Aktien und Fonds Special

Viele Anleger setzen stark auf deutsche Aktien oder Fonds. Das birgt Risiken. Finanztest erklärt, worauf Sie achten müssen, und wie Sie ihr Depot sicherer machen können – ohne Chancen auf höhere Renditen zu verpassen. Unsere Grafik zeigt, welche Länder im Welt­aktien­index MSCI wie gewichtet sind.

Etliche deutsche Werte auf Talfahrt

Für deutsche Aktionäre kam es im Sommer wieder mal knüppeldick. Da schickte der Abgas­skandal nicht nur VW auf Talfahrt, die Aktien anderer Auto­hersteller mussten ebenfalls büßen. Fast zeitgleich brachen Eon und RWE zum wieder­holten Male ein, weil Anlegern die immensen Kosten des Atomausstiegs dämmern. Dabei galten Versorger­aktien vor gar nicht allzu langer Zeit als eher lang­weilig, aber solide. Empfohlen für Anleger, die Aktien mit verläss­lich hoher Dividende und geringen Kurs­schwankungen suchten.

Sichere Aktien gibt es nicht

Mitt­lerweile haben Eon- und RWE-Aktionäre schlimms­tenfalls um die 80 Prozent verloren. Nicht der erste Beleg dafür, dass es keine sicheren Aktien gibt. Selbst Unternehmen von Welt­geltung können in Schieflage geraten. Mit einzelnen Aktien gehen Anleger stets hohe Risiken ein – bis hin zum Total­verlust. Wer sich nur auf Deutsch­land konzentriert, erhöht sein Risiko zusätzlich. Finanztest hat analysiert, wie Anleger, die vorwiegend Aktien oder Aktienfonds made in Germany besitzen, ihre Depots sicherer machen können.

Auf Risiken ist Verlass

Anleger orientieren sich bei der Aktien­auswahl gern an den vermeintlichen Ertrags­chancen. Doch auf die Rendite ist kein Verlass. Viel besser beur­teilt man Aktien­anlagen nach ihren Risiken, sie bleiben zwischen verschiedenen Anla­geklassen und Märkten vergleichs­weise konstant. Besonders riskant sind Depots, in denen sich gleich­artige Aktien oder Fonds bündeln. Eine lang­jährige Analyse von Wert­papierdepots durch Wissenschaftler der Universität Frank­furt/M. hat gezeigt, dass Anleger in Deutsch­land viel zu sehr auf deutsche Aktien und Aktienfonds setzen (Anlagefehler vermeiden, Finanztest 5/2015). Eine gute Risiko­streuung lässt sich so nicht erzielen. Der deutsche Aktienmarkt ist schwankungs­anfäl­liger als viele andere: USA, Groß­britannien, Japan und die Schweiz haben deutlich geringere Risiken als Deutsch­land.

Deutsch­land spielt nur zweite Liga

Dafür gibt es mehrere Gründe. Der erste ist unser interna­tional gesehen unbe­deutender Aktienmarkt. Es gibt nicht nur weniger börsennotierte Unternehmen als in den USA und etlichen europäischen Ländern, uns fehlen auch echte Börsenriesen. Da sich das Ländergewicht in den interna­tionalen Indizes am kumulierten Börsen­wert der nationalen Unternehmen bemisst, hat Deutsch­land hier schon mal schlechte Karten. Im Welt­aktien­index des Anbieters MSCI, dem MSCI World, ist der deutsche Aktienmarkt mit nicht einmal 3,5 Prozent vertreten und liegt damit hinter wirt­schaftlich deutlich kleineren Ländern wie Frank­reich und der Schweiz (siehe Grafik Die größten Börsenländer).

Auto und Maschinenbau stark von der Konjunktur abhängig

Auch die deutsche Branchen­mischung ist nicht optimal. Die dominanten Branchen wie Auto und Maschinenbau sind stark von der Konjunktur abhängig. In Boomphasen winken zwar hohe Kurs­gewinne, aber eben auch herbe Einbrüche bei Wirt­schafts­krisen. Die wichtige Pharma­industrie führt dagegen in Deutsch­land ein Schattendasein, auch haben wir keinen börsennotierten Nahrungs­mittel­konzern mit Welt­geltung.

