Angereicherte Lebensmittel Meldung

Die Kreuzung aus Lebens- und Arzneimittel wird zur Normalität. Bedenkenlos sollte man nicht zugreifen.

Dank emsiger Forschung und perfekten Marketings haben Danone, Nestlé und Co. funktionelle Lebens­mittel erfolgreich in unseren Speiseplan geschleust. Die Botschaft der Nahrungsmittelindustrie lautet etwa so: „Wer regelmäßig unsere extragesunden Produkte isst, lebt besser und länger.“ Der Beweis dafür steht noch aus. Klar ist aber: Die Deutschen greifen regelmäßig zu ballaststoffreichem Brot, cholesterinsenkender Margarine und probiotischem Jogurt.

Noch ist der Anteil funktioneller Produkte, englisch Functional Food, am Gesamtmarkt überschaubar. In Zukunft soll er aber bis zu zehn Prozent ausmachen. Schon jetzt setzen rund 40 Prozent der Deutschen, vor allem über 50-Jährige, bewusst auf Functional-Food-Produkte. Doch nur wer weiß, was in ihnen steckt und wie sie wirken, kann sie sinnvoll nutzen – oder darauf verzichten.

Was sind funktionelle Lebensmittel?

Eine rechtsverbindliche Definition für funktionelle Produkte gibt es nur in Japan, bei uns nicht. Generell versprechen sie einen konkreten Nutzen für die Gesundheit oder das Wohlbefinden. Es geht also um mehr als die Versorgung mit Nährstoffen. Im weiteren Sinne zählen alle angereicherten Produkte dazu: Mal wird die Konzentration eines natürlichen Bestandteils erhöht, mal ein künstlicher Stoff aus dem Labor zugesetzt oder eine ungünstige Zutat durch eine günstigere ersetzt. Das kostet Geld: Functional Food ist oft doppelt so teuer wie das normale Lebensmittel.

Für die diversen Extrafunktionen sorgen meist Probiotika, sekundäre Pflanzen­stoffe, Vitamine oder Fettsäuren. So wird zum Beispiel Brot mit Omega-3-Fettsäuren angereichert. Diese können natürlich gewonnen werden aus Lein- oder Fischöl, aber auch biotechnologisch aus Algen und Pilzen.

Die meisten funktionellen Produkte müssen nicht mehr Vorschriften einhalten als allgemeine Lebensmittel. Sie werben aber verstärkt mit gesundheitsbezogenen Aussagen wie „Senkt das Infarktrisiko“. Die EU-Kommission prüft gerade, diese einzuschränken. In den nächsten Jahren will sie eine „Positivliste“ veröffentlichen, die Klarheit schaffen soll.

Ist probiotischer Jogurt besser?

Die Kühlregale der Supermärkte sind voll mit probiotischen Drinks und Jogurts. Manche Probiotika stimulieren das Immunsystem, andere die Darmfunktion. Nestlé machte 1995 mit LC1 den Anfang, Danone zog mit Actimel nach. Heute wimmelt es nur so von Nachahmerprodukten. Den gewünschten Effekt erzielt nur, wer regelmäßig Milchsäurebakterien aufnimmt. Das kurbelt auch den Umsatz an.

Da jeder Anbieter auf einen eigenen Bakterienstamm setzt, sind generelle Aussagen zur Wirksamkeit von Probiotika schwierig: Studienergebnisse gelten nur für den einen Stamm und das eine Produkt. Grundsätzlich sind heute verwendete Stämme wie die Laktobazillen sicher. Studien zufolge können sie Darmerkrankungen lindern. In England wurde nach­ge­wiesen, dass Actimel ältere Patienten nach Einnahme von Antibiotika vor Durchfall schützt. Bei gesunden Menschen spricht vieles dafür, dass Probiotika bei Verstopfung helfen und die Immunabwehr aktivieren. Letzteres gelingt allerdings mit einem normalen Jogurt ebenso gut, wie Wissenschaftler der Universität Wien zeigten. Im Vergleich zu einem Naturjogurt war Actimel kaum wirksamer.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) weist darauf hin, dass die Langzeitwirkung von Probiotika noch nicht ­genügend erforscht ist. Problematisch ist auch, dass viele Hersteller die „unabhängigen“ Studien mitfinanzieren.

Mit Margarine gegen Cholesterin?

Bei uns sind schätzungsweise sieben cholesterinsenkende Lebensmittel auf dem Markt. Durch den Zusatz von Pflanzen­sterinen wirken sie fast wie ein Medikament – kommen aber ohne Beipackzettel daher. Oft greifen Verbraucher zu Margarinen wie der Becel pro-activ von Unilever. Studien belegen, dass regelmäßiger Verzehr dieser Margarine den Cholesterinspiegel um zehn Prozent senken kann.

Die Gefahr einer falschen Nutzung und Überdosierung ist allerdings groß. Eine Befragung der Verbraucherzentralen offenbarte, dass jeder zweite Nutzer cholesterinsenkender Lebensmittel gar keine Cholesterinprobleme hat, sie also gar nicht braucht. Und in Familien nutzen Kinder sie fälschlicherweise gleich mit. Es wird aber davon abgeraten, cholesterinsenkende Produkte vorbeugend einzu­nehmen. Bis heute weisen die Hersteller nicht ausreichend darauf hin.

Ein weiteres Problem: Die Zufuhr an Ste­rinen verringert die Aufnahme von Vitamin A, E und K ins Blut. Zum Ausgleich müssen Nutzer viel vitaminreiches Obst und Gemüse wie Karotten verzehren. Eine ständige Überdosis an Sterinen kann möglicherweise – ebenso wie Cholesterin – Arte­riosklerose begünstigen. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) rät, die Sterin-Zufuhr am Tag auf drei Gramm zu begrenzen. So viel stecken etwa in 40 Gramm Becel pro-activ.

Wie viel Vitamine sollen es sein?

Beliebt sind auch Säfte, die mit den Vitaminen A, C und E aufgepeppt werden. Praktisch ist so ein Vitaminschub allemal. Langzeitstudien haben jedoch ergeben, dass hohe Dosen an Vitamin A, C und E keinen höheren Schutz vor Herz-Kreislauf-Krankheiten und Krebs bewirken. Zu viel Vitamin A oder E kann sogar schaden. Bei Rauchern erhöhten starke Dosen Betakarotin (Provitamin A) das Krebsrisiko. Von Vitamin A sollten am Tag maximal drei, von Vitamin E 300 Milli­gramm aufgenommen werden. Die Her­steller klären aber ungenügend auf. So heißt es etwa auf Müllers ACE-Molke: „ein Becher deckt den zweifachen Tagesbe­darf“. Klarer wäre: Ein halber Becher am Tag reicht. Noch immer sind Vitamine direkt aus Obst und Gemüse am gesündesten. Nur einzelne Risikogruppen wie die Senioren brauchen extra viel Vitamin D.

Auch Omega-3-Fettsäuren wird viel Positives nachgesagt. Ihre Wirkung scheint jedoch davon abzuhängen, in welchem Verhältnis sie mit anderen mehrfach ungesättigten Fettsäuren verzehrt werden.

Ausgleich für ungesunde Ernährung?

Wer sich ausgewogen ernährt, braucht keine funktionellen Lebensmittel. Wich­tige Nährstoffe nimmt er dann im richtigen Verhältnis auf. Doch nicht jeder hat Zeit für einen ausgetüftelten Speiseplan. Richtig dosiert kann Functional Food hier eine sinnvolle Ergänzung sein. Jahrelanges Falsch­essen kann es aber nicht wettmachen.

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