Alternative Behandlungsverfahren Meldung

Nadeln gegen Schmerzen zahlt die Kasse. Doch die Akupunktur zur Allergiebehandlung müssen Patienten selbst zahlen.

Viele Patienten wollen Naturheilverfahren. Wir haben uns ­angeschaut, wie 24 Krankenkassen ihre Spielräume nutzen.

Bald zahlen wohl alle Krankenkassen für Akupunktur zur Schmerzbehandlung. In Modellvorhaben erproben sie ­derzeit noch ihre Wirksamkeit. Doch in diesem Monat entscheidet sich voraussichtlich, ob die Nadeltechnik künftig in den Leistungskatalog aufgenommen wird.

Die Kassen werden dann für Akupunktur immer zahlen, wenn damit chronische Schmerzen behandelt werden: Kopfschmerzen, Schmerzen der Lendenwirbelsäule und solche bei entzündlichen ­Gelenkerkrankungen

Noch in der ersten Hälfte dieses Jahres könnte die neue Regelung in Kraft treten. Die chinesische Nadeltechnik ist eines der bekanntesten Beispiele dafür, wie ein alternatives Behandlungsverfahren sich im Lauf der Jahre als Ergänzung der Schulmedizin durchgesetzt hat.

Aber auch in Zukunft haben es gesetzlich ­Krankenversicherte schwer, viele andere naturheilkundliche oder alternative Behandlungen von der Kasse bezahlt zu ­bekommen. Dabei wünschen sich das ­viele. Einer repräsentativen Allensbach-Umfrage zufolge würden sich zwei von drei Deutschen am liebsten durch eine Kombination aus Schulmedizin und traditioneller chinesischer Medizin behandeln ­lassen. Dagegen vertrauen nur 18 Prozent allein der Schulmedizin.

Doch die Möglichkeiten sind begrenzt. Die Krankenkassen dürfen das Geld aus den Beiträgen ihrer Mitglieder nicht für unwirksame oder sogar schädliche Behandlungen ausgeben. Was sie bezahlen dürfen, regelt der Gemeinsame Bundesausschuss, ein Gremium aus Ärzte- und Kassenfunktionären.

In der Richtlinie zur Bewertung medizinischer Untersuchungs- und Behandlungsmethoden legt er fest, welche Therapien und Untersuchungen übernommen und welche ausgeschlossen werden. Die Entscheidung hängt vor allem davon ab, ob es genügend wissenschaftliche Nachweise für die Wirksamkeit einer Methode gibt. Erweist sich wie bei der Akupunktur, dass eine Methode oder ein Diagnoseverfahren wirksam ist, kann es in den Leistungskatalog der Kassen aufgenommen werden. Doch auch wirtschaftliche Erwägungen spielen eine Rolle.

Auf der Verbotsliste für die ambulante Behandlung stehen derzeit 42 Verfahren. Ausgeschlossen sind unter anderem ­Elektro-Akupunktur nach Voll, Bioresonanztherapie, Balneo-Foto-Therapie, die Ozon-Therapie, zum Beispiel mit Eigenblut, sowie verschiedene alternative Behandlungsverfahren für Krebspatienten wie die Hyperthermie.

Solange ein Behandlungsverfahren vom Bundesausschuss aber noch nicht ausgeschlossen wurde, können die Kassen die Kosten dafür übernehmen. Diesen Spielraum nutzen sie ganz unterschiedlich – und sie stellen ihre Leistungen auf diesem Gebiet sehr unterschiedlich dar.

Die Barmer Ersatzkasse und die AOK Baden-Württemberg zum Beispiel werben kaum mit alternativen Behandlungsverfahren. Unsere Tabelle zeigt jedoch, dass diese Kassen Kosten für Homöopathie oder anthroposophische Behandlungsverfahren übernehmen.

Securvita vor Gericht

Immer wieder bekommen Krankenkassen, die sich weiter vorwagen als andere, Ärger mit der Aufsichtsbehörde, dem Bundesversicherungsamt in Bonn. Es gibt Streit, weil nicht klar definiert ist, wie viel die Kassen bezahlen und in welcher Weise sie dafür werben dürfen.

Das Bundessozialgericht wies die Aufsichtsbehörde kürzlich in ihre Schranken. Die Richter erlaubten es der Securvita Betriebskrankenkasse ausdrücklich, Kosten für bestimmte anthroposophische Behandlungen zu übernehmen und damit zu werben (siehe Finanztest 10/05: Grünes Licht für Naturheilkunde).

