ABC für Anleger Meldung

Wer Chancen auf den Kapitalmärkten nutzen will, muss die wichtigsten Regeln kennen. Finanztest erläutert daher in jeder Ausgabe ein grundlegendes Thema.

de Deutschlands Sparer klagen über niedrige Zinsen. Für Sparbucheinlagen bekommen sie durchschnittlich nur noch mickrige 0,8 Prozent, das Zinsniveau kennt seit Jahren vor allem eine Richtung: nach unten.

„Nie zuvor hat es in der Bundesrepublik eine so lang andauernde Phase niedriger Zinsen gegeben“, heißt es dazu beim Bundesverband deutscher Banken.

Bereits seit dem Jahr 1996 liegen die Umlaufrenditen für festverzinsliche Wertpapiere unterhalb der 6-Prozent-Marke, aktuell sogar deutlich unter 4 Prozent. An den Umlaufrenditen kann man ablesen, welche Verzinsung festverzinsliche Wertpapiere unterschiedlicher Laufzeiten im Durchschnitt erzielen. So wenig wie heute war es schon lange nicht mehr.

Real siehts besser aus

ABC für Anleger Meldung

Nach Abzug der Inflationsrate bleibt dem Anleger derzeit ein Realzins von 2,7 Prozent. Das ist nicht viel, aber deutlich mehr als 1993. ­Damals fraß die Inflation die hohen Anlagezinsen weitgehend auf.

Doch die rekordverdächtig niedrigen Zinswerte sind trügerisch. Im ak­tuellen wirtschaftlichen Um­feld sind die Minizinsen wertvoller, als es auf den ersten Blick scheint. Das liegt am geringen Preisanstieg, der sich in einer niedrigen Inflationsrate widerspiegelt.

Wichtiger als der reine Anlagezins ist nämlich das, was dem Anleger davon bleibt. Dieser so genannte Realzins ergibt sich, indem man vom Anlagezins die Inflationsrate abzieht. Die inflationsbereinigte Verzinsung ist für den Anleger der entscheidende Maßstab.

Was nützt ihm zum Beispiel eine Spitzenrendite von 10 Prozent, wenn diese mit einem 8-prozentigen Anstieg der Lebenshaltungskosten einhergeht?

Der Realzins von 2 Prozent in diesem Beispiel ist noch niedriger als der aktuelle: Im Juli 2003 stand nämlich einer mickrigen Umlaufrendite von 3,6 Prozent eine extrem niedrige Preissteigerungsrate von 0,9 Prozent gegenüber. Übrig blieb ein Realzins von immerhin 2,7 Prozent.

Das Geld des Anlegers verliert umso stärker an Wert, je höher die Inflationsrate ist. Nur eine hohe Rendite kann das ausgleichen. Umgekehrt bleiben bei einer niedrigen Inflationsrate die Ersparnisse selbst dann erhalten, wenn sie sehr gering verzinst werden. Genau das ist momentan der Fall.

Zinsen auf Berg-und-Tal-Fahrt

Die Grafik zeigt, wie sich der Realzins seit 1985 entwickelt hat. In den 90er Jahren lag er teilweise niedriger als ­heute. Im Dezember 1993 konnten An­leger mit festverzinslichen Wertpapieren zwar eine durchschnittliche Rendite von 5,6 Prozent erzielen, mussten aber mit einer 4,2-prozentigen Preissteigerung leben. So blieb ihnen mit 1,4 Prozent viel weniger als im Juli 2003.

Der Realzins liegt fast immer deutlich unter der Umlaufrendite. Nur im Jahre 1986, als die Inflationsrate kurzzeitig in den negativen Bereich rutschte, war das anders.

Bemerkenswert sind die starken Schwankungen, denen auch der Realzins unterliegt. So betrug er im Jahre 1991 zeitweise über 8 Prozent, drei Jahre später waren es weniger als 2 Prozent.

Dass die Zinsen so stark schwanken, hat wirtschaftliche Hintergründe. Das Zinsniveau orientiert sich vor allem an den Konjunkturerwartungen, der aktuellen Inflation und der Inflationserwartung.

Derzeit läuft die Konjunktur schwach, und die Aussichten für die nähere Zukunft sind ebenfalls nicht gerade rosig. Dazu kommt, dass die Inflation in Deutschland sehr niedrig ist und es nach Expertenmeinung auch noch eine Weile so bleiben wird.

Höchst fragwürdig ist die Reaktion vieler Banken auf die aktuelle Zinssituation. Obwohl sie für Sparguthaben nur minimale Zinsen gewähren, verlangen viele für Raten- und Überziehungskredite ähnlich hohe Zinsen wie vor ein paar Jahren. Die Spanne zwischen dem Anlagezins und dem Ausleihezins hat sich immer weiter vergrößert. Nur die Hypothekenzinsen gehen meist mit dem Zinstrend und sind in den letzten Jahren stark gesunken.

Dieser Artikel ist hilfreich. 278 Nutzer finden das hilfreich.