Aktienfonds Osteuropa: Osteuropa endet in Sibirien

Aktienfonds Europa Test

Aktienfonds Osteuropa laufen seit Jahren erfolgreich. Sie ­investieren überwiegend in Russland, Polen, Tschechien, ­Ungarn und der Türkei. Wir stellen die Spitzenreiter vor.

Europa findet ohne den Osten statt, ­jedenfalls in den meisten Aktienfonds, die Europa im Namen führen. Aber wenn die Finanzleute dann mal im Osten sind, kennen sie gar keine Grenze mehr.

Türkei? Das Land gehört nicht zur EU, aber zu den Kandidaten. Russland? Außer dem vergleichsweise kleinen Gebiet bis zum Ural hat das riesige Reich nichts mit Europa zu tun. In den Aktienfonds Osteuropa sieht das ganz anders aus. Dort ist Russland meist das Schwergewicht. Auch türkische Firmen sind stark vertreten.

„Russland ist schon deshalb am stärksten gewichtet, weil es der mit Abstand größte und liquideste Markt ist“, sagt Gregor Holek von der österreichischen Fondsgesellschaft Raiffeisen Capital Management. Liquide heißt, dass die Papiere rege gehandelt werden und hohe Umsätze die Kurse nicht ausbrechen oder abstürzen lassen.

Holek managt mit seinen Kollegen Zoltan Koch und Angelika Millendorfer den Raiffeisen-Osteuropa-Aktien, einen der ­ältesten Fonds aus unserem Test (siehe Tabelle). Er ist seit 1994 auf dem Markt.

Die Österreicher waren überhaupt mit die Ersten im Osten: Der Espa Stock Europe-Emerging der Ersten Sparinvest ging 1990 an den Start.

30 Prozent pro Jahr

Der Espa-Fonds hat in den vergangenen fünf Jahren 30,5 Prozent Plus gemacht – pro Jahr. Der Spitzenreiter in unserem Test, der MLIIF Emerging Europe von Black Rock, hat im Schnitt sogar um 31 Prozent pro Jahr zugelegt. Selbst der schlechteste Fonds in dieser Gruppe kommt noch auf ein jährliches Plus von 20,1 Prozent.

Angesichts dieser Wertentwicklung erstaunt nicht, dass es in Osteuropa nun ­regelrechte Weltkonzerne gibt – die russische Firma Gazprom zum Beispiel. Sie gilt als das weltgrößte Gasförderunternehmen.

Im Marktindex MSCI Osteuropa liegt Gazprom mit großem Abstand auf Platz eins. Sein Börsenwert beläuft sich auf 77,5 Milliarden Euro. Allerdings hält der Staat einen hohen Anteil, weshalb viele Aktien gar nicht im Handel sind (siehe Porträt).

Gazprom ist in vielen Fonds unter den Top-Ten-Aktien zu finden, ebenso die russischen Firmen Lukoil und Sberbank. Die Sberbank ist gemessen an der Marktkapitalisierung übrigens genauso viel wert wie die Deutsche Bank.

Da stellt sich die Frage, wie lange diese Entwicklung weitergeht. Einzelne Märkte sind schon hoch bewertet, heißt es. Die Fondsmanager von Raiffeisen haben zum Beispiel Polen untergewichtet. „Aber es kommt immer auf die einzelne Firma an“, sagt Zoltan Koch. In Ungarn setzt der Fonds etwa auf den Ölkonzern MOL, in Tschechien auf den Energieversorger CEZ.

Fonds, die nur osteuropäische und gar keine russischen Aktien halten, wie der DWS Europe Convergence Equities, haben im vergangenen Jahr nicht ganz so gut abgeschnitten.

In Russland erwarten die Manager weiterhin ein starkes Wirtschaftswachstum. Ein Grund für die Kurszuwächse war der enorme Anstieg des Ölpreises. Aber: „Russland verdient so viel Geld, auch wenn der Ölpreis niedriger ist, dass es jede Menge davon ausgeben kann, um zum Beispiel Eisenbahnen und Autobahnen zu bauen“, sagt Gregor Holek. Davon wiederum profitieren Stahl- und Baukonzerne.

Großaktionär Russland

Russland verdient überall mit, weil der Staat an fast allen Konzernen in Schlüsselindustrien beteiligt ist, wie zum Beispiel im Rohstoff- und dem Finanzsektor. Das sorgt für gesunde Finanzen und eine hohe Nachfrage seitens des Staates. Aber es sichert diesem auch einen enormen Einfluss.

Ob die Informationen, die sie von den russischen Firmen bekommen, immer glaubwürdig seien, wollten wir von den Merrill-Lynch-Managern Alain Bourrier und Plamen Monovski wissen. Doch ­darauf mochten sie nicht antworten. In diesen Märkten ist offensichtlich großes Fingerspitzengefühl gefordert.

Gutes Gespür braucht man auch in der Türkei, dem osteuropäischen Markt mit den größten Möglichkeiten – aber aus anderem Grund. „Die Türkei ist mit Abstand der billigste Markt“, sagt Holek, „aber auch der volatilste.“ Die Kurse schwanken stark. Das heißt aber nicht, dass der Markt nur Platz für Hasardeure bietet. „Doch man braucht eine klare Meinung“, sagt Holek, „sonst fährt der Markt Schlitten mit einem.“ Ein klares Ja sagt er zum Beispiel zur türkischen Sabanci Holding, die Beteiligungen an anderen Unternehmen hält. Eine Bank ist dabei, ein Supermarkt, ein Auto- und ein Reifenhersteller.

Eine berühmte amerikanische Firma, die ähnliche Beteiligungsgeschäfte betreibt, ist übrigens Berkshire Hathaway, die der Wall-Street-Legende Warren Buffet gehört. Wer weiß, vielleicht wird aus Sabanci eine ähnliche Erfolgsgeschichte.

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