Alters­vorsorge Special

Heidi Kraut­wald, Fotografin aus Kiel: „48 Euro mehr Rente im Monat für die Erziehung finde ich richtig. Vier Kinder groß­zuziehen ist mehr als ein Voll­zeitjob.“

Mit der Rente ist es bei Frauen oft nicht weit her. Sie kümmern sich immer noch mehr als Männer um Kinder­erziehung und Pflege von Angehörigen, arbeiten darum oft Teil­zeit – und zahlen entsprechend weniger in die Rentenkasse ein. Zwei Gesetze bringen Anfang 2019 Verbesserungen. Das reicht aber nicht. Die Alters­vorsorge-Experten der Stiftung Warentest zeigen, was Frauen selbst noch tun können.

Knapp über der Grund­sicherung

Heidi Kraut­wald, Fotografin, 58 Jahre, vier Kinder. Der Blick auf die aktuelle Renten­information löst bei ihr keine Begeisterung aus: 560 Euro im Monat. Sie ist wie andere Freiberufler mit künst­lerischen Berufen in der gesetzlichen Renten­versicherung pflicht­versichert. Zu den 560 Euro kommen rund 300 Euro aus einer privaten Versicherung. „Damit läge ich knapp über der Grund­sicherung“, sagt sie, der Sozial­hilfe für Rentner.

Frauen zahlen meist weniger in die Rentenkasse ein

Es steht nicht gut um die Alters­sicherung von Frauen. Der von ihnen selbst erwirt­schaftete Renten­anspruch über alle Vorsorgeformen hinweg ist nur etwa halb so hoch wie der von Männern. Haupt­grund: Frauen kümmern sich mehr als Männer um Kinder­erziehung und Pflege von Angehörigen, arbeiten beruflich im Schnitt daher weniger. So zahlen sie auch weniger in die Rentenkasse ein.

Zwei Gesetze für bessere Renten

Zu Jahres­beginn treten zwei Gesetze in Kraft, die die Lage verbessern sollen: Das eine erhöht die Renten von Müttern – und einigen Vätern – mit bereits älteren Kindern. Das andere hilft Frauen aus der Teil­zeitfalle, in der sie nach Erziehungs- oder Pflege­zeit oft hängen bleiben und die für nied­rige Renten sorgt. Aber Frauen können deutlich mehr tun (Vier Schritte zu einer besseren Altersversorgung).

Mütterrente II

Kraut­wald profitiert ab 2019 von der sogenannten Mütterrente II. Sie ist Teil des Rentenpakets, das der Bundes­tag im November 2018 verabschiedet hat. Sie soll die Renten von Eltern aufwerten, deren Kinder vor 1992 geboren wurden. Zwar erhöhte die Bundes­regierung deren Renten­ansprüche bereits mit Einführung der Mütterrente 2014 von einem auf zwei Renten­punkte pro Kind. Eltern, deren Kinder nach 1992 geboren wurden, erhalten allerdings pro Kind drei Renten­punkte. Aus den Punkten errechnet sich die spätere Renten­anwart­schaft. Ein Renten­punkt entspricht heute 32,03 Euro Monats­rente im Westen und 30,69 Euro im Osten (siehe Tabelle).

Mehr Rente für die Kinder­erziehung

Ab Januar 2019 bekommen Mütter mit älteren Kindern mehr Rente. Für jedes vor 1992 geborene Kind gibt es im Westen 16,02 Euro und im Osten 15,35 Euro mehr im Monat.

Anzahl Kinder

West

Ost

Renten­anspruch 1 (Euro 2 /Monat)

Renten­anspruch 1 (Euro 2 /Monat)

Geboren vor 1992

Geboren ab 1992

Geboren vor 1992

Geboren ab 1992

Bisher

Ab 2019

Bisher

Ab 2019

1

 64

 80

 96

 61

 77

 92

2

128

160

192

123

153

184

3

192

240

288

184

230

276

4

256

320

384

246

307

368

    • 1 Korrigiert am 21.01.2019.
    • 2 Beträge gerundet.

