Aktien aus Deutschland Meldung

Deutsche Markenqualität hat bei Aktien zurzeit nicht viel zu sagen.

Made in Germany, das galt lange Jahre als Inbegriff von Verlässlichkeit und Solidität. Zumindest bei Aktien sind diese Zeiten vorbei.

Wir Deutschen sind kein Volk der Aktionäre. Selbst im Börsenboom des Jahres 2000 hatten nicht einmal 10 Prozent der Deutschen direkt in Aktien investiert. Inzwischen sind es sogar ein paar Prozent weniger. Wenn überhaupt, dann wagen sich die Bundesbürger vorwiegend an Aktien kreuzsolider einheimischer Unternehmen, zum Beispiel Versicherungen oder Stromversorger.

Solche Aktien wurden oft als Witwen-und-Waisen-Papiere bespöttelt, da sie als relativ sicher, aber im internationalen Vergleich auch als eher langweilig galten. Große Kurssprünge in die eine oder andere Richtung waren bei den deutschen Bluechips selten.

Doch seit kurzem droht vielen Witwen und Waisen der Bettelstab. So mussten Allianz-Aktionäre mit ansehen, wie ihre Papiere fast unglaubliche 90 Prozent verloren. Auch die dividendenstarke RWE-Aktie ging auf eine nicht für möglich gehaltene Talfahrt. Sie wurde innerhalb weniger Monate im Wert mehr als halbiert. Den meisten anderen Dax-Aktien ging es kaum besser.

US-Börsen sind viel stabiler

Das international verheerende Börsenklima lieferte zwar den Anlass für den Kursverfall, kann aber sein Ausmaß nicht erklären. Dass Aktien von Weltfirmen schwanken wie ein Fähnlein im Wind, ist neu und leider vor allem ein deutsches Phänomen.

Die US-Börsen waren in der Krise viel stabiler als die deutschen. Während der Dax zwischenzeitlich über 70 Prozent von seinem Höchststand verloren hatte, kam der Dow-Jones-Index nicht einmal auf 40 Prozent Miese.

Die Schwankungen in der Entwicklung des Dax können es längst mit denen der amerikanischen Nasdaq aufnehmen. An dieser Börse sind aber keine Versicherungen, Chemie- oder Versorgungsunternehmen notiert, sondern vor allem Technologie-, Internet- und Biotechfirmen.

Schwellenland Deutschland

Das Ausmaß der Schwankungen lässt sich messen und ist als so genannte Volatilität eine wichtige Kenngröße für den Vergleich von Aktien und Indizes. Die Volatilität gibt an, wie stark der Kurs in einem bestimmten Zeitraum von seiner durchschnittlichen Wertentwicklung nach oben und nach unten ausgeschlagen ist.

Normalerweise gilt die Faustregel: Volatile Aktienmärkte sollte man meiden oder allenfalls mit einem geringen Anteil ins Depot nehmen. Aus diesem Grund rät Finanztest bei Aktienfonds, die sich auf Schwellenländer (Emerging Markets) zum Beispiel in Osteuropa oder Lateinamerika spezialisiert haben, zur Vorsicht. Das gilt auch für Branchen wie Internet oder Biotech. Die hohe Volatilität solcher Märkte ist mit einem enormen Risiko verbunden.

Besonnene Anleger würden ohnehin keine große Summe in solche Spezialideen investieren. Aber was ist, wenn die Emerging Markets direkt vor der eigenen Haustür beginnen? Nimmt man die Volatilität zum Maßstab, dann hatte der deutsche Aktienmarkt im Jahre 2002 die „erste Welt“ verlassen. Die Wertschwankungen des Dax hatten ein Maß erreicht, wie man es aus Südamerika oder Osteuropa kennt, nicht jedoch von entwickelten Aktienmärkten.

Gewichtung aus dem Lot

Wie es so weit kommen konnte, ist auch erfahrenen Börsenexperten ein Rätsel. Selbst wer für Deutschland strukturelle Probleme einräumt und die düsteren wirtschaftlichen Aussichten ins Kalkül zieht, muss deshalb für einheimische Unternehmen nicht schwarz sehen.

