ABC für Anleger Meldung

Wer Chancen auf den Kapitalmärkten nutzen will, muss die wichtigsten Regeln kennen. Finanztest erläutert daher regelmäßig ein grundlegendes Thema.

Ein Wertpapierdepot kann niemand einfach so eröffnen. Erst muss die Bank mit dem Kunden ein Formular ausfüllen, den Wertpapiererfassungsbogen, dann kann er Anleihen, Fonds, Aktien oder riskantere Papiere kaufen. Kreditinstitute sind laut Wertpapierhandelsgesetz dazu verpflichtet, ihre Neuanleger zu informieren und dies auch zu dokumentieren.

Der Bankberater erstellt ein Profil von dem Neukunden . Er fragt nach Vermögen und Einkommen, nach seinem Wissen und seinen Erfahrungen mit Wertpapieren. Er will auch die Anlageziele wissen. Geht es dem Kunden um die Altersvorsorge, will er ganz allgemein Vermögen aufbauen oder gar spekulieren? Spätestens jetzt soll sich der Kunde klar werden, welcher Typ von Anleger er ist und welche Verluste er bereit ist, in Kauf zu nehmen.

Die wichtigsten Angaben des Kunden, seine Risikoneigung und die persönlichen Anlagewünsche hält der Bankberater im Wertpapiererfassungsbogen fest. Bei Direktbanken muss der Kunde das Formular meist selbst aus dem Internet herunterladen und alleine ausfüllen.

Eine Grauzone gibt es bei Onlinebrokern. Ob sie auch aufklären müssen, ist juristisch umstritten.

Anleger in Risikoklasse gesteckt

Die standardisierten Vordrucke können von Bank zu Bank sehr verschieden sein. Sie alle erfassen aber Informationen zu Risikobereitschaft und Anlageziel. Auf dieser Grundlage ordnet die Bank ihren Kunden einer hauseigenen Risiko- und Anlegerkategorie zu.

Manche Institute führen im Wertpapiererfassungsbogen vier Risikoklassen auf und teilen die Anleger marketinggerecht in Typen ein: „sicherheitsorientiert“, „konservativ“, „gewinnorientiert“ oder „risikobewusst“. Andere Anbieter verwenden sechs Stufen. In vielen Wertpapiererfassungsbögen kann der Bankberater einfach ankreuzen, welche zutrifft.

Jeder Risikoklasse sind Anlageformen zugeteilt: Bundeswertpapiere und geldmarktnahe Fonds gehören zu einer anderen Klasse als Aktien und Optionsscheine.

Ordert der Kunde später per Internet, Telefon oder Fax Wertpapiere, dann bekommt er sie nur, wenn sie zu seiner Klassifizierung passen. Besonders Direktbanken achten streng auf die Risikokategorie ihres Kunden.

Will der Anleger Aktien kaufen, ist aber als sicherheitsorientiert im Wertpapiererfassungsbogen vermerkt, wird die Transak­tion automatisch verweigert. Erst nach ­einem zusätzlichen Informationsgespräch und einem Nachtrag im Formular darf er risikoreichere Papiere in sein Depot legen.

Auch am Schalter wird der Anleger ­zunächst gebremst, wenn er spekulative Papiere kaufen will, die nicht für seine ­Risikoklasse freigegeben sind. Er bekommt sie erst nach einer weiteren Beratung. Der Bankangestellte senkt dann die Risikoschwelle im Wertpapiererfassungsbogen.

Würde die Bank dem Kunden die spekulativere Anlage ohne zusätzliche Aufklärung verkaufen, könnte sie im Streitfall für Verluste haftbar gemacht werden.

20 Minuten sind zu wenig

Dietmar Vogelsang, Sachverständiger für Kapitalanlagen aus Bad Homburg, kritisiert, dass es manchen Bankangestellten im Gespräch über den Wertpapiererfassungsbogen vor allem darum geht, das Haftungsrisiko der Bank zu senken. Der Kunde werde dann – wie vom Gesetz verlangt – einer Risikoklasse zugewiesen, habe aber die Börsenrisiken der Papiere in dieser Klasse gar nicht verstanden.

Das läuft zum Beispiel so ab: Der Angestellte nimmt sich gerade mal 20 Minuten Zeit. Er erwähnt mögliche Gewinne und Verluste, veranschaulicht sie aber nicht so, dass der Anleger weiß, was er verlieren kann. Der Kunde gibt vor, mehr über ­Finanzgeschäfte zu wissen, als er versteht, und unterschreibt den Bogen, ohne seine Risikoklasse verstanden zu haben.

Zum Schluss erhält der neue Depotinhaber eine dicke Broschüre in die Hand ­gedrückt, in der Kurs- und Wertentwicklungen, Chancen und Risiken verschiedener Geldanlagen beschrieben werden.

Nun gilt er nach den Buchstaben des Gesetzes als aufgeklärt und die Bank hat ihre Pflicht erfüllt. „Das haben Gerichte kürzlich erst entschieden und die Banken aus ihrer Beraterhaftung entlassen“, sagt Dietmar Vogelsang. Der Kunde kann sich in einem solchen Fall nicht mehr auf Falschberatung berufen.

Für Anleger ist es deshalb sehr wichtig, sich ausführlich beraten zu lassen. So ein Gespräch dauert ein bis drei Stunden. „Wenn ein Berater dafür keinen Termin hat, sollte sich der Kunde nach einer anderen Bank umsehen“, rät Vogelsang.

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