ABC für Anleger Meldung

James Tobin, geboren 1918, wurde 1981 mit dem Nobelpreis für Wirtschaft ausgezeichnet

Wer Chancen auf den Kapitalmärkten nutzen will, muss die wichtigsten Regeln kennen. Finanztest erläutert daher in jeder Ausgabe ein grundlegendes Thema.

Die Tobinsteuer steht weit oben auf der Wunschliste derer, die bei Wirtschaftsgipfeln gegen die Globalisierung auf die Straße gehen. Parlamentarier aller Herren Länder unterstützen die Idee mit ihren Unterschriften. Der Erfinder dieser Steuer, englisch: tax, der US-Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger James Tobin, ist darüber gar nicht glücklich. Er hält denen, die für seine Steuer und mit ihr gegen die Globalisierung auftreten, entgegen: "Die missbrauchen meinen Namen." Seine Steuer richtet sich eben nicht gegen Globalisierung und Freihandel. Ihn wurmt zudem, dass viele Ökonomen und Finanzpolitiker weltweit seine Idee ablehnen.

Gegen Spekulanten

Bereits 1972 hatte Tobin vorgeschlagen, bei jedem Devisentausch solle eine Steuer von bis zu 1 Prozent erhoben werden, um Devisenspekulanten abzuschrecken. Damals begann das System fester Wechselkurse zu zerbröseln, das 1944 in Bretton Woods im US-Bundesstaat New Hampshire ausgehandelt worden war. Tobin ahnte, dass deshalb - und wegen des Vormarschs des Computers an den Devisenbörsen - der Devisenhandel rasant wachsen würde. Und er fürchtete Währungskrisen, weil Spekulanten versuchen würden, aus dem Auf und Ab der Devisenkurse Gewinn zu schlagen.

Tatsächlich wird heute an den Devisenmärkten ein Vielfaches des Kapitals umgeschlagen, das für den internationalen Handel notwendig ist. Auch die von Tobin befürchteten Währungskrisen sind Wirklichkeit geworden.

Wie verheerend solche Krisen wirken können, zeigte 1997 die Asienkrise. Vor dem Kollaps hatten viele Anleger in der Wachstumsregion investiert. Dann jedoch verloren sie ihr Vertrauen in die Politik der Regierungen und Zentralbanken der Region. Sie verkauften ihre Aktien, Anleihen und sonstigen Geldanlagen und tauschten den Erlös zurück in ihre eigene Währung, allen voran in den Dollar. Die asiatischen Landeswährungen verloren wegen des plötzlichen Überangebots an Wert ­ ihre Wechselkurse verfielen.

In der Folge mussten die Asiaten für Importe, die in Dollar bezahlt werden, immer mehr einheimisches Geld aufbringen. Die Teuerung der Importe ließ das nationale Preisniveau steigen. Gleichzeitig machte es der Kursverfall der Landeswährung für Regierungen wie Unternehmen teurer, sich Devisen zu erkaufen, mit denen sie ihre Auslandsschulden zahlen konnten.

Wenn die Lawine rollt

Wie Lawinen können solche Krisen anwachsen. Denn alle Investoren, die die Probleme erkennen, wollen ihr Kapital noch retten. Der Trend verstärkt sich selbst. Noch problematischer wird die Lage, wenn Spekulanten die Abwertung der Währung vorausgeahnt haben. In Erwartung einer Abwertung versuchen sie nämlich, Devisentauschgeschäfte zu vereinbaren, die erst in einigen Tagen, Wochen oder Monaten ausgeführt werden müssen ­ so genannte Termingeschäfte. Darin wird dem Vertragspartner zugesagt, ihm in der Zukunft gegen Devisen mehr Währung des abwertungsgefährdeten Landes einzutauschen, als es bei Abschluss des Vertrags möglich scheint. Die Spekulanten setzen dabei darauf, dass der Wechselkurs unter das in dem Termingeschäft vereinbarte Tauschverhältnis fällt. Dann können sie die abgewertete Währung billig kaufen, den vereinbarten Betrag an ihre Vertragspartner zahlen und einen Rest übrig behalten. Den tauschen sie zurück in Devisen und setzen den Kurs der bereits abgewerteten Währung erneut unter Druck.

Vor allem solche Spekulanten hoffte Tobin mit seiner Steuer abzuschrecken. Kapitalgeber und Investoren mit langfristigen Interessen sind schließlich für die Stabilität einer Volkswirtschaft weniger gefährlich. Denn wer mit langfristigen Investitionen eine Fabrik in einem Land aufgebaut hat, wird sich nicht sofort wieder zurückziehen.

Unnötige Kosten

Indem sie die Devisengeschäfte belaste, würde die Steuer aber den internationalen Kapitalverkehr unnötig verteuern, argumentieren Gegner. Und um eine Krise wie die in Asien zu verhindern, sei die Steuer im Übrigen viel zu niedrig. Denn wenn eine Währung unter Druck steht, abgewertet zu werden, schrecke die Spekulanten auch eine Steuer von 1 Prozent kaum.

Die Tobin-Kritiker sehen die Ursache von Währungskrisen eher darin, dass Anleger von plötzlichen Veränderungen überrascht werden. Wenn alle, die ihr Kapital international einsetzen, über alle notwendigen Informationen verfügten und keine Zentralbank die Wechselkurse zu steuern versuchte, dürfte es gar nicht erst zu Währungskrisen kommen, argumentieren sie. Es gelte also nicht, den internationalen Kapitalverkehr zu bremsen, sondern die Informationen zu verbessern.

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