Viele machen auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten hohe Gewinne, und niemand kann behaupten, dass Firmen wie BASF, BMW oder SAP international nicht konkurrenzfähig wären. Außerdem beschränkt sich kein Großkonzern auf die Produktion im Inland, sondern alle nutzen die Vorzüge der Globalisierung.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verständlich, warum die großen deutschen Unternehmen an der Börse so viel billiger sind als zum Beispiel US-amerikanische Firmen.

Der Börsenwert einer Aktiengesellschaft errechnet sich aus dem Wert all ihrer ausgegebenen Aktien. Es lässt sich leicht zeigen, dass er nicht unbedingt in direktem Zusammenhang zu Größe, Umsatz und wirtschaftlicher Bedeutung der Firma steht.

So hatte der Softwarekonzern Microsoft Anfang Mai einen Börsenwert von rund 276 Milliarden US-Dollar (240 Milliarden Euro). Die 30 Unternehmen im Dax waren zur selben Zeit zusammen nur 407 Milliarden Euro wert.

Bei solchen Verhältnissen müsste selbst Bill Gates ins Grübeln kommen. Ist es tatsächlich angemessen, dass „seine“ Microsoft an der Börse ähnlich viel kostet wie ein Großteil der deutschen Topunternehmen zusammen?

Er könnte aber auch darauf verweisen, dass sein Unternehmen fast ein Schnäppchen ist, wenn man den Börsenwert des Internet-Auktionators Ebay zum Maßstab nimmt. Die virtuelle Handelsplattform für Waren aller Art kostet an der Börse rund 29 Milliarden US-Dollar (rund 25 Milliarden Euro) und ist damit mehr als doppelt so teuer wie der Weltkonzern Bayer.

USA dominieren Aktienfonds Welt

Ebay ist ein extremes, aber kein untypisches Beispiel. Es unterstreicht die relative Unterbewertung der deutschen Börse und verdeutlicht, wie viele Vorschusslorbeeren manche US-Unternehmen an der Börse immer noch erhalten.

Der hohe Börsenwert amerikanischer Unternehmen führt zu einem hohen US-Anteil im Weltaktienindex MSCI Welt. An diesem Index orientieren sich viele Fondsmanager.

Wer einen weltweit anlegenden, indexnahen Aktienfonds kauft, setzt deshalb stark auf die Entwicklung der US-amerikanischen Märkte und nimmt zu einem sehr geringen Prozentsatz an der deutschen Börsenentwicklung teil.

Der Anleger liegt damit voll im Trend, denn die Wall Street bestimmt immer noch die Richtung, in die alle wichtigen Börsen laufen. Starke US-Märkte ziehen die europäischen und asiatischen Börsen nach oben. Umgekehrt kann in Frankfurt schnell die Grippe ausbrechen, wenn in New York gehustet wird.

Antizyklisch handeln

Dennoch lassen sich auch gute Gründe für den Einstieg in den deutschen Aktienmarkt finden. Bewertungsdifferenzen zwischen ähnlichen Märkten haben sich im Laufe der Zeit meist wieder ausgeglichen oder sind geschrumpft.

Wer auf deutsche Aktien setzt, vermeidet zudem das Währungsrisiko. Unter dem Wertverlust des US-Dollar hatten ausländische Investoren in den USA zuletzt arg zu leiden. Zudem besteht Hoffnung, dass die Volatilität des deutschen Marktes langfristig zurückgeht. Sie hat bereits deutlich abgenommen.

Dennoch sollten Anleger, die am Standort Deutschland ihr Glück versuchen, Geduld mitbringen. Selbst in einem freundlichen Börsenumfeld ist es nicht gewiss, dass einheimische Aktien kurzfristig zur Aufholjagd ansetzen.

Langfristig ist der Einstieg in einen unterbewerteten Markt aber eine sinnvolle Investmentidee. Wer auf deutsche Aktienfonds setzt, muss also kein Hasardeur sein. Er kann sich vielmehr als antizyklischer Anleger fühlen.

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