Gleich ob Bergsteiger oder Aktionär ­ wer hoch hinaus will, muss sich gut rüsten, um nicht abzustürzen.

Unter ihr ist nichts. Gähnender Abgrund, einige Hundert Meter: nichts. Ihre Finger krallen sich in den Fels. Ihr linker Fuß tastet nach Halt. Mit dem rechten rutscht sie. Wenn sie jetzt abstürzt, kann niemand mehr etwas für sie tun. Sie heißt Nina, ist 19 Jahre jung, durchtrainiert und durchaus talentiert. Aber möglicherweise hat sie sich zu viel zugetraut. Hätte sie sich bloß abgesichert, geht es ihr durch den Kopf. Wieso hat sie sich darauf eingelassen, ohne Seil loszugehen?

Dasselbe fragen sich Tausende Aktionäre in Deutschland, die sich im Frühjahr mit Aktien vom Neuen Markt eingedeckt und sich darauf verlassen haben, dass die Dynamik dort nie endet. Mit "New Economy" bezeichneten die Anleger die Auflösung des Prinzips, dass auf gute Zeiten schlechte folgen. Doch die Schwerkraft hat Bestand ­ am Aktienmarkt nicht anders als am Berg. Nun werden Wunden geleckt. Einige haben sich das Bein gebrochen, andere einen Arm. Wer den alten Ökonomien vertraut hat, hat ein paar Abschürfungen davongetragen. Auch die Bluechips des deutschen Aktienindexes Dax haben eingebüßt. Trotz allem kein Grund, auf Aktien künftig ganz zu verzichten. Die Frage, die sich viele stellen, ist: "Was können wir tun, dass uns das nicht wieder passiert?"

Stop-Loss-Order

Was für den Bergsteiger das Seil, ist für den Aktionär die Stop-Loss-Order. Stop Loss, deutsch: Verlustbegrenzung, kann den Absturz der Aktie zwar nicht verhindern, aber abfedern ­ vorausgesetzt, der Aktionär hat die Marke richtig gesetzt.

Angenommen, ein Anleger will Aktien von Siemens kaufen, die aktuell zum Preis von 143 Euro gehandelt werden. Siemens hat sich im Vergleich zum Dax im vergangenen Jahr gut entwickelt. Ein Kursrückgang ist dennoch nicht ausgeschlossen. Der Anleger ist bereit, Verluste bis zum Kurs von 110 Euro mitzutragen. Das war der tiefste Stand von Siemens in den vergangenen zwölf Monaten. Deshalb setzt er das Stop-Loss-Limit bei 110 Euro. Solange die Aktien von Siemens mehr als 110 Euro kosten, geschieht nichts. In dem Moment, in dem sie auf 110 Euro fallen, verwandelt sich die Stop-Loss-Order in einen Verkaufsauftrag. Die Aktien werden zum nächsten Kurs verkauft.

Dieser Folgekurs liegt in der Regel unter dem Stop-Kurs. Im Fall von Siemens vielleicht bei 109,85 Euro. Das heißt, die Aktien werden zum Preis von 109,85 Euro verkauft. Trifft die Korrektur den gesamten Markt, wie es beispielsweise bei einem Börsencrash vorkommen kann, liegt der Folgepreis möglicherweise bereits bei 89 Euro. In einem solchen Fall rettet auch die Stop-Loss-Order nicht mehr vor Verlusten. Manchmal folgt dem Stop-Kurs allerdings kein niedrigerer, sondern ein höherer Preis. Die Stop-Loss-Order gilt dennoch: Selbst wenn der Kurs von Siemens sofort wieder auf 112 Euro steigt, werden die Aktien verkauft.

Das Beispiel zeigt: Die Stop-Marke will gut überlegt sein. Anleger können sich an die Faustregel halten, die Stop-Marke 10 bis 20 Prozent unter dem Einstandspreis anzusiedeln. Je volatiler der Wert, also je mehr der Aktienkurs schwankt, desto größer muss der Abstand sein. Wer ein großes Sicherheitsbedürfnis hat, wird enge Stop-Marken vorziehen, kauft dann allerdings auch keine stark schwankenden Aktien.

