Abgeltungsteuer Special

Notwendiges Übel. Wenn Gisela Kupke keine Steuererklärung ausfüllt, verschenkt sie Geld.

Viele Sparer fürchten die neue Steuer. Doch das müssen sie nicht, wenn sie einige Regeln beachten.

„Zum Glück kennt mich das Finanzamt nicht“, sagt Gisela Kupke aus Berlin. Damit das so bleibt, hat sie mithilfe ihres Beraters von der Dresdner Bank ihre gut laufenden in schlechter laufende Investmentfonds umgetauscht. „So überschreiten meine Kapitalerträge 2009 nicht mehr den Sparerpauschbetrag von 801 Euro und ich muss auch künftig dem Finanzamt nicht beitreten“, meint sie.

Das Vorgehen war absurd. Und es war ein Irrtum zu glauben, dass das Finanzamt die Berlinerin nicht kennt. Schließlich hat die Bank schon bisher Steuern von ihren Kapitalerträgen abgezogen.

Gisela Kupke ist 85 Jahre alt und hat Angst vor der Abgeltungsteuer, die am 1. Januar 2009 in Kraft tritt (siehe „Checkliste“). Werbesprüche wie „Achtung: Ihnen drohen jetzt 25 % Verlust!“ der BHW Bausparkasse und Appelle wie „Handeln sie schnell“ der Berliner Sparkasse haben sie und viele Sparer zu überhasteten Reaktionen veranlasst.

Dabei besteht gar kein Grund zur Panik. Die meisten Kapitalanlagen werden ab 2009 nicht höher besteuert als bisher.

Völlig falsch war es, gute in schlecht laufende Aktienfonds umzutauschen. Denn die Verkaufsgewinne von Aktienfonds, die vor 2009 gekauft wurden, können Anleger nach einer einjährigen Haltefrist weiter steuerfrei kassieren. Und die Steuer für die laufenden Erträge wie Zinsen fällt auf keinen Fall höher als bisher aus.

Rentner müssen oft sogar gar keine Steuern zahlen. Liegt ihr Einkommen wie das von Kupke nach Abzug aller Freibeträge für Rentner unter dem Grundfreibetrag von 7 664 Euro im Jahr, können sie sich alle Steuerabzüge zurückholen.

Bequemer ist eine Nichtveranlagungsbescheinigung vom Finanzamt, die dafür sorgt, dass die Banken gar keine Steuern abführen. Diese Freistellung, die gleich für drei Jahre gilt, wird Gisela Kupke aber nach Einschätzung von Steuerexperte Uwe Rauhöft, Geschäftsführer des Neuen Verbandes der Lohnsteuerhilfevereine, wohl nicht erhalten. „Bei Einkommen, die nur wenig unter dem Grundbetrag liegen, ist das Finanzamt pingelig“, sagt Rauhöft.

Geld vom Finanzamt zurückholen

Überschreitet Kupke auch in Zukunft den Sparerfreibetrag, wird die Bank automatisch 25 Prozent Abgeltungsteuer ans Finanzamt abführen. Die kann sie sich komplett zurückholen, wenn sie eine Steuererklärung macht und das Finanzamt feststellt, dass ihr Einkommen nach allen Abzügen unter dem Grundfreibetrag liegt.

Viele andere können sich so einen Teil ihres Geldes wiederholen. Wenn ihr zu versteuerndes Einkommen unter dem Richtwert von 15 000 Euro (30 000 Euro Ehepaare) im Jahr liegt, gilt für sie ein Steuersatz unter 25 Prozent. Dann können sie die Differenz zu den 25 Prozent Abgeltungsteuer zurückfordern.

„Ich kann in meinem Alter keine Steuererklärung mehr selbst ausfüllen“, erklärt Kupke. „Und einen Steuerberater kann ich mir nicht leisten.“

Was Kupke gar nicht klar ist: Die Bank zieht jetzt schon von Zinsen, die über dem Sparerfreibetrag liegen, 30 Prozent Zinsabschlagsteuer ab. Das hat sie aber gar nicht bemerkt. Anders als sie dachte, ist sie dem Finanzamt also schon lange „beigetreten“ und schenkt ihm Jahr für Jahr Geld.

Wenn sie das ändern will, muss sie wohl oder übel eine Steuererklärung abgeben und sich so ihr Geld wiederholen.

