Akupunktur Test

Akupunktur: Der Nutzen bei Schmerzzuständen wurde jetzt nachgewiesen.

Akupunktur kann offizielle Kassenleistung werden, vor allem bei Schmerzen. Ihr Nutzen wurde belegt. Doch es wird noch gestritten – über Studienergebnisse, Methoden und Geld.

Es ist noch gar nicht so lange her, da schien eine der ältesten Heilkünste sogar im Ursprungsland China auf dem Rückzug zu sein. Doch zwei Männer sorgten für die Renaissance der Akupunktur: Mao Tse-tung und – überraschend – Richard Nixon.

Mao, Vorsitzender der Kommunistischen Partei Chinas, wollte mit Volksmedizin Geld sparen. Als Nixon, der 37. US-Präsident, 1972 die Volksre­pu­­blik China besuchte, wurde die chinesische Praxis medizinischen Nadelns durch die Medien verbreitet. Sogar ein Kaiserschnitt fand unter Akupunktur-Anästhesie statt. Die Bilder einer für den US-Präsidenten und seinen Tross inszenierten Akupunktur-Show gingen um die Welt – und weckten im Westen das Interesse der Wissenschaft.

Nadeln wie in China

Akupunktur Test

Heute ist besonders Deutschland zum Eldorado der Akupunkteure geworden. 10 bis 25 Prozent der deutschen Ärzte akupunktieren pro Jahr etwa 1,5 Millionen Patienten. Zwei von drei Deutschen würden sich bei Krankheit am liebsten durch eine Kombination von Schul- und Traditioneller Chinesischer Medizin behandeln lassen, zu der die Akupunktur zählt.

Akupunktur wird meist eingesetzt, um chronische Schmerzen, Arthrosen und Rückenschmerzen zu behandeln. Inzwischen ist sie die am besten untersuchte unkonventionelle medizinische Behandlungsmethode überhaupt. Auch an deutschen Universitäten wird dazu geforscht. Nicht alle Indikationen sind aber wissenschaftlich belegt (siehe Tabelle „Wirksamkeitsnachweis“).

Die Krankenkassen haben Interesse an der Akupunktur, zum Beispiel um neue Mitglieder zu werben. Bisher gehört fernöstliches Nadeln zwar (noch) nicht zum offiziellen Leistungskatalog, doch häufig wird für Akupunktur bereits gezahlt – aus Kulanz- und Marketinggründen. Erlaubt ist, was nicht verboten ist (siehe „Alternative Therapien“).

Domäne chronische Schmerzen

Akupunktur Test

Vertrauen in die chinesische Heilkunst: Pro Jahr lassen sich schon etwa 1,5 Millionen Bundesbürger nadeln.

Welche medizinischen Leistungen die gesetzliche Krankenversicherung übernehmen darf und welche nicht, darüber entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte, Krankenhäuser und Kassen. Das Gremium wollte der unklaren Rechtssituation ein Ende bereiten. Deshalb ließ es zwei große Studien zur Wirksamkeit, Notwendigkeit und Wirtschaftlichkeit der Akupunktur durchführen, an denen sich alle Kassen beteiligt haben. Sie sind nun ausgewertet.

Weil die Modellversuche positive Ergebnisse zeigten, wollen die Kassen Akupunkturbehandlungen jetzt in ihren Leistungskatalog aufnehmen, so eventuell bei Kopfschmerzen oder Schmerzen der Lendenwirbelsäule oder auch bei entzündlichen Gelenkerkrankungen. Die Ergebnisse der Modellversuche entsprechen weitgehend den Aussagen zur Akupunktur im Ratgeber der Stiftung Warentest Die Andere Medizin.

Praktisch ohne Nebenwirkungen

Akupunktur Test

„Akupunktur wirkt – praktisch ohne Nebenwirkungen – fast doppelt so gut wie eine schulmedizinische Behandlung“, sagt Dr. Albrecht Molsberger, Orthopäde in Düsseldorf, der die Gerac-Studie (German Acupuncture Trials) an der Ruhr-Universität Bochum federführend konzipiert hat. „Bei 70 bis 90 Prozent der Betroffenen stellte sich unter Akupunktur eine Verbesserung ein, die sechs Monate anhielt“, erläutert Professor Stefan N. Willich, Epidemiologe an der Charité, Leiter eines Modellvorhabens unter Federführung der Techniker Krankenkasse (TK).

Wirksam, aber teuer

Akupunktur Test

Die TK-Studie, an der sich noch andere Kassen beteiligten, und die Gerac-Studie, unter anderem durch AOK, BKK und IKK finanziert, sind die weltweit größten kontrollierten Akupunkturstudien. Forscher verglichen Akupunktur mit in der Schulmedizin üblichen Methoden. In der Gerac-Studie wurden je 1 000 Patienten mit chronischen Rückenschmerzen, Schmerzen bei Kniearthrose, Kopfschmerzen und Migräne entweder mit Akupunktur behandelt oder mit einer Kombination von Medikamenten, Massagen und Krankengymnastik. In der TK-Studie wurden je 300 Patienten mit Knie-, Rücken- oder Kopfschmerzen akupunktiert oder sie erhielten Schmerzmittel. In einer Begleitstudie nahmen 300 000 Patienten mit Heuschnupfen, Asthma und Menstruationsschmerzen teil.

