Air Berlin und Topbonus insolvent Meldung

Die Fluggesell­schaft Air Berlin hat Insolvenz­antrag gestellt. Damit der Flug­betrieb in der Urlaubs­zeit erst einmal fortgeführt werden kann, hat die Bundes­regierung dem Unternehmen 150 Millionen Kredit gewährt. Inzwischen hat auch Topbonus, das Viel­flieger­programm von Air Berlin, die Eröff­nung des Insolvenz­verfahrens beantragt. test.de beant­wortet die wichtigsten Fragen zum Thema und sagt, was Air-Berlin-Kunden jetzt wissen müssen.

Ist mein Flugti­cket weiter gültig?

Gebuchte Air-Berlin-Tickets sind zunächst weiterhin gültig. Der Antrag auf Eröff­nung des Insolvenz­verfahrens ändert an der Gültig­keit nichts. Auf seiner Website erklärt Air Berlin, dass die Air­line plan­mäßig weiter fliege. Flüge seien auch weiterhin buch­bar. Fly Niki, die österrei­chische Tochter von Air Berlin, ist aktuell von dem Insolvenz­antrag beim Amts­gericht Berlin-Charlottenburg nicht betroffen. Auch die Niki-Flüge fänden weiterhin statt, so Air Berlin. Sollte Air Berlin den Flug­betrieb doch irgend­wann einstellen und ihre Flüge nicht von einer anderen Air­line über­nommen werden, würden Kunden wahr­scheinlich nur wenig oder nichts vom Ticket­preis zurück­erhalten. Etwas anderes gilt nur, wenn Kunden bei der Flug­buchung eine Ticket­versicherung mit Insolvenz­schutz abge­schlossen haben.

Was passiert mit Air-Berlin-Flügen ab Herbst 2017?

Mit dem aktuell gewährten Kredit will die Bundes­regierung erreichen, dass der Flug­betrieb in diesem Sommer soweit aufrecht­erhalten werden kann, dass alle Air-Berlin-Passagiere aus dem Ausland auch wieder nach Deutsch­land kommen können. So ist eine gemein­same Presseerklärung von Bundeswirtschaftministerium (BMWi) und Bundesverkehrsministerium (BMVI) zu verstehen. Ob dann auch die Flüge ab Herbst 2017 und später ausgeführt werden können, wird davon abhängen, ob Konkurrenten wie die Luft­hansa Teile von Air Berlin über­nehmen werden.

Kann ich alte Gutscheine jetzt noch einlösen?

In der Vergangenheit hat Air Berlin Kunden, die zum Beispiel über Verspätungen verärgert waren, Reise­gutscheine als Entschädigung angeboten. Für Passagiere, die diese Gutscheine angenommen haben, stellt sich nach Eröff­nung des Insolvenz­verfahrens die Frage, ob sie diese noch gegen Tickets einlösen können. Air-Berlin-Tickets gegen Bares zu erwerben, ist aktuell immer noch möglich.

Dirk Andres, Fach­anwalt für Insolvenzrecht und erfahrener Insolvenz­verwalter aus Düssel­dorf, erklärt die Rechts­lage zu den Gutscheinen: „Das Insolvenz­verfahren von Air Berlin findet in Eigen­verwaltung statt. Das bedeutet, die Air­line entscheidet noch eigen­ver­antwort­lich über das laufende Geschäft, ohne externen Insolvenz­verwalter. Gutscheine, die vor dem Insolvenz­verfahren ausgestellt wurden, darf Air Berlin jetzt aus recht­lichen Gründen grund­sätzlich nicht mehr einlösen. Etwas anderes kann gelten, wenn durch das Nicht­einlösen der Gutscheine das Vertrauen der Kunden und der Ruf des Unter­nehmens so sehr Schaden nehmen würde, dass das Neugeschäft ganz zusammenbricht. Aus solchen Erwägungen heraus könnte das Einlösen von alten Gutscheinen auch in einem laufenden Insolvenz­verfahren zulässig sein.“

Nach Informationen des Fluggastportals Fairplane ist das Einlösen von Gutscheinen derzeit allerdings weder bei Air Berlin noch bei der österrei­chischen Tochter Fly Niki möglich.

Was ist mit meinen Bonusmeilen?

Am Freitag, 25. August, hat auch das Viel­flieger­programm von Air Berlin, Topbonus, die Eröff­nung eines Insolvenz­verfahrens beantragt. Das teilten Topbonus und das Amts­gericht Charlottenburg in Berlin mit. Der Insolvenz­antrag sei „die Folge aus dem Insolvenz­antrag der Air Berlin“, erklärte Topbonus auf seiner Website. Wegen der aktuellen Situation bei der Fluggesell­schaft und den daraus resultierenden Folgen für das Viel­flieger­programm habe Topbonus „keine andere Option“ gehabt. Schon unmittel­bar nach der Insolvenz von Air Berlin hatte Topbonus das Sammeln und Einlösen von Meilen ausgesetzt. Das bleibe auch weiterhin so, hieß es jetzt auf der Seite von Topbonus. Die Teil­nahme an dem Viel­flieger­programm bestehe aber fort, ein Zugriff auf das Konto und die Abfrage des Meilen­standes seien weiterhin möglich.

