So wenig wie es die richtige Aktie gibt, gibt es den einzig wahren Weg zur Aktienauswahl. Finanztest zeigt, wie private Anleger vorgehen können.

Anleger haben sich der nüchternen Sicht auf die Dinge verschrieben. Sie verlangen solide, nachprüfbare Informationen. Börsenbeobachter nehmen zwei Trends wahr: Erstens kaufen wieder mehr Anleger Aktien. Zweitens versuchen sie sich umfassender zu informieren als noch vor wenigen Jahren. Dem todsicheren Tipp schenkt keiner mehr Vertrauen.

Doch welche Informationen sollen Anleger aufgreifen und wo sollen sie ihre Suche beginnen? Unter Profis werden vor allem zwei Wege der Aktienauswahl diskutiert: der Länderansatz und der Branchenansatz.

Finanztest hat in zwei aufeinander folgenden Serien beide Ansätze erläutert. Die erste Serie hat in zwölf Folgen die Euro-Länder und Eigenschaften ihrer Kapitalmärkte vorgestellt. Wichtig ist zum Beispiel das Investitionsklima eines Landes und wie stark eine Wirtschaft privatisiert ist.

In der zweiten Serie zum Thema Aktien hat sich Finanztest mit der Auswahl nach Branchen beschäftigt. Die Idee dahinter: Unternehmen sind immer weniger von der Entwicklung eines einzelnen Landes abhängig.

Die Verflechtung der Weltwirtschaft sorgt zumindest in den entwickelten Ländern für einen zunehmenden Gleichlauf der Konjunkturen. In Europa gleichen sich die Märkte durch die gesetzlichen Regelungen der Europäischen Union und durch die gemeinsame Währung mehr und mehr an.

Für private Anleger hat der Branchenansatz noch einen ganz anderen Vorteil. Informationen über Branchen lassen sich leicht beschaffen. „Eine wichtige Hilfe bieten dabei die Konjunkturberichte der Banken. Sie beinhalten Brancheneinschätzungen und geben erste Hinweise darauf, in welche Geschäftsfelder zu investieren sich lohnt“, sagt André Wetzel vom Deutschen Aktieninstitut (DAI). Diese Berichte gibt es direkt bei den Banken oder im Internet.

Leitfaden für Anleger

Ist sich der Anleger klar darüber, in welche Branche er investieren will, wird er sich im nächsten Schritt mit den Unternehmen näher befassen. „Der Anleger sollte genau darauf achten, ob das Unternehmen, für das er sich interessiert, wirklich in der von ihm favorisierten Branche tätig ist“, sagt die Analystin und Anlageexpertin Iris Uhlmann, die auch Privatkunden berät. Die meisten Unternehmen deckten mehrere Tätigkeitsfelder ab.

Finanztest hat die Branchen in der Regel nach den Sektorenvorgaben des Weltaktienindexes MSCI eingeteilt. Diese eher grobe Einteilung hat den Vorteil, dass der Anleger wirtschaftliche Verflechtungen und Abhängigkeiten schnell erkennen kann. Der Nachteil ist, dass viele Unternehmen nicht direkt miteinander vergleichbar sind, weil sie verschiedene Schwerpunkte haben.

Beispielsweise gehören zur Konsumbranche Konzerne wie Procter & Gamble oder L'Oréal, die überwiegend Putzmittel oder Körperpflegeprodukte herstellen, aber auch Lebensmittelproduzenten wie Nestlé, Coca Cola oder Pepsico. Unilever macht beides, Carrefour und Diageo kümmern sich um den Verkauf. Wal Mart dagegen zählt nicht dazu, weil sein Hauptgeschäft langlebige Konsumgüter sind.

Anleger können sich demnach mit allgemeinen Informationen über die Branche nicht zufrieden geben, sondern müssen das Tätigkeitsfeld so weit wie möglich eingrenzen. Je kleiner der Ausschnitt, desto besser sind die Unternehmen miteinander vergleichbar. Umgekehrt sind Unternehmenskonglomerate, die sich in vielen Feldern tummeln, nur schwer einer Branche zuzuordnen. Siemens zum Beispiel baut unter anderem Mobiltelefone und Staudämme.

„Anleger sollten außerdem schauen, an welcher Stelle die Unternehmen im Produktionsprozess stehen, sprich: wann sie von einem eventuellen Aufschwung profitieren“, sagt Iris Uhlmann. Ein Beispiel liefert der Technologiesektor. Hersteller von Chips wie Intel oder STMicroelectronics sind früher dran als die Hersteller von PCs wie Hewlett-Packard oder Dell.

Hat der Anleger die passenden Unternehmen herausgefiltert, grenzt ein genauer Blick auf die Geschäftszahlen die Auswahl weiter ein. Auch hier helfen Analystenberichte weiter.

Unternehmenskennzahlen

Von Interessenskonflikten, in denen Analysten stecken, ist hinreichend berichtet worden. Bei aller Skepsis sollten die Anleger jedoch den Nutzen der Analysen nicht verkennen. Selbst wüssten sie wenig mit den Bilanzen anzufangen.

„Man sollte jedoch die Aussagen der Analysten nachvollziehen können“, sagt André Wetzel vom DAI. Er rät den Anlegern, mehrere Analystenberichte zu- rate zu ziehen. „Gute Überblicke bieten die Onlinebroker, im Idealfall stellen die Unternehmen selbst Analystenurteile zusammen.“

Analystenberichte enthalten auch Kennzahlen. Dividendenrendite, Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), Kurs-Cash-flow-Verhältnis, Eigenkapitalquote – um nur einige anzuführen.

Wichtig sind vor allem die Liquiditätskennzahlen wie der Cashflow oder der Verschuldungsgrad. „Die meisten Unternehmen gehen nicht an mangelnder Profitabilität, sondern an Illiquidität zugrunde“, sagt Iris Uhlmann. Hoch verschuldete Firmen kommen kurzfristig nicht schnell genug an frisches Geld.

Kennzahlen sollten nur branchenintern verglichen werden. Die Ertragskennzahlen wie das KGV oder das Kurs-Umsatz-Verhältnis beruhen auf Zukunftsprognosen, die nicht wie erwartet eintreffen müssen. „Kennzahlen sind lediglich ein Anhaltspunkt“, sagt André Wetzel. Und: „Eine Kennzahl allein sollte nie den Ausschlag für den Kauf eines Papiers geben.“

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