Abofallen im Netz Meldung

Einfach anmelden und Spaß haben. Wer vermutet schon, dass ein paar Witzchen im Internet oder ein Sudoku-Rätsel richtig Geld kosten können. Nachdem selbst installierende Dialer verboten wurden, haben sich Betrüger nun etwas Neues einfallen lassen: teure Abos für Infos, die es anderswo kostenlos gibt. Der Theorie­check von dein-fuehrerschein.com kostet beispielsweise 69,80 Euro. Bei gedichte-heute.com ist ein Zweijahresabo für 7 Euro je Monat fällig. Die Preisinformationen verstecken die Anbieter geschickt. Wer nicht zahlt, bekommt schnell Post vom Inkassobüro. test.de sagt, wie Sie aus solchen Verträgen wieder herauskommen.

Saftige Preise im Kleingedruckten

Von wegen „Lachen, bis der Arzt kommt“. Der kleinen Antonia R. ist der Spaß gründlich vergangen. Ihre Mutter bekam Post von der Schmidtlein GbR: 84 Euro, weil die Tochter sich auf www.witze-heute.com eingeloggt hatte. Der Preis stand dort so unauffällig, dass die 13-Jährige ihn glatt übersah. Viel heller leuchtete der Button „Anmelden und Spaß haben“. Doch stattdessen bekam das Mädchen einen Riesenschreck. Dabei passierte ihr dasselbe wie zigtausend anderen Surfern: Völlig unerwartet landen sie auf teuren Seiten. Wer eine Wohnung, einen Studentenjob oder eine Lehrstelle sucht, wer Sudokus lösen oder einfach nur seinen IQ testen will, erhält später die Rechnung. Die Fallen zielen vor allem auf Kinder und Jugendliche. Gratis-SMS, Musik-Downloads, Hausaufgabenhilfe: Alles scheint gratis – aber nur auf den ersten Blick. Versteckt im Kleingedruckten lauern saftige Preise. Der Normalnutzer merkt das erst, wenn es zu spät ist.

Früher Dialer, heute Abos

Zum Beispiel www.dein-fuehrerschein.com. Da können Jugendliche für die Theorieprüfung üben – von Kosten keine Spur. Aber wer sich auf die nächsten Seiten durchklickt, dann ganz nach unten scrollt und das Kleingedruckte akribisch liest, stößt auf den Preis: 69,80 Euro. Zu den „Marktführern“ gehört die Schmidtlein GbR. „Früher sind die Brüder Andreas und Manuel mit dubiosen Dialerprogrammen aufgefallen“, sagt Jurist Ronny Jahn von der Verbraucherzentrale (VZ) Berlin. Als die Rechtslage eng wurde, stiegen sie auf Abo-Seiten um. Immerhin steht der Preis jetzt auf der Startseite, nachdem der Verbraucherzentrale Bundesverband sie abgemahnt hatte: 7 Euro pro Monat bei zwei Jahren Laufzeit. „Doch noch immer übersehen das sehr viele Leute“, erklärt Jahn.

Geld für Kinkerlitzchen

Das liegt auch daran, dass niemand auf die Idee kommt, ein paar Witze könnten Geld kosten. Die Seiten bieten vor allem Kinkerlitzchen, die es sonst im Internet massenweise gratis gibt. Für Rezepte oder Routenplaner muss niemand Geld ausgeben. Auch Basteltipps und Gedichte stehen dort ohne Ende. Hilfe bei Musik-Downloads bieten zahllose Foren, oft in exzellenter Qualität. Wie soll da jemand erwarten, dass ein paar Allerwelts-Links zu Tierlexika exorbitante 168 Euro kosten? Und gibt es wirklich Leute, die Tattoovorlagen im Zweijahresabo auswählen? Noch dazu ist vieles sein Geld nicht wert. So stehen auf www.tiere-heute.com Texte aus dem Onlinelexikon Wikipedia. Die gibt es bei www.wikipedia.de gratis. Auch andere Firmen haben die Abzock-Masche aufgegriffen. Schon die schiere Zahl der Verbraucher, die ohne Absicht in ein Abo rutschen, spricht für sich.