Topbonus wird von einer eigenen Rechts­persönlich­keit geführt, der britischen Topbonus Limited. 70 Prozent der Anteile an Topbonus Ltd. hält die arabische Air­line Etihad Airways, 30 Prozent Air Berlin. Aus diesem Grund war ein eigener Insolvenz­antrag nötig.

Kann ich mein Ticket kostenfrei stornieren?

Die Insolvenz einer Fluggesell­schaft berechtigt Kunden mit gebuchten Tickets nicht zu einer kostenfreien Stornierung ihrer Flugreise. Zwar haben Kunden vor Abflug jeder­zeit ein allgemeines Recht zur Kündigung nach Paragraf 649 des Bürgerlichen Gesetz­buchs (siehe Special Stornierte Buchung: So bekommen Flug-Kunden ihr Geld zurück), aber ob Betroffene auf diesem Weg wenigs­tens einen Teil des Ticket­preises retten können, ist sehr fraglich. Eine Reiser­ücktritts­versicherung über­nimmt die Kosten einer Flugstornierung bei einer Air­line-Insolvenz nicht. Über das Angebot Ticketrefund des Flug­gast­portals Fairplane gibt es zwar die Möglich­keit, die von einer Air­line nach einer Stornierung zu Unrecht einbehaltenen Ticket­kosten zurück­zuholen. Aber wie Ticketrefund auf seiner Facebook-Seite mitteilt, werden derzeit “aufgrund der unsicheren Situation bei Air Berlin und in weiterer Folge auch bei Fly Niki“ keine neuen Fälle mehr zur Bearbeitung angenommen. Das Flug­gast­portal Flight­right hat seinen Storno-Dienst „Flugti­cket-Erstattung“ schon vor längerer Zeit komplett einge­stellt.

Tipps für Reisende

Air Berlin erstattet bei einer Stornierung von Tickets den gesetzlichen Anteil an Steuern und Gebühren nicht mehr. Dies sei insolvenzrecht­lich ausgeschlossen, Forderungs­ansprüche etwa aufgrund von Flug­ausfall, Verspätung oder Gepäck­verlust entstehen, werden von Air Berlin wohl ebenfalls nicht mehr bedient. Diese Ansprüche können erst mit Eröff­nung des Insolvenz­verfahrens beim zuständigen Insolvenz­verwalter angemeldet werden. Um das Schadens­risiko so klein wie möglich zu halten, rät das Europäische Verbraucherzentrum allen Reisenden, die demnächst mit Air Berlin fliegen, folgende Tipps zu beachten:

Gepäck­aufgabe. Vermeiden Sie nach Möglich­keit, Gepäck aufzugeben. Sollte der Koffer verloren gehen, beschädigt werden oder zu spät ankommen, werden Sie höchst wahr­scheinlich auf dem Schaden sitzen bleiben.

Umbuchung. Wird Ihr Flug annulliert, bestehen Sie auf eine Umbuchung durch die Air­line. Buchen Sie nicht vorschnell einen Ersatz­flug, den Sie zunächst selbst bezahlen müssen. Dasselbe gilt auch für Hotel­über­nachtungen, die wegen Flug­verspätungen oder -annullierungen erforderlich werden.

Gutscheine. Wenn sich Ihr Flug verspätet hat, fragen Sie bei der Air­line nach Gutscheinen für Mahl­zeiten und Erfri­schungs­getränke sowie einer möglichen Hotel­unterbringung, anstatt diese selbst zu bezahlen.

Habe ich ein Recht auf Entschädigung?

Air-Berlin-Kunden haben auch weiter Anspruch auf Entschädigung nach der europäischen Flug­gast­rechte­ver­ordnung, wenn Flüge annulliert werden oder stark verspätet ankommen (Fluggastrechte: Der Weg zur Entschädigung). Ob die Air­line die Entschädigungen der Passagiere aber auch auszahlen kann, hängt jedoch davon ab, wie es mit Air Berlin weitergeht. In der gemeinsamen Presseerklärung von BMWi und BMVI heißt es dazu: „Air Berlin befindet sich seit Längerem in Verhand­lungen mit anderen Air­lines. Die Verhand­lungen von Air Berlin mit Luft­hansa und einer weiteren Air­line zur Veräußerung von Unter­nehmens­teilen sind sehr weit fort­geschritten“. Man rechne damit, dass „in den nächsten Wochen“ eine Entscheidung fallen werde. Als Interes­senten werden die Luft­hansa sowie „eine weitere Air­line“ genannt.

