Alzheimer

Interview

20.03.2002
Inhalt

Der Psychiater Professor Alexander Kurz ist Leiter der ältesten deutschen Memory-Klinik: Im Münchner Klinikum rechts der Isar forscht er seit Jahrzehnten zum Thema Alzheimer.


Er weiß: Die frühe Diagnose einer schicksalhaft verlaufenden Krankheit ist eine extrem schlechte Nachricht. Doch nach dem ersten Schock können Patienten und Angehörige die verbliebene Zeit bewusst und intensiv nutzen, meint Professor Kurz.

Was wird bei einer Früherkennungsuntersuchung gemacht?

Mithilfe psychometrischer Tests werden Sprach- und Reaktionsvermögen und die Gedächtnisleistung untersucht. Auf diese Weise kann schon vor dem Stadium der Demenz die Diagnose einer "leichten kognitiven Beeinträchtigung" gestellt werden. Wenn dafür kein Grund erkennbar ist ­ also kein Schlaganfall vorausgegangen ist oder Ähnliches ­, wenn die Beschwerden außerdem zunehmen, dann kann man ziemlich sicher sein: Es steckt die Alzheimerkrankheit dahinter.

Worin liegen die Vorteile einer frühen Diagnose?

Der Patient kann sich darauf einstellen, kann planen und Entscheidungen selber treffen. Er kann Vorausverfügungen treffen, wer künftig einmal für ihn sorgen soll oder welche medizinische Behandlung er wünscht. Noch wichtiger scheint es mir, die Zeit bewusst zu nutzen. Der Kranke kann Dinge erledigen, die ihm besonders am Herzen liegen. Er kann seine Biografie vollenden. Auch für die Angehörigen kann eine frühe Diagnose ein Vorteil sein: Wenn sie die Krankheit nicht erkennen, deuten sie das Verhalten des Kranken unter Umständen falsch, beispielsweise als gleichgültig oder uninteressiert.

Was muss in der Folge geregelt werden?

Ich empfehle, in einer Betreuungsverfügung festzuhalten, wer wichtige Entscheidungen treffen soll, wenn der Patient selbst nicht mehr entscheiden kann. Um ein Testament notariell beglaubigen zu lassen, wenn bereits erste Symptome vorhanden sind, sollte ein Arzt vorher die Testierfähigkeit bescheinigt haben. Auch eine Patientenverfügung ist ratsam. Darin kann man beispielsweise festlegen, dass bei einer unheilbaren Krankheit auf lebensverlängernde Maßnahmen verzichtet werden soll, oder man kann sich bereit erklären, unter bestimmten Bedingungen an Forschungsvorhaben teilzunehmen.

Wie können Betroffene und Angehörige mit der Diagnose Alzheimer umgehen?

Wichtig ist, nicht nur den verlorenen Fähigkeiten nachzutrauern, sondern die Zeit gemeinsam zu nutzen und auszuschöpfen, was noch möglich ist: Intensiv leben, Dinge tun, die einem wichtig sind. Jeder Mensch führt Regie über sein Leben. Als Gesunde spielen wir unsere Stärken aus und versuchen Schwächen zu verbergen. Alzheimerpatienten können das immer weniger, deshalb müssen die Angehörigen in diese Aufgabe hineinwachsen, indem sie die Kranken in ihren verbliebenen Fähigkeiten fördern und unterstützen.

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