    Mehr Renten­punkte

    Die Mütterrente II sorgt nun dafür, dass Eltern für ihren vor 1992 geborenen Nach­wuchs ab Januar zwei­einhalb Renten­punkte bekommen – einen halben Punkt mehr als bisher. Drei von Kraut­walds vier Kindern sind vor 1992 geboren. Die Mutter aus Kiel bekommt also nach heutigen Werten drei mal 16 Euro mehr – 48 Euro im Monat. Die Rentenkasse schreibt ihr die Ansprüche auf ihrem Renten­konto für später gut. Eltern im Ruhe­stand bekommen auto­matisch mehr Geld. Allerdings könne die Neube­rechnung bis März 2019 dauern, werde dann aber rück­wirkend zum Januar gezahlt, so die Deutsche Renten­versicherung. Den Zuschlag erhält derjenige, bei dem auch bisher die Kinder­erziehungs­zeiten auf dem Renten­konto gespeichert sind.

    Nach­wuchs finanziert die Renten

    Kraut­walds jüngste Tochter ist 1993 geboren. Hier ändert sich nichts. „Aber 48 Euro mehr im Monat ist ja schon was“, findet sie. „Und auch richtig. Obwohl mir mein Beruf sehr wichtig ist, habe ich deutlich mehr Zeit ins Kinder­groß­ziehen investiert.“ Martin Werding, Professor für Sozial­politik und öffent­liche Finanzen an der Ruhr-Universität Bochum, sieht das ähnlich: „Eltern leisten neben ihren eigenen Rentenbeiträgen einen generativen Beitrag, der das System erhält.“ Er findet, dass die individuellen Renten­ansprüche zu stark an finanzielle Beiträge gekoppelt sind. Er berechnete 2016, dass jedes Kind dem Renten­system im Schnitt knapp 160 000 Euro mehr bringt, als es dieses kosten wird.

    Frauen leisten mehr Fürsorgearbeit als Männer

    Eine der Haupt­ursachen für die nied­rigen Frauenrenten – da sind sich Renten­experten einig – ist die ungleiche Verteilung von bezahlter Erwerbs­arbeit und unbe­zahlter Fürsorgearbeit wie Kinder­erziehung, Pflege von Angehörigen oder auch Haus­arbeit und ehren­amtliches Engagement. Frauen leisten täglich 52 Prozent mehr an Fürsorgearbeit als Männer, so der aktuelle Gleich­stellungs­bericht der Bundes­regierung. Der wirt­schaftliche Gesamt­wert der Fürsorgearbeit über­trifft laut Statistischem Bundes­amt sogar die Summe aller Netto­gehälter. Bei bezahlter Erwerbs­arbeit sieht es anders aus. Während Männer über­wiegend in Voll­zeit beschäftigt sind, arbeitet jede zweite Frau in Teil­zeit – viele davon in Minijobs. Zwei Drittel der sieben Millionen gering­fügig Beschäftigten sind Frauen.

    Gut fürs Land, schlecht für die Rente

    Der Gesell­schaft erweisen Frauen große Dienste, ihrem Renten­konto nicht. Eine ordentliche Rente ist in Deutsch­land stark an ein lang­fristig gutes Einkommen gekoppelt – anders etwa als in Holland oder Schweden, wo dieser Zusammen­hang weniger ins Gewicht fällt. Mit Teil­zeitjobs kommen Frauen deshalb hier nicht weit.

    Ein Beispiel: Eine OP-Schwester aus München, geboren 1964, zwei Kinder, arbeitet bis auf eine Auszeit für Kinder­erziehung von 1992 bis 1998 immer in Voll­zeit. Sie verdient durch­schnitt­lich – 37  873 Euro im Jahr 2018. Geht sie 2031 in Rente, kommt sie insgesamt auf 44 Beitrags­jahre: 38 Jahre Erwerbs­tätig­keit, 6 Jahre Eltern­zeit. Ihre Rente läge nach heutigen Werten bei rund 1  410 Euro. Würde sie dagegen nach der Eltern­zeit bis zum Ruhe­stand nur noch in Teil­zeit mit 50 Prozent arbeiten, käme sie auf rund 880 Euro im Monat – 530 Euro weniger.

