Angehörige pflegen Special

Statt ins Heim können Pflegebedürftige in eine ambulant betreute WG ziehen. Mehr Indivi­dualität ist möglich – aber auch mehr Aufwand für Angehörige. test.de schildert anhand eines konkreten Beispiels die Vor- und Nachteile von Pflege-Wohn­gemeinschaften.

Recht­zeitig umziehen und neue Freunde finden

Am Esstisch sieht es aus wie bei einem Familien­geburts­tag. Jung und Alt sitzen zusammen, genießen Kaffee, Kuchen, Wasser und Saft. Einige trinken aus einer Schnabeltasse, manchen wird beim Essen geholfen. In der Pflege-Wohn­gemeinschaft „Zum Rosengärt­chen“ in Köln leben sieben ältere Damen und ein Herr – alle an Demenz erkrankt. Manche sitzen im Roll­stuhl, andere sind noch gut zu Fuß. Einige erzählen freudig von früher, andere reden allenfalls, wenn sie angesprochen werden. Gertrud Dierichs lächelt, als ihr Sohn Reimund ihre Hand hält. Yves Bollinger, der ebenfalls zu Besuch ist, erzählt: „Als wir vor sieben Jahren merkten, dass meine Mutter nicht mehr allein leben kann, haben wir uns gemein­sam für diese Pflege-WG entschieden. Sie war damals noch fit genug, um sich einzuleben und hat hier sogar neue Freunde gefunden.“

Ein möglichst freier Alltag

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Spazieren gehen im eigenen Garten.

Im Vergleich zum klassischen Seniorenheim ist das Leben in der Wohn­gemeinschaft lockerer. Angehörige und Bewohner entscheiden gemein­sam, ob und welche Aktivitäten statt­finden sollen. So lässt sich der Tages­ablauf an die Bedürf­nisse jedes Einzelnen anpassen. Studien zeigen: Das tut vor allem Demenz­kranken gut. Sie blühen in einer Pflege-WG häufig auf. Personen mit hohem Bewegungs­drang werden meist ruhiger, Alltags­kompetenzen kehren häufig noch einmal zurück.

Jeder hat sein eigenes Zimmer

Im Kölner „Rosengärt­chen“ hat jeder Bewohner sein eigenes Zimmer. Küche, Ess- und Wohn­raum sind für alle frei zugäng­lich. Im Flur und in den Bädern helfen Haltegriffe, dass die Senioren selbst­ständig über­all hinkommen. Auch in den Garten können sie hinaus­spazieren. Nur die Haustür lässt sich nicht so leicht öffnen.

Gemeinschaft sorgt für Geborgenheit

Pflege-WGs und andere alternative Wohn­formen haben sich etabliert. Heike Nord­mann vom Kuratorium Deutsche Alters­hilfe sagt: „Es gibt eine kontinuierliche Unterstüt­zung für die Bewohner. Gleich­zeitig schafft die Gemeinschaft eine gewisse Geborgenheit und ermöglicht einen Alltag, der sich nicht so sehr vom Leben im eigenen Haushalt unterscheidet.“

Wenige WGs sind komplett privat organisiert

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In vielen Pflege-WGs sind Katzen erlaubt.

Wie viele Pflege-WGs es in Deutsch­land gibt, ist schwer zu sagen. Das liegt daran, dass in jedem Bundes­land andere Gesetze gelten. In Hessen oder Sachsen beispiels­weise gibt es kaum Regeln, teil­weise auch keine Melde­pflicht. Andere Länder wie Berlin oder Nord­rhein-West­falen machen sehr genaue Vorgaben zur Qualität der Versorgung, zu Erfahrung der Pfle­gekräfte sowie zum Mitbestimmungs­recht der Bewohner und Angehörigen. Der strukturelle Aufbau kann dadurch sehr verschieden sein.

Träger über­nimmt Abrechnung des Haus­halts­gelds

„Die meisten WGs werden von einem professionellen Träger geführt, der zum Beispiel die Abrechnung des Haus­halts­gelds über­nimmt oder den Einzug neuer WG-Bewohner koor­diniert“, sagt Heike Nord­mann. Für die wenig verbreiteten, komplett privat organisierten Wohn­gemeinschaften gelten meist nied­rigere gesetzliche Vorgaben. So müssen die Pfle­gekräfte zum Teil keine bestimmten Voraus­setzungen erfüllen. Das hat den Vorteil, dass auch Angehörige oder ehren­amtliche Helfer einen Teil der Pflege über­nehmen können, wenn die Gruppe das wünscht.

Meist sind alle Pfle­gestufen vertreten

Auch in der Zusammenset­zung der Bewohner unterscheiden sich die WGs. Meist sind alle Pfle­gestufen vertreten. In manchen sind alle Personen körperlich pflegebedürftig, aber geistig noch fit. Sie bekommen regel­mäßig Besuch von einem Pflege­dienst, nehmen ihr Leben ansonsten aber selbst in die Hand.