Die ganze Welt kaufen

Mit börsen­gehandelten Indexfonds (ETF) auf breite globale oder europäische Aktienindizes finden Anleger ganz bequem Anschluss an die breite Börsen­welt. Der MSCI World enthält mehr als 1 600 Aktien, die drei größten (Apple, Microsoft und Exxon) wiegen darin nur knapp über 4 Prozent. Zum Vergleich: Im Deutsch­land-Index MSCI Germany sind derzeit 54 Aktien vertreten, von denen die drei größten (Bayer, Allianz und Siemens) etwa 24 Prozent einnehmen. Kurs­einbrüche bei einzelnen Unternehmen schlagen also viel stärker durch als im Welt­index. In unserem Produktfinder Investmentfonds zeigen wir für die Fonds­gruppen Aktienfonds Welt und Europa, welche Indexfonds für Anleger „dauer­haft gut“ sind. Für welchen Anbieter sich Anleger entscheiden, ist zweitrangig.

Alle Aktien auf den Prüf­stand

Aus Sicht von Finanztest sollte der Deutsch­land­anteil im Depot nicht höher als 20 Prozent sein. Noch besser wären nur 10 Prozent. Wer in seinem Depot die Aktien­anlagen nicht aufstocken kann oder will, muss also über den Verkauf vorhandener Positionen nach­denken. Anleger sollten zunächst kritisch hinterfragen, ob sie von all ihren Beständen wirk­lich über­zeugt sind und den Aktien oder Fonds eine bessere Wert­entwick­lung zutrauen als dem Gesamt­markt. Viele halten an alten Investments nur deshalb fest, weil sie sich Fehler nicht einge­stehen und keine Aktie mit Verlust verkaufen wollen. Das ist menschlich verständlich, aber unver­nünftig.

Performance-Check mit dem Produktfinder Investmentfonds

Spekulative Einzel­aktien sind die ersten Kandidaten, von denen man sich trennen sollte. Gleiches gilt für Fonds, die über Jahre hinweg unter­durch­schnitt­liche Ergeb­nisse gebracht haben und keine Aussicht auf Besserung erkennen lassen. Nehmen wir als Beispiel die Wert­entwick­lung der vergangenen fünf Jahre. Da lagen die schwächsten Aktienfonds Deutsch­land rund 10 Prozent pro Jahr hinter den besten aus der Fonds­gruppe. Detaillierte Ergeb­nisse zu Aktienfonds Deutsch­land enthält unser Produktfinder Investmentfonds.

Bestands­schutz nicht überbewerten

Es gibt einen weiteren Grund, warum manche Anleger zögern, selbst solche Titel aus dem Depot zu werfen, die ihnen in den vergangenen Jahren keine Freude gemacht haben: den steuerlichen Bestands­schutz. Alle Kurs­gewinne von Aktien und Fonds, die vor Einführung der Abgeltung­steuer im Jahr 2009 gekauft wurden, bleiben nach heute geltendem Recht in Zukunft steuerfrei. Das ist ein triftiges Argument, gut laufende Anlagen zu behalten – allerdings nicht um jeden Preis. Ein hoch­riskantes Depot wird nicht dadurch geadelt, dass es sich prächtig entwickelt hat.

Chance-Risiko-Verhältnis verbessern

Mit dem Schwenk zu breiteren Fonds­anlagen verbessern Anleger ihr Chance-Risiko-Verhältnis. Das gilt vor allem für Anleger, die sich im Lauf der Jahre ein paar Einzel­aktien nach dem Zufalls­prinzip zusammengekauft haben. Der Austausch gegen Welt- oder Europa-Indexfonds macht aus ihrem Kraut-und-Rüben-Depot schlag­artig einen sinn­vollen Länder- und Branchenmix. Anleger können das Depotrisiko auch auf schonende Weise senken, wenn sie regel­mäßig alle Dividenden und Fonds­ausschüttungen in einen markt­breiten ETF stecken. Das ist allerdings ein sehr lang­wieriges Vorhaben.

Kein Ausgabe­aufschlag bei ETF

Leider ist ein Depotumbau nicht ohne Kosten zu haben. Immerhin gibt es bei ETF im Gegen­satz zu gemanagten Fonds keinen Ausgabe­aufschlag, da sie nicht über die Fonds­gesell­schaft, sondern an einer Wert­papierbörse gekauft werden. Wie viel Anleger zahlen müssen, hängt von der Preis­gestaltung ihrer Bank ab. Filial­banken berechnen für den Kauf meist etwa 1 Prozent des Anla­gebetrags, bei Direkt­banken sind die Kosten in der Regel viel geringer. Bei vielen Direkt­banken sind die Kosten gedeckelt, Anleger zahlen dann vielleicht nur 30 bis 50 Euro, auch wenn sie ETF-Anteile für 100 000 Euro kaufen. Einige Anbieter (Flatex, Onvista, Benk) nehmen unabhängig vom Anla­gebetrag einheitliche Preise. Dieses Gebührenmodell ist bei hohen Summen konkurrenzlos günstig (siehe Test Wertpapierdepot, Finanztest 7/2015).

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