Aktienfonds Europa Test

Schulden, Spar­zwang, Rezession, der Euro womöglich vor dem Aus. Soll man da noch europäische Aktien kaufen? Ja, denn der alte Kontinent ist längst nicht abge­meldet.

Boris Schakowski managt den UniDynamik Global, einen Welt­aktienfonds, und investiert zurzeit verstärkt in europäische Aktien. „Auf den ersten Blick könnte man sich fragen, wie kann er nur?“, spottet er. „Auf den zweiten Blick erkennt man einige gute Gründe, die für europäische Aktien sprechen.“

Das sehen einige unserer Leser anders. Ihnen ist die aktuelle Lage alles andere als geheuer. Sie wollen wissen, warum wir Aktienfonds Europa trotz Eurokrise weiter als Basis für ein breit gestreutes Depot empfehlen.

Der erste Eindruck spricht nicht für die Europäer: Während der Zuspit­zung der Krise von März bis Juni 2012 hat der deutsche Aktien­index Dax 17 Prozent verloren. Italiens Börse sackte um 26 Prozent ab und der spanische Leit­index Ibex 35 hat seit seinem Jahres­hoch Anfang Februar zwischen­zeitlich sogar 32 Prozent einge­büßt.

Zum Vergleich: Der amerikanische Dow Jones rutschte nur knapp einstel­lig ins Minus: 9 Prozent.

In der Zwei­jahres­bilanz – im Mai 2010 flossen die ersten Rettungs­milliarden nach Athen – liegen die Amerikaner noch deutlicher vorn. Plus 27 Prozent verzeichnete der Dow Jones, minus 13 Prozent der Euro Stoxx 50, der die größten Unternehmen der Eurozone umfasst.

Aktienfonds Europa Test

Europäische Aktien gut und günstig

Boris Schakowski bleibt dennoch cool: „Europäische Aktien sind viel billiger als die amerikanischen, sie sind teil­weise 30, 40, 50 Prozent unterbe­wertet.“ Um die gleiche Qualität zu bekommen, müssen Anleger für eine Aktie aus Europa bis zur Hälfte weniger bezahlen als für eine amerikanische.

US-Aktien kosteten immer mehr als europäische, „das ist normal“, sagt Schakowski. „Aber zurzeit ist der Unterschied immens.“

Gleiche Qualität, das heißt: ähnliche Gewinn- und Wachs­tums­aussichten. Und da können europäische Unternehmen mit den amerikanischen durch­aus mithalten. Trotz des Schulden­schlamassels.

„Wenn die Eurokrise abge­arbeitet ist, dann rücken die Schulden der USA wieder in den Fokus“, warnt Schakowski. Hinzu kommt: Die großen Unternehmen eines Landes sind nicht völlig von ihrem Heimatmarkt abhängig, im Gegen­teil. Den meisten Umsatz machen sie im Ausland. Da tritt die Konjunktur zu Hause in den Hintergrund.

Thorsten Winkelmann investiert daher auch in Portugal, Italien und Spanien. „Egal, wo das Unternehmen herkommt – wichtig ist, wo macht es seine Umsätze?“, sagt der Manager des Allianz RCM Europe Equity Growth (siehe Porträt).

Winkelmann gefällt zum Beispiel Inditex aus Spanien, offiziell Industria de Diseño Textil. Der Konzern betreibt die Modekette Zara und eröffnet welt­weit neue Läden. Die Aktie hat seit Jahres­beginn gegen den Trend des spanischen Indexes Ibex 35 zugelegt. Der Kurs ist rund 29 Prozent gestiegen. Nur der IT-Dienst­leister Amadeus und der Pharma­konzern Grifols haben an der „Bolsa de Madrid“ noch stärker gezündet.

Haupt­sache globale Unternehmen

Aktienfonds Europa Test

Die Aktienfonds Europa aus unserem Test.

Der Allianz RCM Europe Equity Growth ist einer von neun empfehlens­werten effizienten Aktienfonds Europa aus unserem Test (siehe Grafik) und sein Manager ist nicht der einzige, der sich von der Krise nicht aus der Ruhe bringen lässt.

Uner­schro­cken in Südeuropa unterwegs ist auch Henrik Husted Knudsen, Manager des Danske Europe Focus. In seinem Fonds ist der portugiesische Lebens­mittel­händler Jerónimo Martins mit 4,5 Prozent viert­größter Titel. Jerónimo Martins betreibt die Supermärkte Pingo Doce und ist in Polen mit der Kette Biedronka verbreitet. Unter den Top Ten finden sich zudem drei spanische Firmen: Grifols, Inditex und Distribuidora Internacional de Alimentación, ebenfalls ein Einzel­handels­konzern. Insgesamt ist Spanien mit 12,4 Prozent vertreten.

Italienische Unternehmen finden sich in den Fonds hingegen seltener. Eine der Ausnahmen ist der Energiekonzern Eni, der im BL Equities Europe zu den Top Ten zählt.

Mike Clements, Manager des Frank­lin European Growth, hat die Firma Prysmian für sich entdeckt, einen Hightech-Kabel-Hersteller mit Sitz in Mailand. Prysmian ist ein wahrer Global Player, mit Nieder­lassungen in 50 Ländern aller Kontinente.