Doch in demselben Urteil schränken die obersten Sozialrichter die Freiheiten der Kassen wieder ein. So fallen homöopathische Behandlungen unter andere Regeln als die anthroposophischen Verfahren.

Streitfall Homöopathie

Rechtlich scheint alles klar zu sein: Geht der Patient zu einem Arzt mit Kassen­zulassung, der auch Homöopath ist, kann er sich von ihm auf Chipkarte homöopathisch behandeln lassen.

Alle Ärzte erhalten nach dem kassenärztlichen Abrechnungsverfahren nur etwa 10 bis 15 Euro für ein Gespräch zur Erhebung der Krankheitsgeschichte und der Symptome. Diese Gespräche dauern in der ­Homöopathie in der Regel aber anderthalb bis zwei Stunden.

Für einen Arzt, der überwiegend homöopathisch arbeitet, ist es wirtschaftlich nicht tragbar, nur ein „normales“ ärztliches Erstgespräch abzurechnen.

Deshalb haben einige Kassen gesonderte Verträge mit Verbänden homöopathischer Ärzte geschlossen, nach denen die ausführlichen Anamnesegespräche deutlich besser bezahlt werden. Die Deutsche BKK zahlt Ärzten zum Beispiel für eine Erstanamnese 90 Euro. Auch die Securvita und einige weitere Krankenkassen zahlen solche speziellen Honorare für die homöopathischen Anamnesen.

Das Bundesversicherungsamt als zuständige Aufsichtsbehörde bezweifelt jedoch die Rechtmäßigkeit dieser Sonderregelungen. Das Amt vertritt die Auffassung, ­Kassen dürften eine Leistung, für die es ­eine reguläre Abrechnungsmöglichkeit gibt, nicht noch einmal extra vergüten.

Doch bislang gelten die Sonderregelungen noch, auch bei der Securvita. Die ­Versicherten dieser Kassen können sie in Anspruch nehmen.

Die homöopathischen Arzneien, die ihnen der Arzt verordnet, bekommen aber auch sie nicht auf Kassenrezept. Denn für Erwachsene bezahlen die Kassen generell keine rezeptfreien Arzneimittel mehr.

Sonderregeln für Schwerkranke

Manchmal bezahlen die Kassen sogar für Therapien, die normalerweise ausgeschlossen sind. Für Schwerkranke, die alle Möglichkeiten der Schulmedizin ausgeschöpft haben, gelten Sonderregeln, ebenso wie für Menschen mit seltenen Erkrankungen, für die es keine allgemein anerkannte schulmedizinische Standardbehandlung gibt.

Doch häufig müssen die Versicherten dafür einen mühseligen Weg durch die Instanzen antreten. In einem aktuellen Fall ging der Streit über zehn Jahre und bis zum Bundesverfassungsgericht. Das hat entschieden: Ein junger Mann, der an einer seltenen, lebensbedrohlichen Muskelerkrankung leidet, muss von seiner Krankenkasse die Bioresonanztherapie bezahlt bekommen (Az. 1 BvR 347/98).

Kurse zur Vorbeugung

Auf einem ganz anderen Weg sind Bewegungskünste aus der traditionellen chinesischen Medizin wie Tai Chi und Qi Gong in die kassenmedizinische Versorgung ­gelangt: Viele Kassen bieten im Rahmen der Prävention ihren Mitgliedern Kurse zu diesen Techniken an.

Manche Kassen veranstalten die Kurse selbst, andere geben ihren Versicherten Zuschüsse, wenn sie Kurse bei fachlich qualifizierten Veranstaltern besuchen.

Bevor jemand die Kasse wegen einer ­Alternativbehandlung wechselt, lohnt sich eine Nachfrage, ob die bisherige Kasse nicht dasselbe Angebot macht. Manche sind über ihren Dachverband Vereinbarungen beigetreten oder haben regionale Verträge, die sie kaum bekannt machen.

Klappt es mit der eigenen Kasse nicht, können Versicherte mit einer Frist von zwei Monaten zum Monatsende ihre Kasse wechseln. Interessenten sollten aber bei der Kasse ihrer Wahl klären, ob die gewünschte Leistung am eigenen Wohnort überhaupt angeboten wird und ob das Angebot befristet ist.

So kulant die Kasse auch sein mag – die Behandlung bei einem Heilpraktiker bezahlt sie in keinem Fall. Nur Ärzte und Therapeuten mit Kassenzulassung sind ­berechtigt, gesetzlich Versicherte auf Kosten der Kasse zu behandeln.

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