Angehörige pflegen Rundum versorgt in einer Pflege-Wohn­gemeinschaft

14.12.2020
Angehörige pflegen - Rundum versorgt in einer Pflege-Wohn­gemeinschaft
In Gesell­schaft blühen vor allem demenz­erkrankte Pflegebedürftige auf. © Getty Images / Nicolas Hansen

Statt ins Heim können Pflegebedürftige in eine ambulant betreute WG ziehen. Mehr Indivi­dualität ist möglich – aber auch mehr Aufwand für Angehörige. test.de schildert die Vor- und Nachteile von Pflege-Wohn­gemeinschaften und erklärt, wie sie am besten organisiert ist.

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Lockeres Zusammenleben

Ein möglichst freier Alltag

Im Vergleich zum klassischen Seniorenheim ist das Leben in einer Wohn­gemeinschaft lockerer. Angehörige und Bewohner entscheiden gemein­sam, ob und welche Aktivitäten statt­finden sollen. So lässt sich der Tages­ablauf an die Bedürf­nisse jedes Einzelnen anpassen. Studien zeigen: Das tut vor allem Demenz­kranken gut. Sie blühen in einer Pflege-WG häufig auf. Personen mit hohem Bewegungs­drang werden meist ruhiger, Alltags­kompetenzen kehren häufig noch einmal zurück.

Jeder hat sein eigenes Zimmer

In der Regel hat jeder Bewohner in einer Pflege-WG sein eigenes Zimmer. Küche, Ess- und Wohn­raum sind für alle frei zugäng­lich. Flur und Bäder sind barrierefrei. Außerdem sorgen Haltegriffe dafür, dass die Senioren selbst­ständig über­all hinkommen. Nur die Haustür lässt sich meist nicht so leicht öffnen.

Gemeinschaft sorgt für Geborgenheit

Pflege-WGs und andere alternative Wohn­formen haben sich etabliert. Heike Nord­mann vom Kuratorium Deutsche Alters­hilfe sagt: „Es gibt eine kontinuierliche Unterstüt­zung für die Bewohner. Gleich­zeitig schafft die Gemeinschaft eine gewisse Geborgenheit und ermöglicht einen Alltag, der sich nicht so sehr vom Leben im eigenen Haushalt unterscheidet.“

Unterschiedliche Regeln je nach Bundes­land

Wie viele Pflege-WGs es in Deutsch­land gibt, ist schwer zu sagen. Das liegt daran, dass in jedem Bundes­land andere Gesetze gelten. Der strukturelle Aufbau kann dadurch sehr verschieden sein. „Die meisten WGs werden von einem professionellen Träger geführt, der zum Beispiel die Abrechnung des Haus­halts­gelds über­nimmt oder den Einzug neuer WG-Bewohner koor­diniert“, sagt Heike Nord­mann.

Wenige WGs sind komplett privat organisiert

Für die wenig verbreiteten, komplett privat organisierten Wohn­gemeinschaften gelten meist nied­rigere gesetzliche Vorgaben. So müssen die Pfle­gekräfte zum Teil keine bestimmten Voraus­setzungen erfüllen. Das hat den Vorteil, dass auch Angehörige oder ehren­amtliche Helfer einen Teil der Pflege über­nehmen können, wenn die Gruppe das wünscht.

Meist sind alle Pfle­gegrade vertreten

Auch hinsicht­lich der Zusammenset­zung unterscheiden sich die WGs. Meist sind alle Pflegegrade vertreten. In manchen sind alle Personen körperlich pflegebedürftig, aber geistig noch fit. Sie bekommen regel­mäßig Besuch von einem Pflege­dienst, nehmen ihr Leben ansonsten aber selbst in die Hand.