Helfen mir Portale wie Fairplane oder Flight­right jetzt noch?

Das kommt darauf an, welche Dienst­leistung ein Air-Berlin-Kunde von dem Flug­gast­portal möchte. Diese Varianten gibt es:

  • Inkasso: Wurde ein Air-Berlin-Flug annulliert oder erreicht er sein Ziel erst mit erheblicher Verspätung, haben Kunden Anspruch auf eine finanzielle Entschädigung nach der europäischen Flug­gast­rechte­ver­ordnung (siehe Special Fluggastrechte: Der Weg zur Entschädigung). Die Passagiere können Portale wie Fairplane oder Flight­right damit beauftragen, diese Forderungen im Namen des Passagiers einzutreiben (Inkasso). Zahlt die Air­line dann, muss der Kunde an das Portal rund 30 Prozent von der Entschädigung abgeben. Fairplane, Flight­right, Euclaim und Compensation2go haben gegen­über test.de erklärt, grund­sätzlich auch jetzt noch Air-Berlin-Fälle zum Inkasso anzu­nehmen. Vermutlich spekulieren sie darauf, dass es einen Rechts­nach­folger für Air Berlin geben wird, der alle Entschädigungs­ansprüche aus der Zeit vor und nach dem Insolvenz­antrag vom 15. August 2017 befriedigen wird. Entwickelt sich die Zukunft nicht so positiv, werden die Portale freilich schon bald nicht nur keine neuen Air-Berlin-Fälle mehr aufnehmen, sondern wahr­scheinlich auch alle bereits vor dem Insolvenz­verfahren begonnenen Inkasso­verfahren ergeb­nislos beenden. Denn dann haben die Entschädigungs­ansprüche nahezu keinen Wert mehr. Das Flug­gast­portal Euclaim bearbeitet derzeit etwa Air-Berlin-Fälle in vierstel­liger Höhe. Die Allgemeinen Geschäfts­bedingungen der Portale erlauben es, die Bearbeitung eines Falls vorzeitig zu beenden, etwa wenn die Zahlung der Air­line aussichts­los wird.
  • Sofort­entschädigung: Einige Portale wie Fairplane und Flight­right haben in der Vergangenheit neben dem Inkasso eine weitere, schnel­lere Variante entwickelt: die Sofort­entschädigung (siehe Schnell­test Entschädigung bei Flugreisen: Sofort Geld, hohe Abzüge). Das Portal kauft dem Flug­gast seinen Entschädigungs­anspruch gegen die Fluggesell­schaft ab. Der Kunde bekommt sofort Geld und hat mit dem weiteren Verfahren praktisch und recht­lich nichts mehr zu tun. Nachteil: Ihm werden in der Regel rund 40 Prozent von der Entschädigungs­summe abge­zogen, nicht wie beim Inkasso üblich rund 30 Prozent. Bei Fairplane heißt die Sofort­entschädigung „Fairplane Express“ und bei Flight­right „Flight­right Now“. Wie die beiden Unternehmen auf Anfrage von test.de mitteilen, sind diese Angebote derzeit auf Eis gelegt. Auch die Konkurrenz, Portale wie Eu­flight und Compensation2go, kauft derzeit keine Entschädigungs­ansprüche von Air-Berlin-Kunden mehr auf. Der reine Sofort­entschädiger Eu­flight weist darauf hin, dass seine Kunden bereits ausgezahlte Sofort­entschädigungen trotz Insolvenz behalten dürften. Das ist korrekt, aber auch selbst­verständlich. Verkauft der Passagier seine Forderung an Euflight, geht das Insolvenzrisiko auto­matisch auf das Portal über. Im Gegen­zug erhält der Kunde vom Wert seiner Forderung ja auch nur rund 60 Prozent.

Was gilt für Pauschal­reisende?

Für Urlauber, die bei einem Reise­ver­anstalter eine Reise gebucht haben, bei der Air Berlin den Trans­port zum Reiseziel über­nehmen soll, ändert die Insolvenz recht­lich nichts. Denn Vertrags­partner des Verbrauchers ist nicht Air Berlin, sondern der Veranstalter. Stellt Air Berlin den Betrieb tatsäch­lich ein, muss er Ersatz besorgen. Kommt es dadurch zu erheblichen Flug­zeit­verschiebungen, dürfen Urlauber den Reise­preis mindern (siehe Specials Pauschalreise: Plötzliche Abreise in der Nacht und Reisepreis mindern: Wann Veranstalter zahlen müssen).

Diese Meldung ist am 15. August 2017 auf test.de erschienen und wurde seitdem mehr­fach aktualisiert, zuletzt am 29. August 2017.

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