Kompromisse finden

In Demenz-WGs hingegen sind in der Regel tags­über zwei Präsenz­kräfte vor Ort, die den Haushalt organisieren. Oft werden sie von freiwil­ligen Helfern unterstützt. In einigen Gemeinschaften leisten die Präsenz­kräfte auch die pflegerische Hilfe, in anderen kommen dafür externe Pfleger. In der Nacht ist meist eine Präsenz­kraft vor Ort, die auch pflegerisch eingreifen kann. „Wichtig ist, dass man das Leben in dieser Form der Gemeinschaft mag“, sagt Heike Nord­mann. „Eine Pflege-WG lebt davon, dass es eben kein Heim mit Voll­versorgungs­struktur ist, sondern dass Bewohner und Angehörige sich einbringen und Kompromisse finden.“

Stich­wort „alternative Wohn­formen“

Wer sich vorstellen kann, so zu leben, sollte zunächst über­legen, ob eine Pflege-WG in der Nähe infrage kommt oder ob er selbst mit Freunden oder Geschwistern eine solche Gemeinschaft gründen möchte. Informationen über bestehende Pflege-WGs sind im Internet unter dem Stich­wort „alternative Wohn­formen“ und unter Angabe des Bundes­lands zu finden. Auch in manchen Pfle­gestütz­punkten und in den zuständigen Ministerien gibt es Ansprech­partner. Pflege-WGs kann man in der Regel besuchen und dort nach Details fragen.

Anspruchs­volle Abrechnung

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„Mensch, ärgere Dich nicht“ und andere Gesell­schafts­spiele machen auch im Alter Spaß, und sie regen an.

Wer eine bestimmte WG als neues Zuhause in Betracht zieht, sollte sich mit den Bewohnern und deren Angehörigen mindestens zum Kaffee­trinken verabreden. Noch besser ist ein Probewohnen. Je nach Mietspiegel, WG-Struktur und Grad der Pflegebedürftig­keit fallen die Kosten eines Platzes sehr unterschiedlich aus. Im Kölner „Rosengärt­chen“ zahlt jeder Bewohner pro Monat maximal 2 500 Euro. Die Pflegekasse steuert zwischen 689 und 1 612 Euro an Sach­leistungen für häusliche Pflege bei. Hinzu kommen pro Bewohner 205 Euro WG-Zuschlag und bis zu 208 Euro an zusätzlichen Betreuungs- und Entlastungs­leistungen, wie etwa Gymnastik oder Vorlesestunden. Wenn alles ausgeschöpft wird, über­nimmt die Kasse mit 1 102 bis 2 025 Euro pro Monat etwas mehr Geld als für die voll­stationäre Pflege. Die Abrechnung ist anspruchs­voll: Weil eine Pflege-WG als ambulante Betreuung gilt, müssen die Kosten individuell aufgeschlüsselt werden. Miete, Haus­halts­kasse und Pflege­leistungen werden als einzelne Verträge getrennt abge­rechnet. Bezahlt wird genau das, was geleistet wurde.

Aufwendiger für die Familie

„Die Angehörigen haben nicht nur mehr Mitsprache, sondern auch eine höhere Organisations­pflicht“, sagt Heike Nord­mann vom Kuratorium Deutsche Alters­hilfe. „Schon weil ein Monat mal 28, mal 31 Tage hat oder auch mal Verhinderungs­pflege oder Betreuungs- und Entlastungs­angebote in Anspruch genommen werden, ändert sich die Abrechnung jeden Monat.“

Angehörige tauschen sich mit Angehörigen aus

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Gemein­sam zu essen ist in Wohn­gemeinschaften üblich.

Trotz des höheren Aufwands entscheiden sich immer mehr Menschen für eine Pflege-WG. Die Vorteile über­wiegen für sie. Yves Bollinger aus dem Kölner Rosengärt­chen sagt: „Die Gemeinschaft tut auch uns Angehörigen gut. Man kann sich mit anderen darüber austauschen, wie es ist, die Eltern in dieser Lebens­phase zu begleiten.“ Allen Beteiligten ist klar, dass lang­fristig wieder ein WG-Platz frei wird, weil ein Bewohner stirbt. Bollinger: „Wir wollen das Leben für unsere Eltern noch so schön wie möglich gestalten und uns stützen, wenn wir Abschied nehmen müssen.“

Finanztest Spezial Pflege

Das Finanztest Spezial Pflege zeigt, was zu tun ist, wenn Pflege notwendig wird. Es erklärt auf 112 Seiten

  • wie Sie Im Alter gut wohnen: zuhause, im Pfle­geheim oder in der Pflege-WG
  • welche Hilfen es vom Staat gibt
  • was Angehörige, die ein Familien­mitglied pflegen, beachten müssen
  • wie Sie sich den Pfle­geall­tag erleichtern
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