Alzheimer Meldung

Noch ist die Alzheimerkrankheit nicht heilbar. Doch verbesserte Diagnose-Instrumente und neue Therapie-Ansätze bremsen das Fortschreiten der Symptome.

Die 66-jährige Rita Bischoff muss im Urlaub wegen eines geschwollenen Beines zum Arzt. Ihr Mann Karl-Heinz berichtet im Internet: "Nach der Behandlung hielt mich der Doktor fest und sagte: "Mit ihrer Frau stimmt etwas nicht." Er gab mir einen Fragebogen." Die Fragen sind so allgemein und einfach ­ Name, Wohnort, Namen der Kinder zum Beispiel ­, dass Karl-Heinz Bischoff nicht wagt, sie seiner Frau vorzulegen: "Meine Frau würde mich für verrückt erklären." Das war im Jahr 1988. Karl-Heinz Bischoff hatte dem Vorfall damals keine Bedeutung beigemessen. Heute weiß er: Was der Arzt bemerkt hatte, waren erste Anzeichen der Alzheimerkrankheit, die im Alter rapide zunimmt.

Rund eine Million älterer Menschen leiden hierzulande an Alzheimer, Tendenz steigend. Ab dem 60. Geburtstag verdoppelt sich das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, alle fünf Jahre. 2 Prozent der 65-Jährigen und bereits 40 Prozent der über 90-Jährigen sind davon betroffen. Mit der Lebenserwartung steigt auch die Anzahl der Krankheitsfälle. Treffen kann es jeden ­ Politiker, Künstler, Intellektuelle. Prominente Opfer der Krankheit sind zum Beispiel Herbert Wehner und Ronald Reagan, der "Zaubergeiger" Helmut Zacharias, der Maler Willem de Kooning, die Schauspielerin Rita Hayworth und die Schriftstellerin Iris Murdoch. Sie haben das Leiden öffentlich gemacht und Angehörigen Mut gemacht, ihr Schicksal nicht weiter zu verheimlichen.

Die ersten Symptome der Erkrankung sind so unscheinbar, dass sie oft für normale Alterserscheinungen gehalten werden. Angehörige und Freunde wundern sich über Zerstreutheit, Vergesslichkeit, Orientierungsstörungen oder merkwürdige Verhaltensweisen. Rita Bischoff entwickelt plötzlich eine krankhafte Eifersucht, unter der auch ihr Mann sehr leidet. Da es ihr körperlich gut geht, will sie nicht zum Arzt gehen. Immer häufiger findet der Gatte Gegenstände an unvermuteten Orten: das Geschirr in der Waschmaschine, im Wohnzimmerschrank das Gebiss. Karl-Heinz Bischoff berichtet weiter: "Eines Tages sollte Rita ein Formular unterschreiben. Dabei stellte ich fest, dass sie ihren Namen gar nicht mehr schreiben konnte. Endlich war sie bereit, mit mir zum Neurologen zu gehen."

Doch die Bischoffs haben erst einmal Pech. Der Arzt diagnostiziert Durchblutungsstörungen des Gehirns und verordnet die entsprechenden Medikamente. Hans-Jürgen Freter von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft sieht hier eine "Schwachstelle im System: Die ärztliche Kompetenz auf dem Feld psychiatrischer Erkrankungen älterer Menschen ­ also der Gerontopsychiatrie ­ ist kaum ausgebildet." Außerdem wird die Diagnose Alzheimer nicht gern gestellt. "Vor allem in der Hausarztpraxis ist die Erkennungsrate dramatisch niedrig", stellt der Berliner Psychiater Dr. Hans Gutzmann fest. Dabei gibt es bereits eine brauchbare Anzahl von Diagnose-Instrumenten, fährt Gutzmann fort, "die müssten nur genutzt werden."

Gedächtnisstörungen ernst nehmen

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Eiweißablagerungen im Gehirn von Alzheimerkranken (links) zerstören Nervenzellen.

Christa Matter, Geschäftsführerin der Berliner Alzheimer-Gesellschaft rät: "Man sollte Gedächtnisstörungen auf jeden Fall ernst nehmen. Aber nicht jede Gedächtnisstörung bedeutet, dass man Alzheimer hat." Oft handelt es sich stattdessen um eine Altersdepression oder um eine Schilddrüsenerkrankung, die geheilt werden kann. Wenn der Hausarzt oder der Neurologe keine eindeutige Diagnose stellen, dann kann mit einer Überweisung des Facharztes die Gedächtnissprechstunde der nächsten Klinik ­ oft auch als Memory-Klinik bezeichnet ­ besucht werden. Die dortigen Ärzte sind spezialisiert auf Gedächtnisstörungen.

