ABC für Anleger Meldung

Wer Chancen auf den Kapitalmärkten nutzen will, muss die wichtigsten Regeln kennen. Finanztest erläutert daher regelmäßig ein grundlegendes Thema.

Sparen die Deutschen zu viel? Politiker und die Vertreter von Industrie- und Handelsverbänden werden nicht müde, ihnen vorzuwerfen, sie gäben zu wenig Geld aus und schadeten damit der Konjunktur. Von „Angstsparen“ war sogar schon die Rede. Die Katze beiße sich in den Schwanz, hieß es: Wenn die Deutschen nichts kauften, machten die Unternehmen weniger Umsatz. Sie müssten ­Leute entlassen. Das schüre die Furcht vor Arbeitslosigkeit und lasse die Leute noch vorsichtiger mit ihrem Geld umgehen.

Abzulesen sei dies unter anderem an der seit Jahren steigenden Sparquote. Die Bundesbank und das Statistische Bundesamt erheben sie seit 1950. Im vergangenen Jahr lag sie bei rund 11 Prozent.

Unverbraucht

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Alles, was nicht ausgegeben wird, gilt als gespart. Dazu zählt hauptsächlich das Ansammeln von Geldvermögen. Die Deutschen legen Geld bei Banken an, kaufen Wertpapiere, bedienen Versicherungen und erwerben Ansprüche aus der betrieblichen Altersversorgung. Letztere zählt aber nur die Bundesbank zur Sparquote, das Statistische Bundesamt nicht.

Allein im Jahr 2003 haben die Deutschen ihr Geldvermögen um 141,2 Milliarden Euro gemehrt. Die Bundesbank beziffert das gesamte Geldvermögen der Deutschen mittlerweile auf vier Billionen Euro. Vor zehn Jahren hatten sie nur gut 2,4 Billionen Euro auf der hohen Kante.

In die Berechnung der Sparquote fließt außerdem die Tilgung von Krediten ein. Mit einer Billion Euro zum Beispiel stehen allein die Häuslebauer bei den Banken in der Kreide. Die Rückzahlung von Ratenkrediten ist demgegenüber statistisch kaum wahrnehmbar.

Der Staat hilft ebenfalls beim Sparen: Wohnungsbauprämie, Eigenheimzulage und die Arbeitnehmersparzulage für die vermögenswirksamen Leistungen füttern das nationale Sparschwein auch.

Im Schnitt der vergangenen 50 Jahre betrug die Sparquote in der Bundesrepublik über 12 Prozent – mehr als momentan. Den Höchststand hatte sie 1976 mit über 16 Prozent erreicht. Am niedrigsten, nämlich bei 9,6 Prozent, lag sie im zweiten Halbjahr 2000.

Seither ist die Quote wieder gestiegen. Das heißt, der Anteil am verfügbaren Einkommen, der nicht in den Konsum fließt, ist größer geworden. Die Deutschen kommen damit im Übrigen nur den Forderungen ihrer Regierung nach.

Schließlich legen dieselben Politiker, die den Konsum schon zur allgemeinen Bürgerpflicht erheben wollten, wie zum Beispiel der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering, ihnen auch nahe, fürs Alter vorzusorgen. Unter anderem der Ausbau der privaten Säule der Altersvorsorge schlägt sich in der steigenden Sparquote nieder. Banken und Versicherungen werten die allgemeine Kaufzurückhaltung deshalb nicht als Angstsparen, sondern als vernünftiges und kaufmännisches Verhalten.

Ohnehin ist es ein nicht nur unter Politikern weit verbreiteter Irrtum, Sparen schade der Wirtschaft. Reife Volkswirtschaften zeichnen sich gerade durch eine ordentliche Sparquote aus. Denn den Teil ihres verfügbaren Einkommens, den die Menschen nicht ausgeben, reichen die Banken an Investoren weiter. Das Ersparte kommt so der Wirtschaft zugute.

Je mehr die Bürger eines Landes sparen, umso nachhaltiger sorgen sie zudem für kommende Generationen vor. Sparen ist in die Zukunft verlagerter Konsum.

Viel Sparen schadet nicht

„Eine Grenze, an der das Sparen zum Gift für die Wirtschaft wird, gibt es nicht“, sagt Siegfried Utzig vom Bundesverband deutscher Banken.

In den stark wachsenden asiatischen Volkswirtschaften erreicht die Quote sogar bis zu 30 Prozent. Diese Staaten können also aus eigenen Mitteln viel investieren. Das beflügelt die Wirtschaft.

Auch für Staaten gilt: Sparen sie wenig, brauchen sie mehr Kredit. Das macht Investitionen teuer oder sogar unmöglich. Die Wirtschaft wächst daher kaum, selbst wenn die Menschen viel konsumieren. Die Schuldenweltmeister aus Südamerika legen davon beredtes Zeugnis ab.

Tipp: Nachschlagen lassen sich Sparquoten auf den Internetseiten der OECD, der Bundesbank, des Statistischen Bundesamtes und der EU. Aufgrund leicht verschiedener Rechenmodelle kann es geringe Unterschiede bei den Zahlen geben, nicht aber bei der Tendenz.

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