Was Anleger tun sollen

Bevor ein Sparer überhaupt etwas tut, sollte er sich einen Überblick über alle seine Geldanlagen verschaffen. Dann kann er prüfen, was sich für ihn in Zukunft ändert. Denn zum einen fallen nicht alle Geldanlagen unter die Abgeltungsteuer (siehe „Keine Abgeltung“). Zum anderen kann die Abgeltungsteuer für Festzinssparer mit hohem Steuersatz sogar ein Gewinn sein. Schließlich zieht das Finanzamt künftig maximal 25 Prozent Abgeltungsteuer ab.

Ein guter Bankberater hätte Gisela Kupke empfohlen, sich steuerlichen Rat zu holen (siehe „Rat vom Profi“ in Hilfe in Steuerfragen). Sie muss auch die Steuererklärung nicht alleine machen. Lohnsteuerhilfevereine verlangen zum Beispiel für das Ausfüllen der Formulare bei Renten bis 2 000 Euro monatlich meist nicht mehr als 100 Euro. Bei einfachen Fragen kann man sich auch an die Servicecenter der Finanzämter wenden.

Die Rechnung des Finanzamts für die 85-Jährige sieht dann so aus: Ihre Altersrente und Witwenrente ist jeweils zur Hälfte steuerpflichtig. Zusätzlich erhält die Berlinerin Leistungen aus einer privaten Rentenversicherung. Da sie diese Rente erstmals im Alter von 79 Jahren bezogen hat, sind nur 9 Prozent davon steuerpflichtig. Für die Frau, die für ihre Renteneinnahmen noch pauschal 102 Euro Werbungskosten geltend machen kann, ergibt sich Folgendes:

Renteneinkünfte 2007

Steuerpflichtiger Anteil Altersrente: 3 768 Euro
+ steuerpfl. Anteil Witwenrente: 4 536 Euro
+ steuerpfl. Anteil Privatrente: 299 Euro
- Werbungskostenpauschale: 102 Euro
Renteneinkünfte gesamt: 8 501 Euro

Zusätzlich zu diesen Renteneinkünften hatte Gisela Kupke im vergangenen Jahr noch 875 Euro Kapitalerträge aus diversen Investmentfonds. Davon wird der Sparerfreibetrag von 801 Euro abgezogen.

Kapitaleinkünfte 2007

Zinsen und Dividenden: 875 Euro
- Sparerfreibetrag: 801 Euro
Einkünfte aus Kapitalvermögen: 74 Euro

Für diese Kapitaleinkünfte haben Rentner Anspruch auf einen Altersentlastungsbetrag. Er wird gewährt, wenn ein Rentner zu Beginn des Steuerjahres mindestens 64 Jahre alt war. Für jüngere Jahrgänge sinkt der Freibetrag. Im Fall Kupke sind 40 Prozent der Kapitaleinkünfte steuerfrei:

Renteneinkünfte: 8 501 Euro
+ Kapitaleinkünfte: 44 Euro
Gesamteinkünfte: 8 545 Euro

Einkünfte in dieser Höhe bedeuten noch lange nicht, dass Kupke dafür Steuern zahlen muss. Denn sie kann davon mehrere Posten wie ihre Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung (in ihrem Fall rund 1 750 Euro) und 36 Euro als Pauschale für andere Sonderausgaben abziehen.

Ohne Steuererklärung geht es nicht

Letztlich bleibt nach Abzug aller Posten ein zu versteuerndes Jahreseinkommen von 6 762 Euro. Für dieses Einkommen muss die Frau keine Steuern zahlen, weil es unter dem Grundfreibetrag von 7 664 Euro (15 329 Euro für Ehepaare) bleibt.

Kupkes zu versteuerndes Einkommen dürfte sogar um 902 Euro höher sein und sie müsste trotzdem keine Steuern zahlen (7 664 Euro – 6 762 Euro).

Ihr zu versteuerndes Einkommen steigt, wenn sie zum Beispiel mehr Kapitalerträge hätte als jetzt. Dank des Altersentlastungsbetrags, der ihr für Kapitaleinkünfte zusteht, darf sie sogar deutlich mehr als 902 Euro zusätzliche Zinsen haben und muss weiter keine Steuern zahlen.

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