Kompromisse finden

In Demenz-WGs hingegen sind in der Regel tags­über zwei Präsenz­kräfte vor Ort, die den Haushalt organisieren. Oft werden sie von freiwil­ligen Helfern unterstützt. In einigen Gemeinschaften leisten die Präsenz­kräfte auch die pflegerische Hilfe, in anderen kommen dafür externe Pfleger. In der Nacht ist meist eine Präsenz­kraft vor Ort, die auch pflegerisch eingreifen kann. „Wichtig ist, dass man das Leben in dieser Form der Gemeinschaft mag“, sagt Heike Nord­mann. „Eine Pflege-WG lebt davon, dass es eben kein Heim mit Voll­versorgungs­struktur ist, sondern dass Bewohner und Angehörige sich einbringen und Kompromisse finden.“

Stich­wort „alternative Wohn­formen“

Wer sich vorstellen kann, so zu leben, sollte zunächst über­legen, ob eine Pflege-WG in der Nähe infrage kommt oder ob er selbst mit Freunden oder Geschwistern eine solche Gemeinschaft gründen möchte. Informationen über bestehende Pflege-WGs sind im Internet unter dem Stich­wort „alternative Wohn­formen“ und unter Angabe des Bundes­lands zu finden. Auch in manchen Pfle­gestütz­punkten und in den zuständigen Ministerien gibt es Ansprech­partner. Pflege-WGs kann man in der Regel besuchen und dort nach Details fragen.

Erst mal zur Probe wohnen

Wer eine bestimmte WG als neues Zuhause in Betracht zieht, sollte sich mit den Bewohnern und deren Angehörigen mindestens zum Kaffee­trinken verabreden. Noch besser: Die neue Mitbewohnerin wohnt erst mal zur Probe.

Anspruchs­volle Abrechnung

Je nach Mietspiegel, WG-Struktur und Grad der Pflegebedürftig­keit fallen die Kosten eines Platzes sehr unterschiedlich aus. Die Pflegekasse steuert ab Pfle­gegrad 2 zwischen 689 und 1 995 Euro an Sachleistungen für häusliche Pflege bei. Hinzu kommen pro Bewohner 214 Euro WG-Zuschlag – in allen Pfle­gegraden. Die Abrechnung ist anspruchs­voll: Weil eine Pflege-WG als ambulante Betreuung gilt, müssen die Kosten individuell aufgeschlüsselt werden. Miete, Haus­halts­kasse und Pflege­leistungen werden als einzelne Verträge getrennt abge­rechnet. Bezahlt wird genau das, was geleistet wurde.

Aufwendiger für die Familie

„Die Angehörigen haben nicht nur mehr Mitsprache, sondern auch eine höhere Organisations­pflicht“, sagt Heike Nord­mann vom Kuratorium Deutsche Alters­hilfe. „Schon weil ein Monat mal 28, mal 31 Tage hat oder auch mal Verhinderungspflege oder Betreuungs- und Entlastungs­angebote in Anspruch genommen werden, ändert sich die Abrechnung jeden Monat.“

Pro und kontra: Was für und was gegen eine WG spricht

Vorteile

Eine Pflege-WG bietet ihren Bewohnern im Ideal­fall eine Rund­umver­sorgung, kombiniert mit einer individuellen Betreuung. In der Gemeinschaft können die Pflegebedürftigen einen Alltag erleben, der ihrem früheren Leben im eigenen Haushalt ähnelt. Im Vergleich zum Pfle­geheim sind Vorlieben einzelner Bewohner leichter zu berück­sichtigen. So sind häufig Haustiere erlaubt. Wer morgens länger schlafen oder jeden Abend einen Grieß­brei essen möchte, kann das gern tun – wenn keine ärzt­lichen Vorgaben dagegen sprechen. Selbst­bestimmung wird in einer Pflege-Wohn­gemeinschaft groß­geschrieben. Der Bewohner kann seinen Neigungen nachgehen, zum Beispiel bei Musik- oder Bastelnach­mittagen. Kann ein Pflegebedürftiger seine Wünsche nicht mehr klar äußern, haben seine Angehörigen die Möglich­keit, das Leben in seinem Sinne zu gestalten.