    Raus aus der Teil­zeitfalle

    Auch Alena Braun ist ein Paradebei­spiel für das weibliche Rentendilemma. Die 50-Jährige hat drei Kinder und setzt sich seit mehr als zehn Jahren ehren­amtlich für Menschen in emotionalen Krisen ein. Vor zwölf Jahren gab sie ihre Teil­zeitstelle in Köln auf, zog der Beziehung zuliebe nach Potsdam. Seither arbeitet sie von zu Hause für die Verwaltung eines mittel­stän­dischen Unter­nehmens – im Minijob. „Das war optimal, als die Kinder noch kleiner waren“, sagt sie. Ihre jüngste Tochter ist inzwischen acht. Ihre Rente? Rund 500 Euro im Monat, wenn sie bis zum Renten­eintritt weiter so arbeitet wie bisher. Inzwischen hat Brauns Arbeit­geber angeboten, aus ihrem Minijob ein reguläres Arbeits­verhältnis zu machen. Eine Voll­zeitstelle kann sie sich im Moment nicht vorstellen. „Mehr ja, aber nicht voll“, sagt sie.

    Alters­vorsorge Special

    Alena Braun, Verwaltungs­mit­arbeiterin in Potsdam: „Ich kann von zu Hause arbeiten – ein Riesen­vorteil bei drei Kindern. Das ging bisher nur als Minijob. Für die Rente ist das natürlich ein Desaster.“

    Neues Teil­zeitgesetz gilt nicht für alle

    Braun könnte es probieren – und wieder ändern, wenn es nicht klappt. Ab 2019 haben Beschäftigte einen Anspruch, ihre Arbeits­zeit zu reduzieren und später wieder aufzusto­cken (2019: Was sich im neuen Jahr ändert). So verlieren sie Einkommen und Renten­ansprüche einer Voll­zeitstelle nicht dauer­haft. Zwischen einem und fünf Jahren kann die neue Brücken­teil­zeit dauern. Sie ist anders als Eltern- oder Pflege­zeit nicht an bestimmte Anlässe geknüpft. Sie soll es Beschäftigten erleichtern, die Arbeit den Lebens­umständen anzu­passen. Doch nicht alle Frauen werden die neue Teil­zeit nutzen können. Der Anspruch gilt nur für Betriebe mit mehr als 45 Beschäftigten. Unternehmen, die zwischen 46 und 200 Arbeitnehmer haben, müssen nur einem pro 15 Mitarbeitern Brücken­teil­zeit gewähren. Nicht perfekt, nur besser.

    Eigene Absicherung ist wichtig

    Wenn alles nach Plan läuft, werden Kraut­wald und Braun trotz nied­riger Renten abge­sichert sein – über ihre Ehemänner. „Schon irre, dass für so viele Frauen die Absicherung noch über die Männer läuft“, sagt Braun. Und seit der Trennung von ihrem ersten Mann weiß Kraut­wald, dass die sich schnell in Luft auflösen kann. Ein Ehevertrag sorgte dafür, dass keine seiner Renten­ansprüche auf sie über­tragen wurden. Für viele Männer heißt Alters­vorsorge, ihr Einkommen im Ruhe­stand durch cleveres Sparen aufzupeppen. Viele Frauen müssen dagegen zusehen, dass sie später notfalls über­haupt allein ober­halb der Armuts­grenze leben können. Das erfordert erst einmal andere Maßnahmen: Die eigene Situation realistisch einschätzen und und dann klare Absprachen mit Partner und Arbeit­geber treffen (Vier Schritte zu einer besseren Altersvorsorge).

    Tipp: Weitere Informationen zum neuen Rentenpaket finden Sie in unserem Special Gesetzliche Rentenversicherung.

    Ratgeber der Stiftung Warentest

    Alters­vorsorge Special

    Die Einkommens­unterschiede im Berufs­leben haben ihre Folgen auch im Alter, denn wer heute weniger verdient, hat im Alter weniger Rente. Unser Finanzplaner Frauen (160 Seiten, 19,90 Euro) zeigt, wie Sie Ihren finanziellen Spielraum vergrößern und sich eine sichere Basis fürs Alter schaffen. Dazu erhalten Sie Tipps, wie Sie sich für Notfälle oder den Fall einer Trennung absichern – egal, ob Sie verheiratet sind oder ohne Trau­schein mit einem Partner oder einer Part­nerin zusammenleben. Auch Frauen, die beruflich erfolg­reich sind und finanziell gut dastehen, finden Tipps und Anregungen unter anderem dazu, wie sie ihr Geld anlegen, fürs Alter vorsorgen und Steuern sparen können.

    Tipp: Zum Finanz­planer Frauen gibt es auch einen Podcast. Darin geht es unter anderem um Rollenbilder, junge Mütter, zaghafte Angestellte und thailän­dische Investment­banke­rinnen.

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