Aktienanleihen sind besser als ihr Image. Wenn am Aktienmarkt nichts los ist, kann man mit ihnen gutes Geld verdienen.

Das Risiko ist groß, die Gewinnchancen begrenzt und die hohen Zinsen belasten den Sparerfreibetrag. Kurz: Aktienanleihen vereinigen die schlechten Seiten von Aktien mit den Nachteilen von Anleihen. Trotzdem können sie sich lohnen: Nämlich dann, wenn die Börse längere Zeit stagniert und man weder mit Aktien noch mit Anleihen Geld verdienen kann ­ was freilich selten der Fall ist. Aktienanleihen finden dennoch reißenden Absatz. Die Anleger sind vor allem auf den lukrativen Kupon aus, bestehend aus Zins und Prämie, und bedenken die Risiken nicht.

Aktienanleihen funktionieren ähnlich wie ein festverzinsliches Wertpapier ­ mit dem Unterschied, dass der Emittent nicht den Nennwert zurückzahlen muss wie bei Anleihen üblich, sondern statt Geld eine vorher vereinbarte Menge Aktien liefern kann.

Abgefederter Verlust

Die Bayerische Landesbank hat zum Beispiel eine Anleihe auf DaimlerChrysler ausgegeben, die sie mit 10 Prozent verzinst (WKN 213 661). Das Anleihevolumen von 100 Millionen Euro ist gestückelt: Die Mindestanlage beträgt 1.000 Euro. Am 18. September 2000, vier Tage vor Fälligkeit, wird sich die Bayern LB überlegen, ob sie den Investoren den Nominalbetrag zurückzahlt oder pro 1.000 Euro 14 DaimlerChrysler-Aktien in das Depot des Anlegers bucht.

Bei einem Kurs von 71,43 Euro käme das für den Anleger auf das Gleiche heraus. Doch bei diesem oder einem höheren Kurs zieht die Bank die Bartilgung vor. Sie liefert DaimlerChrysler-Papiere nur dann, wenn sie unter 71,43 Euro notieren.

Aktienanleihen verhalten sich nicht wie andere Anleihen. Skeptiker behaupten daher, in einem Depot festverzinslicher Wertpapiere nähmen sie sich aus wie Wölfe in einer Herde Schafe ­ nicht zu Unrecht: Im schlimmsten Fall frisst die Anleihe das gesamte eingesetzte Kapital auf. Doch auch das kommt nicht oft, sondern bloß dann vor, wenn die Aktiengesellschaft Pleite geht. Dem Anleger würden die Zinsen bleiben, die freilich kaum über den Verlust hinwegtrösten könnten.

Die Skeptiker übersehen, dass man mit Aktienanleihen durchaus Anlageerfolge erzielen kann ­ nämlich dann, wenn die Zinsen niedrig sind und die Aktien stagnieren, leicht steigen oder wenig fallen.

Gedeckelter Gewinn

Bleiben wir beim Beispiel Bayern LB: Am Ausgabetag der Anleihe kosteten die DaimlerChrysler-Aktien 73 Euro. Die Differenz zum Basispreis von 71,43 Euro dient als Sicherheitspolster. Bis dahin, also rund 2 Prozent, kann die Aktie fallen, ohne dass der Anleger Geld einbüßt. Solange sich der Preis der Aktie in einem Korridor von 10 Prozent nach oben (80,30 Euro) und knapp 2 Prozent nach unten (71,43 Euro) bewegt, beträgt die Rendite der Anleihe 10 Prozent.

Liegt der DaimlerChrysler-Kurs am Stichtag unter dem Basispreis von 71,43 Euro, wird ausgeübt. Das heißt, die Bayern LB zahlt kein Geld zurück, sondern tilgt die Anleiheschuld in Aktien. Fällt der Kurs an diesem Tag um 9 Prozent auf 66,43 Euro, bleiben dem Anleihegläubiger aus dem Kupon von 10 Prozent und dem Polster von 2 Prozent noch 3 Prozent übrig.

Bei einem Kurssturz um 17 Prozent auf 60,72 Euro verliert der Anleger 5 Prozent des investierten Betrags. Steigen die DaimlerChrysler-Aktien um mehr als 10 Prozent, also über 80,30 Euro, entgeht ihm Gewinn, weil er keine Aktien, sondern den Nennbetrag der Anleihe erhält. Seine Rendite ist höchstens so hoch wie der Kupon.

