Angehörige pflegen Special

Raus aus dem Alltag. Sich um nahe­stehende Menschen zu kümmern, kostet Kraft. Regel­mäßig ein paar freie Stunden zu haben, lädt die Akkus wieder auf.

Mal zum Friseur oder in den Urlaub fahren – Pflegende brauchen für solche Fälle eine Vertretung. Die Kasse zahlt dafür.

Was ist, wenn ich mal ausfalle, weil ich krank werde oder ein paar Tage zu den Kindern fahren möchte? Diese Frage stellen sich viele, die ihren Partner oder die Eltern zuhause pflegen.

Nur vier von zehn pflegenden Angehörigen lassen sich von professionellen Pfle­gekräften unterstützen, zeigt eine Studie der Techniker Krankenkasse. Viele machen alles allein. Dabei bietet die Pflege­versicherung Möglich­keiten, sie zumindest zeit­weise zu entlasten. Neben der Tages­pflege, einer Einrichtung, in der Pflegebedürftige tags­über unterstützt werden (Special Pflegende Angehörige: Jetzt mehr Entlastung durch Tages- und Nachtpflege, Finanztest 4/2015), gibt es andere Pflegelösungen für ein paar Stunden, Tage oder Wochen: die Kurz­zeit­pflege in einem Heim oder einer anderen Einrichtung und die Verhinderungs­pflege, in der jemand den Pflegenden zu Hause vertritt. Und wenn gar nichts mehr geht, bezahlt die Krankenkasse dem erschöpften Pflegenden eine Reha.

Wenn Pflege krankmacht

Erholung ist wichtig, um Kraft für die anstrengende Pflege zu haben. Das erlebt Synan Al-Hashimy in seiner Arbeit. Er ist Chef­arzt im Alzheimer Therapiezentrum in Ratzeburg, einer stationären Rehabilitations­einrichtung, in der pflegende Angehörige behandelt werden: „Viele kommen erst, wenn sie am Ende ihrer Kräfte sind und die Frage der Heim­unterbringung des pflegebedürftigen Part­ners im Raum steht.“

Am häufigsten kommen Ehepaare, bei denen einer der beiden an Demenz erkrankt ist. So auch Gisela Köster. Bei ihrem Mann wurde vor fünf Jahren eine vaskuläre Demenz diagnostiziert. Diese Form der Demenz geht auf Durch­blutungs­störungen im Hirn zurück. Gleich­zeitig leidet ihr Mann an Parkinson und kann sich schwer bewegen.

Die 75-Jährige steht ihm Tag und Nacht zur Seite. „Was am meisten an den Kräften zehrt, ist, dass ich immer da sein muss und ihn nicht allein lassen kann“, sagt die Rentnerin. „Ich fühle mich fremd­bestimmt.“ Weil ihr der Austausch mit ihrem Mann und ihren Freunden fehlt, fällt ihr oft auch die Decke auf den Kopf.

Geht das so über lange Zeit, fühlen sich Pflegende über­fordert und erschöpft. Sie reagieren ungeduldig und aggressiv gegen­über dem Pflegebedürftigen. Dem folgen häufig Schuldgefühle und Gewissens­bisse. Al-Hashimy: „Menschen, die zu uns kommen, können sich nur schwer vom dementen Partner lösen und würden deshalb allein auch keine Rehabe­hand­lung durch­führen.“

Deshalb können die Pflegenden ihre Angehörigen nach Ratzeburg mitbringen. Während die Pflegenden dort lernen, mit ihrer Situation besser klar­zukommen, werden ihre Partner in der Kurz­zeit­pflege im Heim auf dem Klinikgelände betreut.

Für kurze Zeit ins Heim

Die Kurz­zeit­pflege in einer stationären Einrichtung verschafft Familien auch Luft, wenn sie mal in den Urlaub fahren wollen. Sie mindert auch den Stress, wenn nach einem Kranken­haus­auf­enthalt die Pflege des Angehörigen erst organisiert werden muss.

Für die Kurz­zeit­pflege über­nimmt die Pflegekasse die Pflege­kosten bis zu 1 612 Euro für bis zu vier Wochen im Jahr in einer dafür vorgesehenen Einrichtung, oft einem Pfle­geheim. Bedingung ist, dass der Versicherte in eine Pfle­gestufe einge­stuft ist oder gerade eine bekommt. Kosten für Unterkunft und Verpflegung muss er wie in einem Pfle­geheim selbst bezahlen.

Beispiel Abrechnung: Ein Versicherter mit Pfle­gestufe II wird zweimal im Jahr in der Kurz­zeit­pflege gepflegt. Einmal für acht und einmal für vier Tage. 65,50 Euro am Tag fallen für die Pflege an. In den insgesamt zwölf Tagen sind das 786 Euro Pflege­kosten. Für den Rest des Jahres bleiben noch 826 Euro für die Pflege außer Haus.