Nachteile

Das Leben in einer Wohn­gemeinschaft ist weniger durch­organisiert als in einer klassischen Pfle­geeinrichtung. Das kann auch Nachteile haben. Je nach Bundes­land finden etwa Qualitäts­kontrollen deutlichseltener statt als im Pfle­geheim – oder über­haupt nicht. Dadurch kann es im schlimmsten Fall zu einer gefähr­lichen Vernach­lässigung der Bewohner kommen. Die Finanzierung des WG-Lebens ist komplizierter zu regeln als Wohnen im Pfle­geheim, weil es als ambulante Betreuung gilt. Mehrere Personen gewähr­leisten die Pflege und organisieren den Haushalt. Sie müssen beauftragt und bezahlt werden. Die Kosten sind nicht in jedem Monat gleich hoch. Angehörige müssen sich gut informieren und fort­laufend um die WG-Organisation kümmern.

Pflege-WG selbst gründen - In vier Schritten

Wer keine passende Pflege-Wohn­gemeinschaft findet, kann selbst eine gründen. Dafür sollten sich mindestens vier Personen zusammentun. Dann können sie die Zuschüsse der Pflegekassen gut nutzen.

Einigen. Die künftigen Mitbewohner sollten zusammenpassen, auch ihre Angehörigen. Sie sollten ähnliche Vorstel­lungen von einer Pflege-WG haben. Beispiels­weise ist es gut, wenn alle gemein­same Mahl­zeiten oder Ausflüge mögen und nicht einer am liebsten für sich bleibt. Aber auch umge­kehrt kann es passen, wenn alle Bewohner sich gern viel in ihrem eigenen Zimmer aufhalten.

Informieren. Die gesetzlichen Rege­lungen für Pflege-WGs sind von Bundes­land zu Bundes­land verschieden. Die Gruppe sollte sich zu den Details beraten lassen, etwa bei der Bundes­interes­senvertretung der Nutze­rinnen und Nutzer von Wohn- und Betreuungs­angeboten im Alter und bei Behin­derung (BIVA).

Planen. Die Gruppe sollte ein Konzept erarbeiten, wie das WG-Leben gestaltet und finanziert werden soll. Je nach Bundes­land muss das mit der Heim­aufsicht, dem Sozial­hilfeträger oder weiteren offiziellen Stellen besprochen und genehmigt werden. In der Regel ist es sinn­voll, eine Gesell­schaft bürgerlichen Rechts (GbR) zu gründen, um juristisch gemein­sam handeln zu können.

Realisieren. Dann muss noch der passende Wohn­raum gekauft, gemietet oder umge­baut werden. Eine örtliche Wohnungs­baugesell­schaft kann dabei helfen. Zu guter Letzt braucht die Gruppe einen Pflege­dienst, der bereit ist, sich in das Gemein­schafts­projekt einzufinden. Feste Bezugs­personen, sowohl in der Pflege als auch als Präsenz­kräfte, sollen in der Gruppe und individuell für eine gute Lebens­qualität sorgen.

Finanzieren. Die Pflegekasse zahlt für Pflegebedürftige ab Pfle­gegrad 1 bis 5 auf Antrag bis zu 4 000 Euro als Zuschuss für bauliche Maßnahmen, die die häusliche Pflege in der Wohnung ermöglichen, etwa Türverbreiterungen oder fest installierte Rampen und Treppenlifter, aber auch den pflegegerechten Umbau des Bade­zimmers.
Wohnen mehrere Pflegebedürftige zusammen, kann der Zuschuss bis zu viermal 4 000 Euro, also bis zu 16 000 Euro, betragen. Bei mehr als vier anspruchs­berechtigten Personen wird der Gesamt­betrag anteilig auf die Bewohner aufgeteilt. Ein Zuschuss zur Wohnungs­anpassung kann auch ein weiteres Mal gewährt werden, wenn die Pflegesituation sich so verändert hat, dass erneute Maßnahmen nötig werden.
Darüber hinaus können alle Pflegebedürftigen, die sich an der Gründung einer ambulant betreuten Wohn­gruppe beteiligen, bei ihrer Pflegekasse einmalig eine Förderung von bis zu 2 500 Euro beantragen. Je Wohn­gemeinschaft ist diese Förderung allerdings auf 10 000 Euro begrenzt. Bei mehr als vier anspruchs­berechtigten Bewohnern wird der Gesamt­betrag anteilig auf sie aufgeteilt.

14.12.2020
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