Aloe vera Special

Innenleben. Aloe-vera-Blätter enthalten klares Gel. Sein Gesund­heits­nutzen wird aber über­schätzt.

Sie wird auch Wüstenlilie genannt und gilt als wahre Wunder­pflanze, die gesund und schön machen soll. Was kann Aloe vera wirk­lich? Die Gesund­heits­experten der Stifung Warentest haben Studien gesichtet – und kommen zu dem Ergebnis: Nur für wenige Anwendungs­gebiete ist der positive Nutzen wissenschaftlich belegt.

Allheil­mittel Aloe vera?

Aloe vera sei ihre „Freundin fürs Leben“, schreibt Angelheart4 in einem Onlineforum. Dank der Pflanze habe sie weniger Besenreißer, Cellulite, Pickelchen. Vivienne1 berichtet von positiven Effekten für den ganzen Körper: „Migräne weg, Haut suuuper, Verdauung und und und prima.“ Beat­nikrocks nennt Aloe sogar „Allheil­mittel“.

Kosmetika, Joghurts, Kapseln, Säfte

Auch andere begeistern sich für Aloe. Sie findet sich in diversen Produkten, etwa Kosmetika, Joghurts, Kapseln, Säften. Äußerlich wie innerlich soll sie vielerlei bewirken, von der Haut­pflege bis zur Krebs­vorbeugung. Die Verheißungen stehen zwar selten auf der Ware, sie kursieren aber im Internet und in Ratgebern. Doch wird Aloe vera ihrem Ruf als Wunder­pflanze gerecht? Gutachter haben die Studien für uns gesichtet. Das Ergebnis ist durch­wachsen. Positiv fällt die Bilanz nur bei einigen Anwendungen an der Haut aus. Ansonsten aber stößt Doktor Aloe an seine Grenzen.

Natürlicher Wund­kleber

Welt­weit gibt es mehrere Hundert Aloe-Arten. In Kosmetik und Medizin kommt vor allem Aloe vera zum Einsatz, auch Aloe barbadensis oder Wüstenlilie genannt. Ursprüng­lich stammt sie wohl aus arabischen Ländern. Heute wird sie vieler­orts auf Plan­tagen angebaut. Das klare Gel in ihren läng­lichen, seitlich mit Stacheln besetzten Blättern speichert enorm viel Wasser. So über­lebt Aloe vera teils monate­lang ohne Regen. Das Gel tritt zudem bei Verletzungen der Pflanze aus und verschließt sie wie ein natürlicher Wund­kleber.

„Arzt im Blumentopf“

Diese Eigenschaften versuchen Menschen schon lange für sich zu nutzen. Bereits die alt­ägyptischen Schönheiten Nofretete und Kleo­patra sollen ihre Haut mit Aloe vera gepflegt haben. Der makedo­nische König Alexander der Große ließ damit angeblich verwundete Krieger verarzten. Selbst Amerika-Entdecker Columbus soll stets eine Pflanze an Bord gehabt und sie „Arzt im Blumentopf“ genannt haben.

Zwei Rohstoffe aus Aloe

Heute setzt die Schön­heits- und Gesund­heits­industrie vor allem auf zwei Rohstoffe aus der Pflanze.

  • Aloe-Latex, ein gelb­licher Saft aus dem Bereich außen unter der Blatt­rinde, wird gegen Verstopfung einge­setzt. Er enthält spezielle natürliche Pflanzenin­halts­stoffe, die Anthrachinone. Sie können allerdings schaden; schonendere Mittel, beispiels­weise Aloe vera-Abführmittel, sind vorzuziehen.
  • Das Gel im Innern der Blätter gilt als gut verträglich – und ihm werden die vielen wunder­samen Wirkungen zugesprochen. Es besteht zu etwa 99 Prozent aus Wasser. Den Rest machen diverse Zucker aus, aber auch Aminosäuren, Fette, Mineralien, Vitamine. Manche Forscher vermuten, dass die Stoffe im Gesamt­verbund günstig wirken. Andere halten einen Zucker namens Acem­annan für besonders bedeut­sam.