Die Bischoffs erhalten beim zweiten Arztbesuch die Diagnose Alzheimer. Zu diesem Zeitpunkt ist die Krankheit der Ehefrau schon weit fortgeschritten. Man unterscheidet bei der Alzheimerkrankheit drei Stadien: Am Anfang steht leichte Vergesslichkeit, dann treten auch Sprachstörungen, Verwirrtheit und Stimmungsschwankungen auf. In der dritten Phase erkennen die Kranken kaum noch andere Familienmitglieder, irren oft ziellos umher und werden völlig unselbstständig. Der Pflege- und Betreuungsbedarf ist dann sehr ausgeprägt, Entscheidungen müssen dem Patienten abgenommen werden. Je früher mit der Verordnung von Antidementiva begonnen werden kann, desto besser, so der Alzheimer-Experte Professor Alexander Kurz: "Das Eintreten der Pflegebedürftigkeit kann so verzögert werden." Die Medikamente verlangsamen den Verlust der geistigen Fähigkeiten oder stoppen ihn vorübergehend ganz.

Freude belebt das Gehirn

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Aktivität und soziale Kontakte beleben das Gehirn.

Doch Medikamente allein reichen nicht aus. Kontakte mit anderen Menschen spielen zum Beispiel eine wichtige Rolle. Auch die geistigen Fähigkeiten des Kranken müssen trainiert werden. Bisher wurden dazu meist standardisierte Gedächtnistrainingsprogramme benutzt. Heute wissen die Fachleute, dass es wichtiger ist, die individuellen Fähigkeiten der Kranken zu fördern. "Alles, was uns Freude macht, belebt das Gehirn", sagt Dr. Jan Haseke von der Memory-Klinik Essen. Deshalb orientiert sich die Förderung im Idealfall an der Biografie des Kranken: Seine Hobbys soll er möglichst lange pflegen, wenn nötig mit Unterstützung. Alte Fotos zu betrachten, ruft Erinnerungen wach. Freter von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft bringt diese neue Einsicht auf den Punkt: "Auch Alzheimerkranke bleiben Individuen."

Die Pflege zu Hause ist für die Erkrankten meist von Vorteil: Feste Ansprechpartner, eine gewohnte Umgebung, soziale Kontakte ­ das alles kann ein Heim nur schwer leisten. Zu Hause ist individuelle Betreuung garantiert. Auch Patienten im fortgeschrittenen Stadium leben auf, wenn sich jemand mit ihnen beschäftigt oder einfach einmal nur die Hand hält.

Eine Alternative sind die neuen Formen von betreutem Wohnen: Bis zu sechs Demenzpatienten leben mit zwei Pflegekräften in einer großen Wohnung. Die Zimmer werden mit den eigenen Möbeln individuell ausgestattet. Das Leben ist ähnlich wie zu Hause organisiert. Ein Platz in einer solchen Wohngemeinschaft ist allerdings noch teurer als ein guter Heimplatz.

Hilfen für Helfer

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Je weiter die Krankheit fortschreitet, umso größer ist der Betreuungsbedarf ­ die Patienten brauchen zum Beispiel Hilfe beim Essen und Trinken.

Nach wie vor werden zwei Drittel aller Alzheimerkranken zu Hause gepflegt. Die Belastungen für die Angehörigen sind jedoch enorm. Die Pflege ist körperlich und seelisch anstrengend, und nicht nur Organisatorisches ist zu bewältigen, sondern auch die Verhaltensveränderungen einer vormals vertrauten Person. Als Karl-Heinz Bischoff die Diagnose seiner Frau erfährt, rät ihm der Arzt: "Tun Sie etwas für sich, sonst liegen Sie in einem Jahr bei mir auf der Couch." Nach einer amerikanischen Studie sind drei Viertel aller pflegenden Angehörigen aufgrund der dauernden Überlastung depressiv.

Herr Bischoff informiert sich zunächst umfassend. Dann schließt er sich der Angehörigen-Initiative Alzheimer-Forum an. Dort erhält er Rat und Unterstützung. Um andere zu ermutigen, erzählt er auf den Internetseiten der Organisation seine Geschichte. Für seine Frau findet er eine Tagesdementenstätte in der Nähe. So hat er wenigstens drei Tage in der Woche einen freien Nachmittag. Und das Ehepaar kann sogar noch einmal Urlaub machen, organisiert von der Selbsthilfeorganisation. Eine zusätzliche Pflegekraft entlastet den Partner.

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