Auch am Berg gilt: Je länger das Seil, desto tiefer der Fall. Wäre Nina ängstlich, würde sie ein Seil, und zwar ein kurzes, benutzen und sich alle paar Meter aufs neue einhaken und absichern. So ist es auch mit den Stop-Loss-Aufträgen. Steigt die Aktie, passt der sicherheitsorientierte Anleger seine Order regelmäßig an.

Wem Faustregeln wie die 10-bis-20-Prozent-Methode nicht genau genug sind, der kann es wie die Profis halten und die Idee der Verlustbegrenzung in eine ausgeklügelte Anlagestrategie einbauen. Hierzu muss sich der Aktionär überlegen, welche Rendite er mindestens erzielen will beziehungsweise welchen Verlust er verkraften kann. Der Anleger kauft zum Beispiel 350 Aktien von Siemens à 143 Euro und will von seinen investierten 50.050 Euro in zwölf Monaten mindestens 45.150 Euro übrig haben ­ das entspräche einem SiemensKurs von 129 Euro am Fälligkeitstag. Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder die Aktie steht in zwölf Monaten bei diesem Preis, oder der Anleger verkauft die Aktien vorzeitig und legt den Erlös in festverzinslichen Papieren an. Je nachdem, wie hoch die Zinsen sind und wie viel Zeit bis zum Ende der selbst gesetzten Jahresfrist bleibt, errechnet sich der Kurs, bei dem der Anleger die Aktien aus dem Depot nehmen muss (Beispiel siehe Höhere Mathematik).

Verglichen mit der 10-bis-20-Prozent-Methode ist diese Strategie die anstrengendere Variante. Da sich die Lage täglich ändert, kann man keine bequemen Stop-Loss-Aufträge erteilen, sondern verkauft, wenn die Schmerzgrenze erreicht ist ­ ist allerdings auch dann nicht vor leichten Verlusten gefeit.

Auch Nina, wenn sie denn ein Seil verwendet, erwartet nicht, dass sie damit gänzlich ungeschoren davonkommt. Je nachdem, wie weit sie hineinstürzt in dieses Seil, kann sie auf einem Felsen aufschlagen und sich verletzen. Das Seil bewahrt sie allerdings vor einem Absturz in den Abgrund. Einen Absturz, auch einen abgefederten, wollen Bergsteiger jedoch von vorherein vermeiden. Deshalb brauchen sie rutschfeste Schuhe, Steigeisen, falls Schnee und Eis den Weg versperren, Handschuhe gegen die Kälte und Traubenzucker für den Hungerast.

Die Put-Strategie

Auch Anleger, die ihre Aktiengeschäfte möglichst ohne Blessuren überstehen wollen, können Stürze nicht nur abfedern, sondern sie vermeiden. Was den Bergfixen die Montur ist dem Aktionär der Protective Put, deutsch: die schützende Verkaufsoption. Sie sorgt dafür, dass das Depot niemals weniger wert ist, als es sein soll. Fällt die Aktie unter einen bestimmten Preis, gewinnt der Put auf diese Aktie an Wert. Unterm Strich bleibt das Depot auf dem gleichen Stand ­ in etwa. Hundertprozentige Absicherung gibt es nicht.

Hundertprozentige Absicherung ist aber auch nicht notwendig. Es liegt im Charakter von Aktien, dass sie schwanken. Wem das Unbehagen verursacht, legt sein Geld besser anders an. Mit dem Bergsteigen verhält es sich ähnlich: Wer macht sich schon freiwillig auf zum Gipfelsturm, wenn er Höhenangst hat? Jemandem, dem lediglich ein bisschen mulmig zumute ist, gibt eine gute Ausrüstung dagegen das Gefühl von Sicherheit: Viel passieren kann ihm nicht.

