Aktien-Neuemissionen Meldung

Gewinne mit Sonnenenergie: Neuemissionen von Solarunternehmen waren 2005 ­besonders gefragt.

Die Stimmung für Neuemissionen von Aktien hat sich ­aufgehellt – nicht nur dank Solaraktien. Auch Werte wie die Deutsche Postbank und Wincor Nixdorf schlugen sich gut.

Dem Anlageberater in einer kleinen Berliner Bankfiliale stand an diesem Tag im März 2000 die Verblüffung noch ins Gesicht geschrieben, als der Kunde längst gegangen war. Dieser hatte soeben für eine Million Euro Infineon-Aktien gezeichnet.

Beim Börsengang von Infineon war die Börseneuphorie auf ihrem Höhepunkt. Damals rissen sich selbst zurückhaltende Anleger um jede neu an den Markt gebrachte Aktie. Nur die wenigsten wurden bei der Zuteilung tatsächlich bedacht.

Wir wissen nicht, wie viele Aktien der ­fanatische Infineon-Anleger erhalten hat. Es war wie ein kleiner Lottogewinn, ein paar Stück zu je 35 Euro zu ergattern, denn zum Handelsstart war die Aktie des Chipherstellers bereits mehr als das Doppelte wert.

Und heute? Der Infineon-Kurs dümpelt seit langem weit unterhalb der 10-Euro-Schwelle. Mit einem Minus von fast 78 Prozent zum Ausgabepreis gehört der ­einstige Überflieger rückblickend zu den schlechtesten Neuemissionen der vergangenen Jahre.

Im Moment sind andere Anlageideen gefragt – allen voran die Sonnenenergie. Mit Solarunternehmen konnten Anleger im Jahr 2005 gut verdienen. Für die Neuemissionen aus dieser Branche, Conergy, Ersol und Q-Cells, waren Gewinne fast schon garantiert.

Auf den Standard kommt es an

Finanztest hat die wichtigsten Börsengänge seit 1999 ausgewertet und ihre Preisentwicklung mit dem aktuellen Kurs verglichen. In der Tabelle „Was Neuemissionen gebracht haben“ ­listen wir die 33 Aktien, die in dieser Zeit an die Börse gebracht wurden und heute in einem der drei größten deutschen Indizes Dax, MDax und TecDax notiert sind.

Fast die Hälfe von ihnen kostet weniger als bei der Emission. Aber es gibt auch ­viele Aktien, die ihren Anlegern Freude bereiteten. Vor allem die Jahre nach dem Börsenboom erweisen sich in der Rückschau als günstiger Kaufzeitpunkt.

Alle aufgeführten Aktien notieren im so genannten Prime Standard der Deutschen Börse (siehe „ Was bedeutet ...“). Wir haben uns nur mit Neuemissionen aus diesem Segment beschäftigt.

Einige deutsche Börsengänge gibt es zwar im General Standard und im Entry Standard, aber für Normalanleger kommen vor allem die Prime-Standard-Werte infrage. Nur diese Aktien können in Dax, MDax oder TecDax aufsteigen. Das erhöht die Chance auf Kursgewinne.

Die Unternehmen der anderen Standards müssen nicht schlechter sein, aber sie haben in der Regel geringere Börsenum­sätze und höhere Kursschwankungen.

Nachwirkungen des Börsenbooms

Unter den Neuemissionen mit den höchsten Verlusten sind erwartungsgemäß viele ehemalige Favoriten des Neuen Markts wie die Biotechfirmen Evotec, GPC Biotech und Medigene oder die Technologietitel Epcos, Kontron und QSC.

Auch T-Online war mit einem Verlust von 70 Prozent eine Katastrophe für Anleger. Besonders bitter ist für sie, dass sie die Verluste nie wieder wettmachen können, da die Deutsche Telekom ihre Tochter­gesellschaft wieder in den Konzern eingliedern und die Anleger mit einem festen ­Anteil Telekom-Aktien abspeisen will.

Wie T-Online stammen die meisten Verlustbringer aus den Jahren 1999 und 2000. Das ist kein Zufall. Die Preise von Neuemissionen orientieren sich stark am Marktumfeld. Wenn die Nachfrage nach Aktien gerade groß ist, wirds für Anleger in der Regel teurer als zu Flautezeiten.

So wirken die wenigen Neuemissionen des Jahres 2004 – im Jahr zuvor hatte es keinen einzigen Börsengang gegeben – in der Rückschau recht preisgünstig.