Wunder-Effekte nicht belegt

Aloe-Gel lässt sich auf die Haut auftragen, aber auch schlu­cken. Die Zahl der Unter­suchungen zu seinen Wirkungen ist groß. Meist handelt es sich um Zell- und Tier­versuche. Klinische Studien, die unerläss­lich sind, um den Nutzen beim Menschen zu beweisen, gibt es kaum. „Zudem umfassen sie oft nur wenige Teilnehmer und bergen metho­dische Schwächen“, sagt Judith Günther. Die promovierte Apothekerin ist mitver­antwort­lich für die Arznei­mittel­bewertungen der Stiftung Warentest sowie das aktuelle Aloe-Gutachten.

Kühlend und befeuchtend

Lediglich zur Wundheilung nach Verbrennungen sowie zur Linderung von Entzündungen im Mund gibt es demnach Hinweise auf einen Nutzen von Aloe-Gel. „Auch kühlende und befeuchtende Effekte, etwa in Kosmetika oder nach einem Sonnenbrand, scheinen schlüssig“, so Günther. Wenn es um die Behand­lung von ernst­haften äußeren, aber auch inneren Erkrankungen wie zum Beispiel Krebs geht, sei der Nutzen hingegen nicht ausreichend belegt.

Keine schweren Neben­wirkungen

Immerhin: Das Gel scheint – abge­sehen von seltenen allergischen Reaktionen – keine schweren Neben­wirkungen zu verursachen. Das schrieben US-Toxikologen im Jahr 2016 in einer Über­sichts­arbeit.

Keine klaren Qualitäts­stan­dards

Anbieter­angaben. Wer Aloe-vera-Artikel kauft, sollte auf die Angaben der Anbieter achten – ob sie beispiels­weise Einnahme­hinweise geben und den Herstellungs­prozess erläutern. Vorzuziehen sind Produkte aus „reinem Blattgel“ oder „reinem Blatt­mark“. Extrakte aus dem ganzen Blatt – Eng­lisch: „whole leaf extracts“ – können laut der US-Studie auch die möglicher­weise schädlichen Anthrachinone enthalten.

Gesund­heits­aussagen. Produkte mit Aloe-Gel zum Schlu­cken gelten hier­zulande als Lebens- oder Nahrungs­ergän­zungs­mittel. Solange es die Europäische Lebens­mittel­behörde Efsa nicht explizit erlaubt, dürfen sie nicht mit gesund­heits­bezogenen Aussagen beworben werden. Bei Kosmetika gelten weniger strenge Regeln.

Preise. Die Kosten für Aloe-Produkte schwanken stark. Reine Gele oder Säfte gibt es ab etwa 10 Euro je Liter.

Eigen­herstellung. Manche Nutzer bauen die Pflanze selbst an. Um Gel zu gewinnen, ein Blatt abschneiden und eine Weile senkrecht stellen, damit zunächst der gelbe Saft mit den unerwünschten Anthrachinonen heraus­fließt. Dann die Rinde gut mit dem Messer abtrennen. Übrig bleibt recht festes Gel. Im Kühl­schrank hält es einige Tage. Anwender können es zum Beispiel pur auf die Haut auftragen. Auch ein innerer Einsatz, etwa in Smoothies, ist denk­bar. Aber Vorsicht: Besonders bei der Eigen­herstellung lässt sich nur schwer einschätzen, ob wirk­lich alle schädlichen Anthrachinone entfernt sind. Und ob selbst geerntet oder gekauft: Zugunsten von Aloe in Eigen­regie sollte niemand seine ärzt­liche Therapie vernach­lässigen.

* Hinweis: Wir haben diesen Beitrag am 10. April 2017 aktualisiert. Ältere Nutzer­kommentare beziehen sich auf die Fassung aus dem Jahr 2003.

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