zu können, benötigen sie Eisenerze und Metalle wie Titanium und Mangan, für deren Förderung wieder Rohstoffproduzenten wie Rio Tinto oder Billiton sorgen.

Stimmt die Chemie?

„Nehmen Sie zehn Dinge in diesem Raum in die Hand. Sechs davon sind mit Chemikalien hergestellt“, pflegt Michael Parker, der Vorstandsvorsitzende des Chemieriesen Dow, die Bedeutung seiner Industrie zu unterstreichen. Von der Plastiktüte bis zum Waldmeisteraroma im Gummibärchen – die Welt entsteht in den Reagenzgläsern der Chemiegiganten.

Am Anfang stehen die Basischemikalien – unter ihnen die Massenchemikalie Ethylen sowie der Kunststoff Polyethylen – der von der PET-Flasche. Viele Produzenten stellen sie in großen Mengen her und beliefern damit die Hersteller von Spezialchemie. Diese arbeiten zum Beispiel in der Pharma-, der Agro- und der Lebensmittelindustrie.

Nach Ansicht der BHF-Bank-Analysten hat sich der Sektor gerade deshalb vergleichsweise gut gehalten, weil er sehr früh auf konjunkturelle Veränderungen reagiert hat. Für den Sektor spreche auch, dass er nicht hoch verschuldet und nicht durch Bilanztricksereien aufgefallen ist.

Dennoch schwebt ein Damoklesschwert über der Chemiesparte. Wo die Tabakindustrie heute stehe, dorthin gelange die Chemie in wenigen Jahren, ­zitierte die britische Zeitschrift Economist den amerikanischen Umweltaktivisten Eric Olson. Eine Phase Milliarden Dollar schwerer Schadenersatzprozesse stünde ihnen noch bevor.

Drum, besser wärs

Die Rohstoffbranche gilt als Wissenschaft für sich. Zieht die Nachfrage an, leeren die Produzenten die Lager und werfen stillgelegte Produktionsanlagen wieder an. Umgekehrt können die Rohstoffproduzenten längst schon wieder in einer wirtschaftlichen Schwächeperiode sein, wenn die verarbeitende Industrie noch brummt. Und entsprechend verhalten sich die Kurse. Oder?

Goethes Faust kann von Glück reden, dass er nicht Aktienanalyst geworden ist, sondern erst mal in der Hölle schmorte.

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