Anlage­fehler vermeiden Special

Anleger kaufen bevor­zugt Aktien aus ihrem Heimatmarkt und verlieren so die Streuung des Depots aus den Augen. Das kostet Geld und Kraft. Experten nennen die fatale Vorliebe für heimische Wert­papiere „Home Bias“.

Anlage­fehler in Serie

Dieses Special ist Teil einer Serie zum Thema „Anlage­fehler“:

Die fatale Vorliebe für heimische Wert­papiere

Juchhu! Seit Mitte Januar liegt der Dax dauer­haft über der 10 000-Punkte-Marke. Mitte Februar schaffte er erst­mals 11 000 und schon am 16. März über­traf er 12 000 Punkte. 27 Prozent in drei Monaten: Anleger mit deutschen Aktien und Fonds freuten sich und staunten. Keine andere große Börse auf der Welt lief ähnlich gut. Doch auch wenn es noch so fantastisch läuft, zu viel Deutsch­land ist ein Fehler – genauso wie zu viel Schweiz oder zu viel USA. Fachleute nennen diesen weit­verbreiteten Anlage­fehler eng­lisch „Home Bias“. Das heißt über­setzt so viel wie Vorliebe für heimische Wert­papiere. Zu viel von einem Markt ist nicht gut, weil Anleger sich damit unnötiges Risiko aufladen.

63 Prozent Gewicht statt 3 Prozent

Die Vorliebe für deutsche Aktien ist hier­zulande weit verbreitet. Wissenschaftler der Universität Frank­furt am Main haben von 1999 bis 2011 rund 5 000 online geführte Privat­anlegerdepots analysiert und fest­gestellt, dass durch­schnitt­lich rund 63 Prozent der Aktien­anlagen auf deutsche Titel entfallen. Gemessen am Welt­markt dürften sie jedoch nur etwas mehr als 3 Prozent ausmachen. In fast allen untersuchten Depots lag der Deutsch­land­anteil darüber. Gegen einen Anteil von 10 bis 20 Prozent deutscher Aktien wäre aus unserer Sicht nichts einzuwenden, aber bei 20 Prozent der Anleger waren sogar 80 Prozent oder mehr deutsche Aktien im Depot. Fonds­käufer erliegen dem Home Bias dagegen nicht. Hier stimmt der Deutsch­land­anteil: Von den Fonds­anlagen entfielen nach Angaben der Frank­furter Wissenschaftler tatsäch­lich nur rund 3 Prozent auf Deutsch­land­fonds.

Bewertungen für über 3 000 aktiv gemanagte Fonds und ETF aus 38 Fonds­gruppen finden Sie im Produktfinder Fonds.

Investieren wie Warren Buffett

Dass der Home Bias vor allem bei Aktionären und nicht bei Fonds­käufern auftritt, lässt sich vielleicht damit erklären: „Kaufe nur, was du verstehst“, lautet eine altbekannte Regel. So wie der bekannte US-Investor Warren Buffett von allem, was er nicht versteht, die Finger lässt. Doch leider hilft die Regel einem privaten Anleger, der nach güns­tigen Einzel­titeln sucht, nicht unbe­dingt. Das veranschaulicht folgendes Beispiel:

„Würden Sie lieber in ein Bauunternehmen aus Indien oder ein Bauunternehmen aus Deutsch­land investieren?“ Die meisten Anleger würden wohl antworten, dass sie bei dem deutschen Unternehmen besser einschätzen können, wie sich die Geschäfte entwickeln werden. Sie seien mit dem hiesigen Markt vertrauter und würden zudem mehr und leichter zugäng­liche Informationen bekommen als für den indischen Markt. Die Argumente sind alle richtig. Trotzdem ist es ein Irrtum zu glauben, dass es für Privat­anleger bei einer deutschen Aktie einfacher abzu­schätzen sei als bei einer indischen, ob sie über- oder unterbe­wertet ist.

Die trügerische Sicherheit

Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass die eins­tigen Witwen- und Waisen­papiere Eon oder RWE einmal so tief fallen würden? Beide Aktien haben seit der Finanz­krise rund 60 Prozent ihres Wertes verloren. Solide deutsche Strom­versorger mit einem vermeintlich krisensicheren Geschäft – und schwupps, fährt die Energiewende den eins­tigen Groß­verdienern in die Parade.

Gute Gründe für Einzel­titel

Manche Anleger kaufen trotzdem gerne Einzel­aktien. Sei es, weil sie von ihrer Firma welche bekommen, sei es, weil sie ihre Mitbestimmungs­rechte auf den Haupt­versamm­lungen ausüben wollen, oder einfach, weil ihnen die direkte Beteiligung an einem Unternehmen mehr behagt als die indirekte über einen Fonds. Manche haben am Aktienkauf einfach Spaß. Damit das Auf und Ab der Märkte ihnen diesen Spaß nicht verdirbt, ist eine gute Streuung nötig. Wer einzig deutsche Aktien kauft, ist nicht nur regional einge­schränkt. Es fehlen ihm auch wichtige Branchen. In Deutsch­land gibt es zum Beispiel keine Nahrungs­mittel­konzerne wie Nestlé, der Ölsektor ist über­haupt nicht vertreten und auch die Rohstoff­branche kaum. Ausnahme ist das Berg­bau­unternehmen K+S. Auto­firmen dagegen gibt es viele. Für eine breite Streuung genügt eine Anlage in Dax-Aktien auch wegen der geringen Anzahl der Titel nicht: Im Dax sind nur 30 Werte enthalten, im MSCI World rund 1 600.

Globalisierung reicht nicht

Der Anlagefehler "Mangelnde Streuung" ist einer der kost­spieligsten Anlage­fehler. Wie teuer die Vorliebe für heimische Aktien Anleger zu stehen kommt, ist umstritten, schließ­lich agieren die großen nationalen Konzerne zunehmend global. Doch auch wenn es durch die stärkere Interna­tionalisierung der Unternehmen nicht mehr so teuer wie früher ist, nur auf den eigenen Markt zu setzen – welt­weite Streuung lohnt sich nach wie vor. Anleger mit zu wenig gestreuten Depots müssen mit heftigeren Ausschlägen leben (siehe Grafik). Größere Schwankungen haben in guten Zeiten wie diesen etwas für sich. Doch es gibt am Aktienmarkt leider auch schlechte Zeiten mit Einbrüchen am deutschen Markt um mehr als 70 Prozent, wie nach dem Zusammenbruch des Neuen Marktes von 2000 bis 2003. Ein Welt­depot hat es im selben Zeitraum nur mit knapp mehr als 50 Prozent erwischt. Das spart nicht nur Geld, das spart auch Kraft.

Anlage­fehler vermeiden Special

Dieser Artikel ist hilfreich. 8 Nutzer finden das hilfreich.