AWD Österreich Meldung

Der AWD Österreich muss einer Anlegerin Schadenersatz zahlen, weil ein AWD-Berater sie „grob sorgfalts­widrig“ beraten hat. Das hat das Oberlandesgericht Wien entschieden. Geklagt hatte der Verein für Konsumenten­information (VKI). Die Anlegerin hatte ihre Ansprüche gegen den AWD abge­treten.

VKI führt Muster­prozesse für Geschädigte

Der Wiener Verein für Konsumenten­information (VKI), eine Part­ner­organisation der Stiftung Warentest, macht dem österrei­chischen AWD schwere Vorwürfe: Er habe einfache Spar­buch­sparer beim Erwerb von Immobilien­aktien systematisch falsch beraten. Um die Angelegenheit zu klären, führt er im Auftrag des Konsumenten­schutz­ministeriums Sammelklagen für rund 2500 Geschädigte gegen den AWD durch. Dabei geht es um 40 Millionen Euro. Daneben führt der VKI zahlreiche Muster­prozesse gegen den Finanz­dienst­leister. Einen davon haben die Verbraucherschützer jetzt gewonnen.

Aktien statt absolut sicherer Anlagen

Geklagt hatte der VKI für eine Anlegerin, die nur Erfahrungen mit Bauspar­verträgen und Sparbüchern hatte und die ihr Geld ausschließ­lich sicher anlegen wollte. Ein Berater des AWD hatte ihr in den Jahren 2005 und 2006 trotzdem den Kauf von Immobilien­aktien der Firmen Immo­finanz AG, Conwert Immobilien Invest AG, Eco Business Immobilien AG AG und CPB European & Property Garant empfohlen. Das sei „das gleiche wie Bausparen“ – nur mit „besseren Zinsen als auf der Bank“, habe er der Frau erklärt. Über die bei Aktien möglichen Kurs­schwankungen und die Risiken eines Total­verlustes hatte er die Anlegerin nach den Fest­stel­lungen des Gerichts nicht aufgeklärt. Eine Gesprächs­notiz des Beraters, in der Risiken aufgeführt waren, hatte sich die Frau nicht durch­gelesen – sondern einfach unter­schrieben. Der Berater habe die Unter­schrift als „voll­kommen bedeutungs­lose Formalität“ und Bestätigung der Beratung bezeichnet.

Wichtige Frage der Verjährung

Vor Gericht war nun die Frage zu klären: Ab wann hätte die Anlegerin wissen können, dass sie Aktien und keine risikolosen Anlagen erworben hatte? Diese Frage ist von Bedeutung für die Verjährung möglicher Schaden­ersatz­ansprüche. Das Gericht kam zur Über­zeugung: Weder die Gesprächs­notiz des Beraters noch spätere Zusendungen zu Kapital­erhöhungen begründeten eine Pflicht der Anlegerin, der Sache auf den Grund zu gehen. Zwar gebe es eine Erkundigungs­pflicht für Anleger, wenn Verdachts­momente für eine falsche Beratung bestünden. Doch daran seien keine allzu strengen Anforderungen zu knüpfen. Erst die Depot­mitteilung über Kurs­verluste, die die Anlegerin Anfang 2009 erhalten hatte, wertete das Gericht als ausreichenden Verdachts­moment. Die Ansprüche, aufgrund derer der VKI im Sommer 2010 die Klage einge­bracht hatte, waren deshalb noch nicht verjährt.

Kein Mitverschulden der Anlegerin

Ein Mitverschulden der Anlegerin sah das Gericht nicht. So habe die Frau, als sie 2009 von den Verlusten erfuhr, den Kontakt zum AWD abge­brochen und sich an den VKI gewandt, der dann im Jahr darauf Klage erhob. Die Risikohin­weise in den Gesprächs­notizen nicht zu lesen bewertete das Gericht zwar als eine gewisse Sorglosig­keit. Doch diese Sorglosig­keit trete gegen­über der falschen Darstellung der Anlage durch den AWD Berater weit zurück. Ein Mitverschulden sei daher zu vernach­lässigen. Es sei nicht nach­voll­zieh­bar, dass der Berater die Unerfahrenheit und Ahnungs­losig­keit der Anlegerin nicht erkannt habe, heißt es im Urteil des Ober­landes­gerichts Wien.

Rund 36 000 Euro Schaden­ersatz

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Peter Kolba, Leiter des Bereichs Recht im VKI

Der AWD Österreich muss dem VKI und damit am Ende der Anlegerin jetzt Schaden­ersatz in Höhe von rund 36 000 Euro plus Zinsen zahlen. Im Gegen­zug bekommt der Finanz­dienst­leister die verlust­reichen Aktien über­tragen. Außerdem muss der AWD für die Prozess­kosten des VKI aufkommen. Peter Kolba, Leiter des Bereichs Recht im VKI, bezeichnet den Prozess­verlauf als typisch für den AWD. „Zuerst präsentiert sich der AWD den Kunden als ‚unabhängiger Finanz­optimierer‘, der alles ‚in die Hand nimmt‘. Kommt es zu Verlusten und wird Schaden­ersatz wegen Fehlberatung verlangt, dann tritt der AWD die Flucht aus der Verantwortung an und argumentiert damit, was der Kunde nicht selbst alles hätte wissen und erkennen müssen“.

Sammelklagen gegen den AWD ruhen

Die Sammelklagen des VKI gegen den AWD ruhen derzeit. In der Sammelklage Nummer II wartet der VKI auf die Begründung eines Zwischen­urteils vom Dezember 2011, wonach die Abtretungen der Ansprüche von Kunden an den VKI wirk­sam und die Klage zulässig ist. Der AWD hat aber bereits Berufung angemeldet. Es werden also weitere Monate vergehen, bis in diesem Verfahren endlich die Geschädigten vom Gericht gehört werden.

Der AWD Österreich steht wegen des Vorwurfs, Tausende Anleger falsch beraten zu haben, auf der Warnliste der Zeitschrift Finanztest.

Urteil Ober­landes­gericht Wien
Az. 5 R 299/11z (Revision nicht zugelassen)

[Update 12.08.2013:] Österrei­chische Verbraucherschützer ziehen Vorwurf der Falsch­beratung zurück: VKI und Swiss Life Select (ehemals AWD Österreich) einigen sich auf Vergleich

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