Ärztefehler Meldung

Immer mehr Patienten wehren sich, wenn sie einen Behandlungsfehler vermuten. Bei Ärzten ist das Thema sogenannter Kunstfehler heute kein Tabu mehr.

Böse Zungen behaupten, im deutschen Gesundheitswesen gelte beim Umgang mit Fehlern das Motto: „Über Fehler spricht man nicht, die macht man.“ Doch immer mehr Patienten beschweren sich über ärztliche Behandlungsfehler. Die Zahl der Vorwürfe, die 2007 bei den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern einging, stieg gegenüber dem Vorjahr um 1,5 Prozent auf 10 432. Die meisten Vorwürfe, so die Bundesärztekammer, beziehen sich auf Operationen, zum Beispiel auf die Amputation gesunder Gliedmaßen durch Seitenverwechslung. Bei ärztlichen Eingriffen werden auch häufiger Patienten verwechselt oder bei Operationen nicht selten Bauchtücher vergessen.

17 500 Todesfälle?

Fehler passieren in Krankenhäusern auch bei Diagnosen, beim Verschreiben und Austeilen von Arzneimitteln. Es geht um vermeidbare Wechselwirkungen verordneter Medikamente, das Nichtbeachten von Risiken, die im Allergiepass dokumentiert sind, um (Medikations-)Fehler, die Patienten auch in Lebensgefahr bringen können.

Klagen gegen Hausärzte wiederum betreffen vor allem Fehler bei Herzinfarktverdacht, nicht erkannte Blinddarmentzündungen sowie Fehlentscheidungen bei Thrombosen. Solche Fehler passieren übrigens oft kurz vor Praxisschluss.

Über die Zahl wird gestritten: Der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Dr. Theo Windhorst, hält die vom Aktionsbündnis Patientensicherheit genannten rund 17 500 fehlerbedingten Todesfälle pro Jahr, die vermeidbar gewesen wären, für ein „Horrorszenario“. Andere Studien gehen von einer noch höheren Quote aus.

Aus Fehlern lernen

Ärzte und Kliniken wollen nun aus Fehlern systematisch lernen. Viele Kliniken haben Beschwerdestellen eingerichtet. Auch bei Befragungen zur Zufriedenheit während des Klinikaufenthalts sollen Patienten auf Fehler oder Missstände aufmerksam machen. Ein Risikomanagement wird aufge­baut oder verbessert. Voraussetzung: Über Fehlerursachen muss mehr bekannt werden. Fehler sollen deshalb innerhalb des Krankenhauses und gegenüber Patienten offen angesprochen und benannt werden (siehe Meldung Fehler des Monats).

Das Aktionsbündnis Patientensicherheit (www.aktionsbuendnis-patientensicherheit.de), in dem sich Klinikchefs, Ärzte, Pflegende und Patienten zusammengeschlossen haben, hat die Broschüre „Aus Fehlern lernen“ herausgegeben: Dort werden Fehler geschildert und deren Ursachen besprochen – ein erster Schritt zu mehr Offenheit.

Der richtige Patient, die richtige OP?

Häufige Ursachen für Fehler sind Zeitdruck, Zeitmangel, Überarbeitung, falsche Organisation. Das Aktionsbündnis Patientensicherheit konzentriert sich auf häufige und schwerwiegende Schadensquellen wie mangelnde Desinfektion der Hände oder das Vermeiden von Rechts-links-Verwechslungen durch Markierungen. In vielen Kliniken wird nun ein vom Aktionsbündnis angeregtes „Team-Time-out“ gemacht: Dabei fragen sich alle Beteiligten kurz vor Operationsbeginn, ob es sich um den richtigen Patienten, die richtige Seite, die richtige Operation handelt. Bei Zweifeln wird alles erneut überprüft. Das ist zwar eine Selbstverständlichkeit, war und ist aber bisher noch keineswegs überall üblich. In den USA hat sich die Methode bereits bewährt.

Was Patienten tun können

Aber auch Patienten haben Möglichkeiten, sich vor Fehlern zu schützen:

  • Weisen Sie von selbst auf bekannte Allergien, Medikamenteneinnahme und Arzneimittelunverträglichkeiten hin.
  • Führen Sie eine Liste der Medikamente mit Dosierung und Einnahmehäufigkeit bei sich, vor allem, wenn Sie viele Medikamente einnehmen.
  • Achten Sie darauf, wie die an Sie ausgeteilten Tabletten aussehen: Wechselt die Farbe, kann das an einem anderen Hersteller liegen, aber auch an einer Verwechslung.
  • Auch mündlich muss aufgeklärt werden, nur schriftlich reicht nicht. Zeit für Rückfragen muss bleiben. Lassen Sie sich nicht zu einem Eingriff drängen. Wenn Sie mehr Bedenkzeit benötigen, ist das Ihr gutes Recht.
  • Vor der Operation wird die Operationsstelle meist markiert. Achten Sie darauf, dass es an der richtigen Seite geschieht und die Markierung auf der Haut erfolgt – und nicht zum Beispiel auf dem Thrombosestrumpf: Der markierte Thrombosestrumpf kann vor der Operation auch mal aufs falsche Bein gezogen worden sein.
  • Venenzugang, Blasenkatheter: Fragen Sie, wann er entfernt werden soll; Zeit im Kalender vermerken. Passiert nichts, nachfragen.
  • Sprechen Sie Ungereimtheiten, Probleme gegenüber Ärzten und Pflegenden an.

Auch als Angehöriger sollte man diese Punkte beachten, unbedingt natürlich dann, wenn der Patient dazu nicht in der Lage ist.

Ärzte und Haftpflicht

Bei Fehlern mit Folgeschäden sind manche Ärzte der Ansicht, sie dürften dies dem Patienten gegenüber nicht zugeben. Ihre Haftpflichtversicherung zahle sonst nicht. Im Falle einer notwendigen erneuten oder anderen Behandlung aufgrund eines Fehlers ist der Arzt aber verpflichtet, Patienten darüber aufzuklären, dass ein Fehler unterlaufen ist. Oft kommt es aus Sorge, sich rechtliche Möglichkeiten zu verbauen, Ergebnissen vorauszugreifen, nicht zu diesem wichtigen klärenden und eventuell schlichtenden Gespräch.

Häufig ist das Schmerzensgeld nicht der Hauptgrund für eine Klage. Patienten fühlen sich mit ihrem Schaden nicht beachtet und nicht ernst genommen. Sie hoffen, dazu beitragen zu können, dass anderen nicht Ähnliches widerfährt. Vor allem wünschen sie sich neben einer Klärung auch eine Erklärung. Vor Gericht ist es dafür oft schon zu spät. Patienten und Angehörige sollten deshalb stets ein Gespräch einfordern – bevor Anwälte das Wort haben.

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