Global, das ist das Zauber­wort vieler Fonds­manager, wenn sie über die Auswahl ihrer Aktien sprechen. Den meisten ist die konjunkturelle Lage des Landes einerlei. Haupt­sache, die Firmen sind welt­weit aufgestellt, verdienen gut, auch in schlechten Zeiten, und sind günstig bewertet.

„Es lohnt sich, in Europa zu investieren, wenn man gezielt nach Einzel­titeln sucht“, lautet das Fazit der Manager von Comgest (siehe Porträt).

Manager schlagen Markt deutlich

Ein Blick auf die Renditen der besten Fonds gibt den Managern recht. Die neun effizienten aktiv gemanagten Fonds liegen im Plus, während der Referenzfonds der Gruppe, der iShares Stoxx Europe 600, seit Ende 2006 pro Jahr 4,3 Prozent verloren hat. Er gilt als Maßstab für die anderen Fonds.

Der Allianz RCM Europe Equity Plus hat mit 5,2 Prozent jähr­licher Rendite das beste Ergebnis erzielt und den Referenzfonds deutlich geschlagen. Der Fonds Comgest Growth Europe liegt bei 2,7 Prozent pro Jahr, der ebenfalls von Comgest gemanagte Spängler Quality Growth Europe bei jähr­lich 3,3 Prozent.

Mit Welt­aktienfonds, die vielen Anlegern angesichts der Krise attraktiver erscheinen, gab es auch nicht mehr: 5,1 Prozent pro Jahr hat der Carmignac Investissement geschafft, der rentabelste der aktiv gemanagten Welt­aktienfonds.

Vergleicht man hingegen nicht die Fonds, sondern nur die beiden Märkte, dann liegen die europäischen Aktien im Hintertreffen. Während der MSCI Europe seit Ende 2006 ein Minus von 4 Prozent pro Jahr gemacht hat, stehen beim MSCI World Index minus 0,3 Prozent zu Buche. Mit anderen Worten: Wer auf Europa setzt, sollte aktiv gemanagte Fonds ins Auge fassen.

Indexfonds starr und finanzlastig

Der Nachteil von Indexfonds ist die unflexible Zusammenset­zung der Indizes. Anders als bei gemanagten Fonds hält hier niemand Ausschau nach den besten Unternehmen eines Landes. In die Auswahl kommen alle, auch die, die zum Beispiel wegen einer Krise zeit­weise nicht gut laufen.

Auch der Anteil der Branchen ist vorgegeben. Beispiels­weise fällt im MSCI Europe die Finanz­branche mit 18 Prozent ins Gewicht. Im Stoxx Europe 600 machen Banken 11 und Versicherungen 5 Prozent aus. Die Fonds­manager von Comgest meiden Banken indessen, weil sie „auf lange Sicht schlechte Renditen bieten und eine zu hohe Volatilität“ aufweisen.

Aber, ganz klar, es ist ein Risiko dabei: Wer ein aktives Management sucht, kann auch ein schlechtes erwischen. Von 499 aktiv gemanagten Fonds sind 45 empfehlens­wert, zahlreiche weitere erzielten seit Ende 2006 eine bessere Wert­entwick­lung als der Referenzfonds – aber die Mehr­zahl war schlechter.

Aktien gerade wegen der Krise

Aktienfonds Europa Test

Die nationalen Aktienmärkte im Vergleich.

Im Vergleich mit Welt­fonds sind Europafonds über unseren fünf­jährigen Unter­suchungs­zeitraum ein wenig riskanter. Das zeigt sich in den Fond­stabellen unseres Produktfinders Fonds und ETF im Test zum Beispiel am maximalen Verlust. Das ist der Verlust, den ein Anleger erlitten hätte, wenn er zum höchsten Preis in den Fonds ein- und zum schlechtesten wieder ausgestiegen wäre.

Der Comgest Growth Europe hat seit Ende 2006 im schlimmsten Fall 37 Prozent verloren. Er ist der risikoärmste Aktienfonds Europa. Der risikoärmste Welt­fonds hat im schlimmsten Fall 26 Prozent einge­büßt. Die meisten Europafonds liegen mit ihrem maximalen Verlust um die 50 Prozent, die Welt­fonds ein wenig darunter.

Verluste von 50 Prozent – auch wenn sie wirk­lich nur den schlimmsten Fall darstellen, halten viele Anleger davon ab, über­haupt noch in Aktien zu investieren. Gerade in der Krise suchen sie vor allem eines: Sicherheit.

„Man muss sich klarmachen, was eine Anlage in Anleihen oder bei der Bank eigentlich bedeutet“, gibt jedoch Thorsten Winkelmann zu bedenken. „Die Zinsen sind nied­rig, das wird auch erst einmal so bleiben, das heißt, nach Abzug der Inflation ist das ein Negativ­geschäft.“ Er findet, dass man gerade in dieser Situation Sach­werte braucht, Immobilien oder eben Aktien.

Allein schon die Dividendenzah­lungen schlagen jeden Zins­ertrag – auch wenn der Vergleich etwas hinkt. Die Dividendenrendite im Stoxx Europe 600 beträgt zurzeit 3,8 Prozent und spricht nach Ansicht einiger Fonds­manager ebenfalls für Aktienfonds Europa.

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