Gelegenheit für Gespräche

Angehörige pflegen Special

Sich Zeit nehmen. Der Austausch mit anderen Menschen über die schwierigen Momente in der Pflege beruhigt und entlastet die Seele.

Gisela Köster ist froh, dass ihr Mann bei der Reha dabei ist und sie ihn gut betreut weiß. Nur so kann sie bei ihrer eigenen Behand­lung bei der Sache sein. „Einiges wie Musiktherapie und Abend­essen findet auch gemein­sam statt“, erzählt sie.

Allein dagegen besucht sie die psycho­logischen Einzel­gespräche. „Was die meisten hier erkennen, ist, dass sie sich wieder mehr Zeit für sich nehmen müssen. Nur so können sie ihren Partner weiter gut pflegen“, sagt Chef­arzt Al-Hashimy. In der Sozialberatung der Reha erfährt die Rentnerin, welche Entlastung die Pflegekasse ihr noch bietet.

Vertretung in der Pflege zuhause

Neben der Kurz­zeit­pflege in einer Pfle­geeinrichtung kann sie auch für zuhause eine Vertretung bekommen, wenn sie selbst erkrankt, ein paar Tage verreisen will oder ab und zu einen freien Nach­mittag braucht. Für diese Zeit zahlt die Kasse eine Verhinderungs­pflege durch eine Pfle­gekraft oder einen familien­entlastenden Dienst, der ins Haus kommt. Sie zahlt auch, wenn Nach­barn, Freunde oder entfernte Verwandte einspringen, bis zu 1 612 Euro im Jahr. Das geht bis zu sechs Wochen lang.

Pflegen die Kinder oder Enkel, ist der Betrag nicht so hoch. Der Höchst­betrag liegt hier beim 1,5-Fachen des Pflegegeldes der Pfle­gestufe. In Stufe II beispiels­weise sind das 687 Euro. Zudem über­nimmt die Kasse für die nahen Verwandten Fahrt­kosten und den Verdienst­ausfall bis maximal 1 612 Euro.

Mit der Kasse direkt abrechnen

Pflegende können sich tage- oder stunden­weise vertreten lassen. Die Ausgaben können sie direkt mit der Pflegekasse abrechnen. Eine klare Vorgabe für den Stunden- preis gibt es nicht. Manuela Brock­meier ist Pflegeberaterin im Pfle­gestütz­punkt Potsdam: „Es gibt Pflege­dienste, die verlangen zwischen 20 und 30 Euro.“ Das sei viel zu viel. Sie empfiehlt, sich am Pflege­mindest­lohn zu orientieren. Im Osten Deutsch­lands liegt er bei 8,65 Euro und im Westen bei 9,40 Euro pro Stunde.

Beispiel Abrechnung: Einmal wöchentlich zwei Stunden kommt ein Senioren­betreuer zu einem Ehepaar und geht mit der dementen Ehefrau spazieren, die in Pfle­gestufe I einge­stuft ist. 10 Euro pro Stunde kostet die Betreuung. Im Jahr kommen 960 Euro zusammen. Es bleiben noch 652 Euro für weitere Verhinderungs­pflege.

Das restliche Geld kann der Ehemann sogar nutzen, um mit seiner Frau in den Urlaub zu fahren. Hotels und Pensionen, die Reisen für Pflegende und ihre Angehörigen anbieten, vermitteln meist einen Pflege- oder Betreuungs­dienst vor Ort.

Leistungen gut kombinieren

Reicht der Betrag der Verhinderungs­pflege nicht voll­ständig, um etwa die Pflege­kosten zu decken, ist es möglich, Kurz­zeit- und Verhinderungs­pflege zu kombinieren. Wer die vier Wochen Kurz­zeit­pflege nicht komplett bean­sprucht, kann den Rest für eine Verlängerung der Verhinderungs­pflege nutzen und diese von sechs auf acht Wochen ausdehnen. Dafür stehen im Jahr dann 2 418 Euro zur Verfügung.

Umge­kehrt können unver­brauchte Beträge der Verhinderungs­pflege für die Kurz­zeit­pflege einge­setzt werden. Hier gibt es vier Wochen dazu, maximal 3 224 Euro.

Wider­spruch hilft oft

Kurz­zeit- und Verhinderungs­pflege müssen Pflegebedürftige oder die Angehörigen für sie bei ihrer Pflegekasse beantragen. Gehen pflegende Angehörige wie Gisela Köster in die Reha, stellen sie den Antrag bei ihrer Krankenkasse. Der Haus­arzt hilft dabei.

Nicht immer geht der Antrag durch. Auch Köster bekam erst eine Absage, ließ sich davon aber nicht abschre­cken: „In meiner Selbst­hilfegruppe für pflegende Angehörige bekam ich den Tipp, Wider­spruch bei meiner Kasse einzulegen“, erzählt sie. Das tat sie dann auch mithilfe des Sozial­verbands VdK, bei dem sie Mitglied wurde. „Vier Wochen später hatte ich die Zusage.“

Dieser Artikel ist hilfreich. 6 Nutzer finden das hilfreich.