Aktienanalysen können eine wertvolle Hilfe bei der Anlageentscheidung sein – allerdings nur für Anleger, die richtig mit ihnen umzugehen wissen.

Aktienanalysten haben es auch nicht leicht. Während des Börsenbooms durften sie sich als Stars fühlen, aber kaum waren die Kurse abgestürzt, prasselte Kritik und Häme auf sie nieder. Fast so, als hätten sie den Niedergang der Aktienmärkte heraufbeschworen. Ebenso gut könnte man den Meteorologen einen verregneten Sommer in die Schuhe schieben.

Aktienempfehlungen sind wie Wetterberichte in Zeitungen und Fernsehbeiträgen, vor allem aber im Internet allgegenwärtig. Banken und Finanzdienstleister haben meist ganze Abteilungen, die sich mit der Analyse börsennotierter Unternehmen beschäftigen. An deren ausführliche Berichte kommen Normalanleger zwar kaum heran, aber mit den Kurzfassungen werden sie ständig konfrontiert.

Leidvolle Erinnerungen

Oft sind damit leidvolle Erinnerungen verbunden. Nur zu gut entsinnen sich An­leger der euphorischen Analystenberichte über Firmen, die sich wenig später als Pleite- oder Betrugskandidaten entpuppten. Die Begeisterung für Heyde und Intershop, Comroad und Infomatec hatte schließlich Anleger und Analysten gleichermaßen erfasst.

Die Analysten hätten es eigentlich besser wissen müssen. Ob sie im Extremfall für krasse Fehlurteile haften, ist noch unklar. Bisher gebe es keine Rechtsprechung zu diesem Thema, erläutert Rechtsanwalt Andreas W. Tilp, der auf Kapitalanlage- und Börsenrecht spezialisiert ist.

Er kennt nur einen Fall, in dem ein Analyst verurteilt wurde. Dort ging es um die betrügerische Vermengung von Job und Eigennutz. Der Analyst hatte Aktien, in die er selbst investiert hatte, angepriesen, um den Kurs nach oben zu treiben. Dieses auch als Scalping bekannte Vorgehen ist strafbar.

Analysten im Interessenkonflikt

Bei anderen Interessenkonflikten, in die Analysten geraten können, ist die Sache komplizierter. Heikel wird es, wenn sie ein Unternehmen empfehlen, mit dem ihr Arbeitgeber geschäftlich verbandelt ist.

In den USA beschäftigte dieses Problem bereits vor mehr als zwei Jahren die Staatsanwaltschaft. Nach deren Erkenntnissen hatten Analysten der Investmentbanken Merrill Lynch und Salomon Smith Barney bestimmte Aktien vorsätzlich viel zu positiv bewertet, um die Interessen ihrer Institute zu wahren.

Die Ermittlung gegen Salomon Smith Barney endete im April 2003 mit einem 400-Millionen-Dollar-Vergleich.

In Deutschland gab es bisher keine Gerichtsverfahren zu derartigen Fällen.

Das Gesetz über den Wertpapierhandel verlangt, dass bei Aktienanalysen mögliche Interessenkonflikte offen gelegt werden müssen. Der Leser einer Analyse muss demnach erfahren, ob die Bank, die sie ­herausgibt, an dem analysierten Unternehmen direkt beteiligt ist, ob sie seinen ­Börsengang begleitet hat oder ob andere geschäftliche Verbindungen bestehen.

Nach Meinung von Rechtsanwalt Tilp muss diese Information „hinreichend transparent und drucktechnisch so ausgestaltet sein, dass auch der flüchtige Leser sie entdecken kann“. Die Praxis sieht aber oft ganz anders aus.

Da stehen die Hinweise mitunter als Fußnoten auf der letzten Seite einer 30- oder 40-seitigen Broschüre. Und der Leser einer abgespeckten Version im Internet erfährt von möglichen Interessenkonflikten in der Regel ohnehin nichts.

Eine pauschale Analystenschelte ist aber ungerecht. Die meisten arbeiten seriös und gewissenhaft. Da sie sich jedoch auf Informationen und Prognosen stützen, die von den beurteilten Firmen selbst stammen, besteht immer die Gefahr der Manipulation. Betrugsfälle sind aber trotz der Pleiten am Neuen Markt seltene Ausnahmen.

Die Herde weist den Weg

Anleger können aus Analystenberichten durchaus wertvolle Informationen ziehen. Sie müssen sie nur richtig einordnen.

Aktienanalysen müssen stets im jewei­ligen Marktumfeld gesehen werden. Wenn die Börse boomt, sind die Annahmen und Prognosen zum Beispiel oft mutiger als in einer schwierigen Marktphase.

Und vom Herdenverhalten an den Börsen lassen sich auch Analysten oft anstecken. So setzen sie bevorzugt auf die Aktien, die gerade in Mode sind. Selten wagt ein Analyst einen Tipp, in dem er eine Aktie empfiehlt, die jüngst stark gefallen ist.

Viel häufiger findet man positive Einschätzungen für die Unternehmen, die gerade auf einer Erfolgswelle schwimmen. Wenn die Welle abebbt, fallen sie ganz schnell in Ungnade.

So ist es auch dem finnischen Nokia-Konzern ergangen – nach wie vor der Weltmeister im Handyverkauf. In der Blütephase der Technologiebörsen zwischen 1999 und Mitte 2000 übertrafen sich die Analysten mit Empfehlungen für die Nokia-Aktie, obwohl sie längst nicht mehr billig war. Kaum ein Börsenguru wagte es, Anlegern den Verkauf ans Herz zu legen.

Erst als sich die Stimmung merklich abgekühlt hatte, kamen vermehrt auch skeptische Berichte über das Handy-Papier. Doch die meisten Abstufungen – so nennen Börsianer die Rücknahme eines positiven Urteils – hagelte es im Frühjahr 2004. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Nokia-Aktie von ihrem Höchstwert bereits weit über 80 Prozent verloren.

Um die Ecke denken

Anleger sollten Empfehlungen kritisch hinterfragen, selbst wenn sie plausibel und gut begründet sind. An der Börse zahlt es sich oft aus, etwas um die Ecke zu denken.

In diesem Fall geht das ungefähr so: Wenn für eine Aktie bereits zig Empfehlungen vorliegen, haben sich schon sehr viele Anleger mit ihr eingedeckt und fallen als potenzielle Käufer aus.

Umgekehrt könnte eine von Analysten bislang ungeliebte Aktie davon profitieren, dass in ihrem Kurs noch kein Empfehlungsbonus steckt. Wird das Unternehmen von Analysten gerade erst entdeckt und mit Kaufempfehlungen bedacht, sind Kurssteigerungen wahrscheinlich.

Allerdings gehen Anleger, die sich gegen den Trend stellen, damit natürlich auch ein erhebliches Risiko ein. Denn selbst langjährige Börsenprofis werden gelegentlich davon überrascht, dass sich die Geschäftsidee ihres Lieblingsunternehmens schon überlebt hat.

Anleger, die sich an Aktienanalysen ­orientieren, sollten sich niemals auf eine einzelne Empfehlung verlassen, sondern möglichst viele Einschätzungen zu einer Aktie lesen. Entsprechende Übersichten finden sie im Internet.

Außerdem sollten sie den kurzfristigen und den langfristigen Kursverlauf der Aktie studieren, um mögliche Übertreibungen zu erkennen. Nichts ist ärgerlicher, als in eine allseits empfohlene Aktie einzusteigen und dabei ausgerechnet den Kursgipfel zu erwischen, der für lange Zeit nie mehr erreicht wird.

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