Ungefähr so geht es dem Aktionär, der sein Depot mit Puts absichert. Die Aktien hat er gekauft, weil er ­ mindestens mittelfristig ­ steigende Kurse erwartet. Kurzfristig muss er allerdings auch mit Kurskorrekturen rechnen. Genau dagegen helfen die Puts.

Ein Put ist das Recht, Aktien zu einem bestimmten Kurs zu verkaufen. Der Put heißt deshalb auch Verkaufsoption. Angenommen, der Anleger mit den Siemens-Aktien im Depot will sich mit einem Put vor Verlusten schützen. Ein Put gibt ihm das Recht, Siemens, die er bei 143 Euro gekauft hat, beispielsweise zu 129 Euro zu verkaufen. Der Aktionär übt sein Recht aus, wenn der Kurs von Siemens unter 129 Euro fällt, sei es auf 110 Euro, sei es auf 89 Euro. Soweit die Theorie.

Put auf eine Aktie

In der Praxis übt der Aktionär sein Recht nicht wirklich aus. Er behält im Gegenteil die Siemens-Aktien im Depot und verkauft den Put. Denn der Put ist in etwa um den Wert angestiegen, um den die Aktien gefallen sind. Der Vorteil ist: Die Aktien von Siemens bleiben im Depot und der Anleger hat frisches Geld in der Tasche. Falls er langfristig von Siemens überzeugt ist, kann er warten, bis der Kurs wieder steigt und sich vielleicht Aktien nachkaufen. Ist er der Ansicht, dass sich die Siemens-Aktien nicht wieder erholen, kann er sie ohne große Verluste aus dem Depot werfen.

Einen kleinen Verlust trägt der Aktionär auch bei diesem Absicherungsgeschäft. Das liegt daran, dass ein Put nicht in genau dem gleichen Maße an Wert gewinnt wie die Aktie an Wert verliert. Eine solche hundertprozentige Absicherung wäre theoretisch zwar möglich, jedoch nicht sinnvoll, weil der Put dann zu viel kostet. Ein Put ist wesentlich teurer als die Stop-Loss-Order. Über den Daumen gepeilt muss der Anleger für Verkaufsoptionen 10 Prozent von dem ausgeben, was die Aktien wert sind. Im Beispiel Siemens also um die 5.000 Euro.

Der genaue Preis hängt davon ab, welchen Wert der Put absichern soll, welchen Zeitraum, und wie hoch die Versicherung sein soll. Will der Aktionär jegliche Verluste vermeiden, zahlt er viel für die Versicherung; hat er bloß Angst vor Crashs, ansonsten jedoch Vertrauen in seine Anlage, kauft er einen billigeren Put, der erst bei einem heftigen Kurssturz greift. Entscheidend für den Preis eines Puts ist jedoch die Volatilität: Je stärker die Aktie schwankt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Versicherungsfall eintritt.

Put auf einen Index

Aus diesem Grund wäre es ideal, wenn der Aktionär keinen Put auf eine einzelne Aktie brauchte, ihm vielmehr ein Put auf einen Index genügte. Der Vorteil daran: Der Index schwankt weniger stark als eine einzelne Aktie, ein Put auf den Index ist deshalb billiger. Nützen kann dem Aktionär ein Indexput allerdings bloß dann, wenn sich sein Depot aus mehreren Aktien des Deutschen Aktienindexes Dax oder aus mehreren Aktien eines anderen Indexes zusammensetzt. Weil allerdings kein Anleger einen Index exakt nachbildet, kann sich auch kein Anleger mit einem Indexput voll absichern.

Doch ­ und da sind wir wieder bei der Natur der Aktie angelangt ­ wer wird sich schon mit Anteilscheinen herumplagen, es sei denn, ihm macht die Jagd auf gute Kurse Spaß. Tolle Gefühle sind es, die Nina ein ums andere Mal auf die Gipfel treiben. Und ­ Hand aufs Herz ­ eine gute Aussicht oder eine ansehnliche Rendite ist noch längst nicht alles. Ein kleines bisschen Kitzel brauchts schon auch.

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