Die Effekte waren vielfach positiv, Nebenwirkungen wie Blutungen, Blutergüsse, Hautrötungen oder Nervenreizungen und Müdigkeit (eine „klassische“ Nebenwirkung) selten. Allerdings: Studienleiter rechnen nicht mit Einsparungen, sondern mit Zusatzkosten – die TK-Studie kommt auf etwa 360 Euro zusätzlich pro Akupunktur-Patient. „Das ist aber im Verhältnis zum Nutzen gerechtfertigt“, sagt Professor Willich von der Charité.

Die Entscheidung, ob Akupunktur in den Leistungskatalog kommt, soll in wenigen Wochen fallen. Das Ergebnis gilt als offen: Die Kassenärztliche Bundesvereinigung sieht den Nutzen nicht als eindeutig belegt an. Akupunktur hätte keine besseren Ergebnisse erbracht als die Scheinakupunktur (siehe nächster Abschnitt). Im Hintergrund steht auch die Sorge, dass bei gedeckelten Budgets Akupunktur auf Kosten anderer Leistungen Geld abzieht. Selbst Akupunkteure fürchten Einkommens- und Qualitätseinbußen, denn fürs Nadeln als Kassenleistung wird weniger bezahlt werden als jetzt. Die Kassen sind für die Akupunktur – sie hoffen auf neue Mitglieder.

Heute zahlen die meisten Krankenkassen 25 Euro pro Akupunktursitzung. Der Akupunkturarzt nimmt pro Sitzung in der Regel zwischen 25 und 45 Euro. Die Differenz muss der Patient selbst bezahlen. Die Behandlungsdauer kann sich dabei auf viele Sitzungen erstrecken.

Scheinakupunktur hilft auch

Akupunktur Test

Die Studienergebnisse lassen Spielraum für Einwände. Ein wesentliches Ergebnis besagt zum Beispiel, dass die Schein(Sham-)akupunktur meist so gut hilft wie Nadeln nach allen Regeln traditioneller chinesischer Kunst. Bei der Scheinakupunktur werden Nadeln an falschen Punkten und nicht so tief gestochen. Der Vergleich mit einer Scheinakupunktur – der Patient weiß nicht, ob er „korrekt“ genadelt wird – soll zeigen, ob Akupunktur von der Erwartungshaltung des Patienten abhängt (Placeboeffekt).

Für die Akupunkturgesellschaften ist das Ergebnis unbefriedigend. Es stellt sich die Frage, ob eine längere Spezialaus­bildung überhaupt notwendig ist. Von einem „gigantischen Suggestionseffekt“ sprechen Kritiker und davon, dass allein die intensive Beschäftigung des Akupunkteurs mit dem Patienten, das Zufügen eines leichten Schmerzes zumal, eine positive Wirkung auslösen könne.

Bringt Präzision doch mehr?

Akupunktur Test

Dass Präzision effektiver ist, legt eine Teilstudie der Techniker Krankenkasse mit knapp 300 Kniepatienten nahe: Traditionell Akupunktierte hatten deutlich weniger Schmerzen, konnten das Knie besser bewegen als die Scheinakupunktierten. „Auch bei anderen Indikationen schneidet die klassische Akupunktur tendenziell besser ab. Der Unterschied ist nur nicht signifikant“, so Dr. Molsberger. Warum aber fällt die Differenz nicht deutlicher aus? Der Vorsitzende der Deutschen Akupunktur Gesellschaft, Dr. Gabriel Stux, kritisiert das Studiendesign. Wie in der Pharmaforschung sollte der Effekt einer Zuckerpille übertroffen werden. Die Wirkung der Scheinakupunktur sei aber immer mehr als Placebo: „Jeder Punkt bewegt Lebensenergie.“

Hirnströme als Nachweis

Dr. Stux kritisiert auch die nicht optimale Durchführung der klassischen Methode – sonst wäre das Ergebnis vielleicht deutlicher positiv für die Akupunktur ausgefallen. Moxibustion (siehe „Akupunktur-Methoden“) oder Elektrostimulation der Nadeln waren nicht erlaubt. „Wir haben Akupunktur nicht völlig nach traditionellen Regeln anwenden können, waren aber so nah dran wie kaum eine andere Studie“, berichtet Dr. Molsberger. Wissenschaftler aus Jena haben inzwischen eine eigene Methode gefunden, einen Placebo-Effekt auszuschließen: Sie stellten anhand von Hirnströmen fest, dass Akupunktur auch unter Narkose wirkt. Der Test bezieht sich allerdings nur auf den akuten Schmerz. Andere Studien fanden mit bildgebenden Verfahren her­aus, dass unter klassischer Akupunktur andere Hirnbereiche aktiviert werden als unter Scheinakupunktur. Dies ist allerdings ein Hinweis, noch kein Nachweis.

Ist alles vielleicht eine Frage des Könnens? Viele in der Gerac-Studie tätigen Ärzte haben nur eine Ausbildung von 140 Stunden absolviert. Etliche Experten pochen auf 350 Stunden – und wären nicht traurig, wenn Akupunktur keine Kassenleistung würde. Sie befürchten, dass die chinesische Akupunktur zur „westlichen Rezept- und Kassenakupunktur“ verkommen könne.

Tipp: Erkundigen Sie sich bei Ihrer Kasse über den aktuellen Stand der Erstattung (siehe auch "Adressen"). Über die Entscheidung des Bundesausschusses zur Akupunktur werden wir berichten.

Dieser Artikel ist hilfreich. 2381 Nutzer finden das hilfreich.