Beste Chancen in Flautephasen

Für die im Juni 2004 an die Börse gebrachte Aktie der Deutschen Postbank mussten die Emissionsbanken die ursprüngliche Preisspanne auf Druck von Fondsgesellschaften sogar deutlich senken. Das kam Erstanlegern zugute. Sie erzielten in den seither vergangenen rund eineinhalb Jahren rund 72 Prozent Wertzuwachs.

Mit der kurz zuvor herausgegebenen ­Aktie des Geldautomatenherstellers Wincor Nixdorf konnten Anleger sogar 118 Prozent verdienen.

Von den seit 2001 emittierten und zurzeit in Dax, MDax oder TecDax gelisteten Aktien lief nur eine miserabel. Der Pay-TV-Sender Premiere lag Ende 2005 rund 47 Prozent unter dem Ausgabepreis vom März 2005.

Der Markt bestimmt den Preis

Für Normalanleger ist es kaum möglich, den fairen Preis einer Neuemission zu ermitteln. Die Deutsche Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) hält den Buchwert des Unternehmens für ein gutes Hilfsmittel. Doch selbst Anleger mit wirtschaftlichen Kenntnissen dürften sich schwer tun, diese Größe aus den Zahlen, die sie im Emissionsprospekt und im Internet finden, zu errechnen.

Auch der Hinweis auf Analysten, die das Unternehmen im Vorfeld des Börsengangs abklopfen, hilft nur begrenzt weiter. Die Experten richten sich bei ihrer Einschätzung zwangsläufig nach dem Markt, in dem das Unternehmen tätig ist. Wenn wie im vergangenen Jahr Solaraktien hervorragend laufen, werden Neuemissionen aus diesem Sektor recht hoch bewertet.

Die drei Solarfirmen, die im Jahr 2005 in den Prime Standard gingen, Conergy, Ersol und Q-Cells, erreichten auf Anhieb so hohe Marktwerte, dass sie wenig später in den TecDax aufstiegen. Q-Cells und Conergy gehören außerdem zu der Hand voll Aktien, deren Ausgabepreis nach dem Börsengang nicht unterschritten wurde. Der liegt allerdings auch noch nicht sehr lange zurück.

Die große Mehrheit der neu emittierten Aktien hätten Anleger irgendwann zu einem niedrigeren Kurs als dem Ausgabepreis über die Börse kaufen können.

Selbst die Superaktie der vergangenen Jahre, Solarworld, gab es noch lange nach der Emission als Schnäppchen. Da hat kaum ein Anleger mehr zugegriffen. Im Frühjahr 2003 war die Aktie nur rund 2 Euro wert. Heute kostet sie fast das ­60fache. Anleger, die Solarworld seit dem Börsengang im Jahr 1999 halten, haben bei über 1 500 Prozent Wertzuwachs aber auch keinen Grund zur Klage.

Auf Schnäppchenkurse lauern

Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre müssten Anleger also nicht unbedingt bei einem Börsengang dabei sein, selbst wenn das Unternehmen noch so interessant erscheint. Abwarten, Kurse beobachten und im richtigen Moment kaufen, ist bisher die klügere Devise gewesen.

Wer trotzdem auf jeden Fall bei einer Emission dabei sein will, sollte seinen Wunschkandidaten gründlich unter die Lupe nehmen. Falsch wäre es, blind einem Boom hinterherzurennen, also irgendeine Solaraktie zu kaufen, weil man die Gewinne bei Solarworld und Co. verpasst hat.

Grundsätzlich sollten Anleger nur dann zeichnen, wenn sie von Geschäftsmodell und Zukunftsaussichten des Unternehmens überzeugt sind. Sie sollten den Emissionsprospekt genau studieren und speziell das Kapitel mit den Risiken beachten.

Wer dagegen blind auf Neuemissionen setzen will, kann nur auf eine Wiederholung des Booms zur Jahrtausendwende hoffen. Damals war fast jeder Börsengang zumindest kurzfristig ein Erfolg. Dass sich so etwas wiederholt, ist aber trotz der besseren Börsenstimmung unwahrscheinlich.

So würde heute kaum ein Privatanleger eine Million Euro riskieren, wenn es wieder um Infineon gehen sollte. Der Konzern spielt tatsächlich mit dem Gedanken, seine defizitäre Speicherchipsparte auszugliedern und als eigenständiges Unternehmen an die Börse zu bringen.

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