Tausende Anzeigen

Mittlerweile stapeln sich in den Verbraucherzentralen die Beschwerden. Allein gegen die Schmidtleins liegen der Staatsanwaltschaft Darmstadt über 3 000 Anzeigen vor. Darunter knapp 900 Fälle, in denen die Betroffenen behaupten, nie eine der Seiten besucht zu haben. „Wir ermitteln noch“, sagt die Leitende Oberstaatsanwältin Hildegard Becker-Toussaint. In der Zwischenzeit macht die Firma brutal Druck. Schon die erste Rechnung ist beinhart: „Ihre IP-Adresse wurde gespeichert.“ Dann der Hinweis auf strafrechtliche Ermittlungen und Betrug – als habe man es mit Kriminellen zu tun. Dass es auch zufriedene Kunden geben könnte, erwarten die Schmidtleins offenbar gar nicht. Stattdessen werden Minderjährige eingeschüchtert: „Sollten Sie ein falsches Geburtsdatum eingegeben haben, ist von einem Betrugsdelikt auszugehen.“

Vor allem Minderjährige müssen nicht zahlen

Doch das ist reine Drohkulisse. Zu einem Vertrag gehört, dass der Kunde auch weiß, dass er ihn abschließt. Und das muss die Firma beweisen – angesichts der vielen Beschwerden wird das schwierig. „Der Hinweis auf die Kosten ist viel zu unauffällig“, meint Rechtsanwalt Dr. Lovis Wambach von der VZ Bremen. Vor allem Minderjährige brauchen nicht zu zahlen – trotz Taschengeldparagraf. Der greift nämlich nur, wenn Zahlung und Lieferung in einem Zug erfolgen. Offene Rechnungen können damit nicht eingefordert werden. Zudem sind 168 Euro weit mehr als das übliche Taschengeld.

Warnung vor Strafverfahren ist Panikmache

Auch die Warnung vor einem Strafverfahren ist Panikmache. „Wir kennen kein Verfahren gegen Jugendliche, das mit Verurteilung endete“, berichtet Dr. Wambach. Betrug sehen Juristen erst, wenn die Absicht bestand, jemanden zu schädigen. „Ein Minderjähriger, der ein falsches Ge­burtsda­tum eingibt, denkt doch nicht an so was“, betont Verbraucherjurist Jahn.

Meist unbegrenztes Widerrufsrecht

Aber selbst falls der Vertrag gilt, hat der Kunde ein Widerrufsrecht laut Fernabsatz. Und der Clou: Die 14-tägige Frist greift hier fast nie. Denn auf dieses Recht muss „in Textform“ hingewiesen werden. Das heißt: Der Kunde muss den Text so erhalten, dass die Firma nichts mehr daran verändern kann. „Eine Webseite reicht nicht, denn da kann der Hinweis schon bald ganz anders aussehen“, erklärt Julia Rehberg von der VZ Hamburg. Anders kann es sein, wenn der Hinweis per E-Mail kam. Doch dann entspricht die Formulierung oft nicht den gesetzlichen Anforderungen – mit der Folge, dass das Widerrufsrecht unbefristet läuft.

Bisher kaum Gerichtsurteile

Gerichte haben sich mit der Abzockerei bisher kaum befasst. Bekannt ist ein Urteil des Amtsge­richts München: Steht der Preis nur im Kleingedruckten, ist der Vertrag nichtig (Az. 161 C 23695/06). Die Firmen drohen zwar, kneifen aber vor einem Prozess. „Die wissen, dass sie nur verlieren können“, meint VZ-Jurist Jahn. Die Abzocker kassieren lieber nach dem Motto: Lachen, bis der Richter kommt.

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