Wer daher fürchtet, dass DaimlerChrysler fallen könnte, lässt von den Aktienanleihen wie auch von den Aktien am besten die Finger. Wer erwartet, dass die Aktien stark steigen, deckt sich direkt mit Aktien ein. Auch in diesem Fall sind Aktienanleihen nicht die geeignete Anlage. Sie taugen nur für den, der davon ausgeht, dass DaimlerChrysler sich seitwärts bewegt.

An Stagnation verdienen

Bislang hat man in Zeiten von Stagnation an den Aktienmärkten kein Geld verdienen können, es sei denn mit Derivaten. "Jetzt ist eine neue Spielart hinzugekommen", sagt Thomas Timmermann von der Commerzbank. Neu ist an der Spielart allerdings nur der Name. Die Aktienanleihen, auch Reverse Convertibles, Equity Linked Notes und Cash-or-Share-Bonds genannt, gab es schon vor Jahren. Damals hießen die mit Aktien verknüpften Anleihen noch Koppelanleihen.

Hoher Kupon, großes Risiko

Auch das Prinzip ist altbekannt. Aktienanleihen funktionieren nach dem Muster von verkauften Optionen, den einzigen Instrumenten, mit denen man in flauen Zeiten Geld verdienen kann. Bei der Aktienanleihe bringt der Put die Rendite. Der Anleger als Gläubiger der Anleihe verkauft dem Anleiheschuldner das Recht, sich auszusuchen, wie er die Schuld tilgen will ­ sei es in Geld, sei es in Aktien. Als Gegenleistung erhält er eine Prämie. Je stärker die zugrunde gelegten Aktien schwanken, desto riskanter ist das Geschäft und umso höher ist die Prämie.

DaimlerChrysler-Aktien schwanken weniger als die von T-Online. Deshalb gewährt die Bayern LB für ihre DaimlerChrysler-Anleihe einen geringeren Kupon als die Commerzbank für ihren T-Online-Reverse-Convertible (WKN 243932): Bei einer Laufzeit von 15 Monaten, einem Kupon von 20 Prozent pro Jahr und einem Anlagebetrag von 1.000 Euro erhält der Investor insgesamt 250,41 Euro. Nur 62,60 Euro beträgt der Zinsanteil; 187,81 Euro bekommt der Anleger als Prämie dafür, dass er der Commerzbank das Recht einräumt, ihm am Fälligkeitstag Aktien anzudienen.

Eine noch höhere Prämie bezahlt die Société Générale für den Cash-or-Share auf Jafco (WKN 450 483). Von den 30 Prozent des Kupons entfällt etwa ein Zehntel auf die Zinsen. Der Rest ist der Preis für das Risiko, das die privaten Anleger eingehen.

Sie sollten sich die Entscheidung daher gut überlegen. Sind sie vom langfristigen Erfolg der weitgehend unbekannten japanischen Beteiligungsgesellschaft überzeugt, können sie, wenn sie nicht gleich direkt in die Aktien investieren wollen, getrost Aktienanleihen erstehen. Wer den Wert dagegen nicht kennt und demzufolge keine Aktien kaufen will, sieht auch von der Aktienanleihe besser ab.

Beratung tut Not

Umstritten ist, wie gut ein Anleger sich an der Börse auskennen muss, um Aktienanleihen zu kaufen. Schließlich nimmt er mit seinem verkauften Put die Stillhalterposition ein, die ausschließlich aus dem Optionsgeschäft bekannt ist. "Aus unserer Sicht ist deshalb die Termingeschäftsfähigkeit unbedingt erforderlich", sagt Thomas Sickenberg von der Bayern LB. "Schließlich setzt der Anleger seinen Einsatz aufs Spiel."

Bei der Commerzbank ist man anderer Ansicht. "Was nützt die Termingeschäftsfähigkeit", fragt sich Thomas Timmermann, "wenn der Anlageberater nicht gesagt hat, dass man mit Aktienanleihen Geld verlieren kann." In diesem Fall zieht die Beraterhaftung, die juristisch gesehen nichts mit der Termingeschäftsfähigkeit zu tun hat. Anleger, die sich falsch beraten fühlen, können Schadenersatz von der Bank verlangen.

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