Wer Chancen auf den Kapitalmärkten nutzen will, muss die wichtigsten Regeln kennen. Finanztest erläutert daher in jeder Ausgabe ein grundlegendes Thema.

Die Angst geht um: "Die deutsche Wirtschaft steht am Rande einer Rezession", melden die Medien. Amerikas Wirtschaft droht die Rezession auch. Und Japan kommt aus seiner Rezession schon länger nicht heraus. Politiker und Ökonomen weltweit streiten, wie die Rezession am besten zu bekämpfen sei.

Einigkeit herrscht eigentlich nur bei der Frage, was denn Rezession eigentlich ist: Rezessionen heißen Phasen, in denen die Summe aller Produkte und Dienstleistungen, die ein Land erwirtschaftet, in zwei Quartalen hintereinander zurückgeht ­ statt, wie sonst üblich, zu wachsen.

Arbeitnehmer fürchten Rezessionsphasen, weil Unternehmen in ihnen Arbeitsplätze abbauen. Unternehmer bangen, weil ihre Gewinne in der Rezession zusammenschrumpfen. Damit wird auch der Besitz von Unternehmensanteilen, also von Aktien, immer weniger attraktiv. Die Kurse fallen. Deshalb sorgen sich auch Aktionäre, wenn das Konjunkturbarometer auf Rezession fällt.

Ausgaben gehen zurück

Die Ursachen von Rezessionen sind vielfältig: Ein Auslöser kann sein, dass Privatleute weniger einkaufen und stattdessen einen größeren Teil ihres Gehalts sparen ­ etwa weil sie fürchten, in Zukunft mit weniger Lohn auskommen zu müssen oder gar ihren Job zu verlieren. Wenn weniger gekauft wird, wird auch weniger produziert ­ die Gesamtproduktion sinkt.

Doch nicht nur die Konsumenten können das Wirtschaftswachstum durch ihre Zurückhaltung hemmen. Gleiches gilt auch für Unternehmer. Auch sie bremsen durch Zurückhaltung, indem sie beispielsweise Investitionsvorhaben erst einmal zurückstellen. Wenn sie fürchten, dass ihr Absatz sinkt, wächst in ihren Augen das Risiko, dass neu erbaute Produktionsstätten nicht gebraucht werden. Wenn Unternehmer keine neuen Gebäude bauen lassen und keine neuen Maschinen ordern, tragen auch sie zum Rückgang der Gesamtproduktion bei.

Zinsen sinken

Hohe Zinsen aus Zeiten, als die Wirtschaft schnell wuchs, verleiden Unternehmern oft zusätzlich das Interesse an Investitionen und fördern die Rezession. Denn in aller Regel finanzieren Unternehmer ihre Investitionen wenigstens teilweise mit Krediten. Die US-Notenbank Federal Reserve hat deshalb im zurückliegenden Jahr die Zinsen drastisch gesenkt, um Kredite billiger zu machen und die Konjunktur anzukurbeln.

Ob eine solche Strategie immer aufgeht, ist allerdings fraglich. In Japan beispielsweise liegen die Zinsen inzwischen nahe null. Trotzdem wird kaum investiert. Zu groß ist die Unsicherheit der Unternehmer, ob sich neue Produktionsstätten rentieren.

Mancher ruft in solchen Zeiten nach dem Staat: Mit Ausgabenprogrammen solle er die Wirtschaft ankurbeln. Beispielsweise könnte er mit Aufträgen für neue Straßen und Bahnlinien der Bauindustrie unter die Arme greifen, oder er könnte mit einer Investitionszulage Unternehmer fördern, die trotz der Unsicherheit investieren.

Doch solche Schritte sind umstritten. Denn für sie müsste der Staat sich verschulden. Zwar ließen sich die Schulden über höhere Steuereinnahmen wieder tilgen, wenn die Rezession überwunden ist und die Konjunktur wieder anzieht. Aber die zusätzliche Verschuldung des Staates für Ausgabenprogramme könnte auch eine weitere Verunsicherung bewirken. Denn Privatleute wie Unternehmen ahnen ja, dass der Staat sie in Zukunft zur Tilgung der Schulden mit höheren Steuern zur Kasse bitten wird. Und deshalb, so die Argumentation, würden sie vorsorglich noch mehr sparen und ihre Ausgaben weiter zusammenstreichen.

Viele Wirtschaftswissenschaftler raten deshalb - wie der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage, die "Fünf Weisen" - für Deutschland vorerst noch von staatlichen Programmen zur Konjunkturförderung ab. Dass sich der Staat in Phasen der Rezession durch zusätzliche Ausgaben­ - etwa für Sozial- und Arbeitslosenhilfe - verschuldet, könne man dagegen hinnehmen. Wenn die Konjunktur wieder gut laufe, sollten geringere Ausgaben und höhere Beitragseinnahmen das ausgleichen, meinen sie und plädieren dafür, diese "automatischen Stabilisatoren" wirken zu lassen.

Reformen stehen an

Außerdem sprechen sie sich dafür aus, den Unternehmen etwa durch neue Arbeitszeitmodelle größere Flexibilität zu ermöglichen. Denn wenn die Unternehmen flexibel reagieren können, birgt jede Rezessionsphase auch die Chance, dass sie sich neu orientieren. Es wächst schließlich der Druck, sich von unprofitablen Bereichen zu trennen und intensiver nach neuen, gewinn- und zukunftsträchtigeren Projekten Ausschau zu halten.

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