Anlageberatung Meldung

Lieber ein paar unordentliche Ordner als gar keine Beweise. Wer belegen muss, dass der Anlageberater schlecht gearbeitet hat, ist auf jeden Notizzettel angewiesen.

Die Unterlagen aus dem Gespräch mit dem Anlageberater sind viel Geld wert. Ohne sie schaut der Anleger in die Röhre, wenn die „todsichere Geldanlage“ später floppt.

1993 wurde es der damals 52-­jährigen freiberuflichen Lehrtherapeutin Petra Menz* klar. Ihre Altersvorsorge stand auf tönernen Füßen.

Zwar hatte sie genug Aufträge und fast 100 000 Mark gespart. Doch zwei Lebensversicherungen zur Altersvorsorge hatte sie erst wenige Jahre zuvor abgeschlossen. Der Staat würde ihr nur eine Minirente zahlen. Reicht das ab 65?

Fonds statt Eigentumswohnung

Frank Reiche* vom Kasseler Beratungsunternehmen Plansecur kam da wie gerufen. Die Kundin wollte von ihm wissen, ob ihre Vorsorge reiche und ob nicht eine Eigentumswohnung als Alterssicherung vernünftig sei.

Letztlich, so schildert es Petra Menz, ging es bei den Gesprächen dann aber immer nur um den geschlossenen Immobilienfonds LBB 1. Dort hatte Berater Reiche selber Geld investiert und so legte die Kundin ebenfalls Geld an – 105 000 Mark inklusive Agio.

35 000 Mark zahlte sie vom Ersparten, 70 000 Mark mit einem Kredit, den der Berater vermittelte. Für den Kredit fielen zusätzlich 70 000 Mark an. Als Sicherheit musste Frau Menz ihre Fondsanteile und eine der Lebensversicherungen abtreten.

Der Kundin war es recht. „Der Berater sagte, das sei aus Steuergründen vernünftig.“ Zunächst sollte sie durch die Kreditzinsen und den Fonds selbst Steuern sparen. Später sollten Fondsausschüttungen ihre Rente aufbessern.

Das Steuernsparen klappte. Und zunächst zahlte auch der Fonds regelmäßig. Doch nun läuft das LBB-Geschäft nicht mehr rund (siehe 'Die Nummer 1...'). Jetzt, wo Menz auf die Rente zugeht, versiegen die Ausschüttungen. Die Kreditzinsen werden aber trotzdem jeden Monat fällig.

„Von Risiken war nicht die Rede“

Selbst die an sich seriöse Beraterfirma Plansecur hält die Situation des Fonds für kritisch. Für Petra Menz ist das alles ein böse Überraschung. „Von Risiken hat Reiche nichts gesagt. Mir wurde das als Rente verkauft.“

Der Berater sieht das anders. Er glaubt, alle Risiken seien seinerzeit „mit Sicherheit angesprochen“ worden. Er räumt aber ein, dass das Renommee des Fonds und eine gewisse Euphorie dazu beigetragen hätten, solche Anlagen besonders positiv zu sehen.

Zur Beteiligung über den teuren Kredit hätte sich Petra Menz trotz Barvermögens letztlich selber entschieden. Er habe geraten, den Kredit, der vor der Rentenzeit 2006 fällig wird, durch ­Sondertilgungen frühzeitig abzuzahlen.­

Menz sagt, darüber habe man nicht gesprochen. Sie hat nichts getilgt und muss bald knapp 36 000 Euro an die Bank zurückzuzahlen. Kann sie das nicht, kommt sie nicht an ihre verpfändete Versicherung.

Die Pflichten der Berater

Geht Petra Menz nun mit Schadenersatzforderungen vor Gericht, müsste sie zunächst belegen, dass eine Beratung stattgefunden hat. Das kann sie.

Wohl dem, der Zeugen, Beraternotizen oder ein unterschriebenes Protokoll hat. Ist gar belegt, dass der Berater Kundenvermögen und -wünsche ermittelt hat, dann ist meist klar, dass wirklich ein Berater und nicht bloß der Vermittler eines Produkts zu Besuch war. Dessen Aufklärungs- und Beratungspflichten sind mitunter beschränkt.

Eine Beratung muss der Anlage gerecht werden. Je riskanter die Anlage ist, desto intensiver muss die Aufklärung sein. Sie muss aber auch dem Anleger gerecht werden. Ein riskanter Fonds kann für einen abgesicherten Kunden, der etwas wagen will, prima sein. Für jemanden, der die Rente darauf baut, ist derselbe Rat verheerend.

Die Berater müssen das Produkt kennen. Wenn der Kunde den Prospekt nicht versteht – der Berater muss durchblicken, Unklares klären und im Zweifel abraten. Sonst haftet er. Nur wenn er klar sagt, dass er nichts weiß, gilt eine Ausnahme. Sonst ist er auch verantwortlich, wenn er kritische Presseartikel über die Anlage ignoriert hat.

Doch Petra Menz wird es sich gut überlegen müssen, ob sie klagen will. Denn wie alle Anleger müsste sie eine Falschberatung beweisen.

Ihr Problem: Reiche hatte seinerzeit alle Unterlagen „zum Ordnen“ an sich genommen. „Sie kamen ordentlich zurück, aber handschriftliche Beraternotizen fehlten.“ „Vertrauensselig“ nennt Menz ihr Verhalten heute. Der Berater bestreitet nicht, den Ordner genommen zu haben. Das sei auch heute noch üblicher Service.

Anleger in der Beweisnot

Hat der Berater von seinen Pflichten auch nur eine verletzt und so die An­lageentscheidung verursacht, haftet er für Schäden (Kammergericht Berlin, Az. 7 U 6032/99). Da Anleger meist Schwierigkeiten haben, negative Tatsachen wie das Fehlen einer erforderlichen Warnung zu beweisen, kommen ihnen die Gerichte entgegen. So meint das Oberlandesgericht Stuttgart, allein die Behauptung eines Beratungsfehlers bringe den Berater in Zugzwang.

Er muss dann nicht die korrekte Beratung beweisen, aber „substantiiert“ erklären, wie es wirklich war (Az. 9 U 24/00). So haben Anleger mit dürftigen Beweisen eine kleine Chance auf Klärung, etwa wenn sich der Berater in Widersprüche verstrickt.

Gelänge es Petra Menz, eine Falschberatung zu beweisen, stünde sie besser da. Dann gehen die Richter einfach vom Verschulden des Beraters aus. Herauswinden kann er sich dann nur durch den Nachweis, dass er nicht fahrlässig oder gar vorsätzlich gehandelt hat. Oder er belegt, dass der Kunde sich bei korrekter Beratung genauso entschieden hätte. Bleibt dies zweifelhaft, wird vermutet, dass der Anleger auf die Anlage verzichtet hätte.

Schließlich gilt es noch, den Schaden festzustellen. Meist wird der gesunkene Wert der Anlage herangezogen. Doch was ist, wenn Anleger wie Petra Menz Steuervorteile gehabt haben? Werden die von ihren Ansprüchen abgezogen? Der Bundesgerichtshof sagt, dass im Einzelfall zu entscheiden sei (Az. II ZR 40/00).

* Namen von der Redaktion geändert.

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